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» In allen italienischen Städten, durch die ich kam, beobachtete ich einen Brauch solchermaßen ich sonst nirgendwo auf meinen Reisen antraf. Auch glaube ich, dass solcher Brauch in keinem anderen Lande der Christenheit geübet wird. Die Italiener und auch die meisten Fremden, so in diesem Lande weilen, gebrauchen beim Essen von Fleisch eine kleine Gabel, allwelche ihnen beim Schneiden des Fleisches behilflich ist, dergestalt dass sie in einer Hand das Messer halten, sich ein Stückchen abschneiden, welches sie dann mit der Gabel in der anderen Hand aufspießen. Solcherlei Gabeln sind meist aus Eisen oder Stahl, bisweilen auch aus Silber, doch werden sie nur von den Vornehmen benutzt. Der Grund, warum man dieses wunderliche Instrument, die Gabel, einführte, soll darin liegen, daß der Italiener es nicht vertragen kann, wenn jemand seine Speise mit den Fingern berührt, sintemalen nicht alle Finger von allen Leuten gleich sauber sind«.
Thomas Coryate: Venedig und die Rheinfahrt 1608

Es sind fast vierhundert Jahre vergangen, dass der Gebrauch der Gabel in Thomas Coryates Reisebericht aus Venedig besondere Erwähnung fand. Dieses »wunderliche Instrument«, wie er es nennt, ist für uns Europäer von heute ein völlig normaler Gebrauchsgegenstand, ohne den wir nicht zu Tisch sitzen. Und wir würden uns sehr unzivilisiert vorkommen mit der Hand das Essen zum Munde zu führen. Dies war bis ins 16. und 17. Jahrhundert,teilweise noch bis ins 18.Jh, ganz anders. Bis dahin war es allgemein üblich, dass man sich aus der gemeinsamen Schüssel bediente und die festen Speisen, vor allem Fleisch, vorbereitet und zerteilt mit den Händen aß. Völlig unbekannt war die Gabel nicht, aber sie fristete ihr Dasein in der Küche um den Braten zu wenden oder beim Schneiden festzuhalten. Sie war um einiges größer und hatte meist auch nur zwei Zinken.

Die Küchengabel hatte ihre glanzvolle Zeit außerhalb der Küche, als Serviergerät bei Tisch. Hier war die Gabel allerdings ein wichtiges und wertvoll gearbeitetes Utensil.
Zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert wurde an den Tafeln der Fürstenhöfe ein besonderes Zeremoniell gepflegt, das Tranchieren (zerlegen) des Bratens vor allen Gästen. Es war eine besondere Ehre, als "Trincirmeister" dieses Amt auszuüben. Wer diese Kunst beherrschte, genoss hohes Ansehen. Genau vorgeschriebene Regeln waren einzuhalten und besonders schön und prunkvoll gestaltete Vorlegegabeln und Vorlegemesser wurden benutzt.

Schon weit vor dem Bericht des Thomas Coryate, hatten im 11.Jahrhundert Reisende aus Venedig Erstaunliches berichtet. Die Frau des venezianischen Dogen, eine byzantinische Prinzessin, berühre keine Nahrung mit den Händen, sondern führe sie mit einer kleinen Gabel zum Munde. Dies führte zu wütenden Protesten katholischer Würdenträger, sie verdammten die Gabel als Werkzeug des Teufels mit dem die Menschen die »natürliche Benutzung ihrer von Gott gegebenen Finger vergaßen«. Für die aus dem byzantinischen Kulturkreis stammende Prinzessin wird diese Aufregung ziemlich unverständlich gewesen sein, denn auf den Tischen der griechischen und römischen Oberschicht waren zu dieser Zeit schon immer kleine Gabeln in Gebrauch, sie dienten zum Aufspießen von klebrigem Konfekt und Obst.


Erst vierhundert Jahre später wurde der Gabel zunächst in Italien dann in Frankreich ein Platz auf den Esstischen eingeräumt. Zuerst tauchte die Gabel an den europäischen Fürstenhöfen auf, und selbst hier gab es Vorbehalte. Der französische König Ludwig XIV. (1643-1715) aß nach alter Sitte mit den Fingern und dem Messer, er verbot sogar seiner Familie den Gebrauch der Gabel während seiner Anwesenheit. Trotz aller Einwände war das Benutzen der Gabel aber nicht aufzuhalten, nach dem Adel übernahm auch das Bürgertum allmählich die neuen Verhaltensweisen bei Tisch.
Im 19.Jahrhundert schließlich hatte sich die Benutzung der Gabel weitgehend durchgesetzt. "Mit der Gabel ist´s ein Ehr: mit dem Löffel kriegt man mehr" sagte dazu der Volksmund und man war immer noch nicht völlig überzeugt von den neuen Sitten bei Tisch.

Die ursprüngliche Form der (Servier-)Gabel mit zwei Zinken passte sich der veränderten Nutzung an, sie war nicht mehr gerade sondern erhielt eine leichte Krümmung um etwas darauf zu schieben. Auch die Anzahl der Zinken vermehrten sich, es wurden drei bzw. vier und in manchen Fällen sogar fünf.
Zusammen mit der Einführung der Gabel entwickelte sich seit dem späten 17.Jahrhundert der Bestecksatz aus zueinander passenden Löffel, Gabel und Messer.

Nicht immer bedeutete das Wort "Besteck" das, was wir heute darunter verstehen, einen Satz Essgeräte mit einheitlicher Gestaltung der Griffe. Bis zum 17.Jahrhundert war es selbstverständlich das jederman sein "Besteck", ein Behältniss mit Essgeräten und Werkzeugen (Ahle,Pfriem), vor allem auf Reisen mit sich führte. Einfache Leute trugen es am Gürtel, meist nur mit einem Messer darin. Vornehme Reisende dagegen führten Behältnisse aus Leder oder aufwendig bearbeitetem Holz mit sich, da man nie sicher war in einer Herberge immer Essgeräte vorzufinden.
Große einheitlich gestaltete Bestecksätze für sechs, zwölf oder mehr Personen, wie sie bis heute gebräuchlich sind, entstanden seit 1700, zunächst an den Fürstenhöfen und dann einhundert Jahre später auch für den bürgerlichen Haushalt.


 

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