
Es war einmal vor langer, langer Zeit, da schenkte eine gute Fee einem armen kleinen Mädchen ein
Töpfchen, das immer dann süßen Brei kochte, wenn das Mädchen hungrig war. Nur einmal,
das Mädchen war nicht zu Hause, benutzte die Mutter das Töpfchen. Als sie genug hatte, wusste sie nicht wie man es zum Stillstand brachte, und so kochte und kochte es ohne aufzuhören so lange, bis alle Straßen des kleinen Dorfes mit Brei verstopft waren und niemand mehr hinein konnte, ohne sich durch den Brei hindurch zu essen. Wer erinnert sich nicht
an dieses Märchen aus seinen Kindertagen.
In unserer heutigen modernen Welt lebt nur noch der neue Erdenbürger in den ersten Lebensmonaten von Brei, der aber sonst in der täglichen Nahrung keine so große Rolle mehr spielt. Dies war nicht immer so.
Seitdem der Getreideanbau vor ungefähr 8000 Jahren begann, waren ein Brei oder eine dicke Suppe aus Hirse, Hafer, Gerste, Weizen,
Roggen, und - seit Columbus Amerika entdeckte - auch Mais für einen großen Teil der Menschheit bis ins späte Mittelalter der Grundbestandteil der Nahrung.
Das wichtigste Speisegerät für diese Brei-und Suppenkost war der Löffel. Obwohl er schon in den großen
antiken Kulturen des Mittelmeerraumes bekannt war, wurde doch der größte Teil der Nahrung, teilweise noch bis in die späte Neuzeit
(18.Jh.), mit den Fingen gegessen. Zum Zerteilen und Schneiden der Nahrung benutzte man das Messer,
welches damit neben dem Löffel das älteste Esswerkzeug des Menschen ist.
Schon seit dem 12.und 13.Jahrhundert war die Jagd einer privilegierten Schicht vorbehalten.
Für den größten Teil der Bevölkerung waren Produkte der Jagd, Wild und Geflügel, unerreichbar. Dies war »Herrenspeise «
und die aß man vorbereitet und schon zerteilt mit den Fingern und einem Brotstück, ein Löffel war dabei nicht nötig. So ist es kaum verwunderlich, dass vor dem 16. Jahrhundert der Löffel auf Darstellungen von Tafelszenen und Stilleben kaum erscheint, es sei denn als Schöpflöffel. Auf dem Tisch der Reichen wurde kein Löffel benötigt; und der Tisch der Armen, auf dem der Esslöffel
seinen traditionellen Platz für die tägliche Ernährung hatte, fand als Motiv der » hohen « Malerei nur geringe Beachtung.
Als früheste Löffel dienten natürliche Gegenstände, Muscheln, Schneckenhäuser, Tierknochen oder Schalen von großen Früchten. Dann war über Jahrtausende das einfach zu beschaffende Holz der Rohstoff, aus dem bei einigem Geschick jedermann seinen Löffel selbst herstellen konnte. Das Material war zwar großem Verschleiß ausgesetzt, da es aber schnell zu ersetzen war, konnte man den Löffel bedenkenlos bei Beschädigung in den Abfall werfen oder noch als Brennmaterial nutzen. In seltenen Fällen, eben weil die meisten Holzlöffel vergangen sind, tauchen sie heute bei archäologischen Ausgrabungen von Abfallgruben und Latrinen aus der Vergangenheit auf und sind für jedes Museum ein besonders seltenes und hervorgehobenes Ausstellungsstück.
Die frühe Form des Löffels blieb bis ins 15. und 16. Jahrhundert fast unverändert: Eine runde,
flache, schalenförmige Laffe - wohl der hohlen Hand nachgebildet - und ein kurzer, handbreiter Griff.
Der beginnende erweiterte Warenaustausch mit den Ländern des
Mittelmeeres,
des Orients und aus Übersee in der frühen Neuzeit (16.Jh.) brachte bis dahin unbekannte neuartige Nahrungsmittel, Gewürze und Früchte nach Mitteleuropa und veränderte das bis dahin schlichte, oft einseitige Speiseangebot. Es wurde immer vielfältiger, üppiger und wer es sich leisten konnte speiste gar luxuriöser.
In Europa verstärkte sich das soziale Gefälle zwischen Stadt und Land immer mehr.
Während die Landbevölkerung ihre traditionellen Nahrungsgewohnheiten beibehielt,
veränderten sich die Sitten vor allem der adeligen Oberschicht. Das durch Handel und Handwerk wohlhabend gewordene Bürgertum in den Städten versuchte es ihnen soweit wie möglich gleichzutun. Dies hatte auch Auswirkungen auf den Löffel und bescherten ihm eine neue Form und neue Materialien.
Bis zum späten Mittelalter war es für Bauern und Bürger ganz normal, sich mit einem Holzlöffel zu begnügen,
der in einem Lederfutteral am Gürtel hing oder am Hut steckte.
Wenn man zu einem Gastmahl
eingeladen war, musste der Löffel mitgebracht werden. Allmählich, im Laufe des 17. Jahrhunderts und beginnend bei den wohlhabenderen Stadtbürgern, wurde es dann üblich,jedem Gast einen eigenen Löffel hinzulegen und die Suppe nicht mehr aus der
gemeinsamen Schüssel zu löffeln. Noch war der Stiel des Löffels dünn und eine Handbreit lang, aber
er war nicht mehr nur der einfache Gebrauchsgegenstand. Wer es sich erlauben konnte, ließ sich Löffel
aus Zinn gießen. Holzlöffel veredelte man, indem der Stiel in eine Silberhülse gesteckt wurde.
Edle Hölzer wurden zum bevorzugten Ausgangsmaterial der Löffelherstellung, die Stielenden
wurden plastisch reich verziert. Solche kostbaren und wertvollen Tischgeräte verwiesen auf
Erfolg und Ansehen in der Gesellschaft.
Zum anderen veränderte auch die Mode die Form der Löffel.
Die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verbreitete
» spanische Tracht « mit breiter Halskrause und voluminösen Ärmeln beeinflusste tatsächlich die Gestaltung der Löffel. Wollte man in eleganter Haltung und ohne den großen Kragen zu beschmutzen die Speise zum Mund führen, wurde ein langer Löffelstiel benötigt. Auch eine tiefere Laffe, oval oder birnenförmig, war für
den etwas längeren Transportweg der Nahrung von Vorteil.
Man unterwarf sich nun den neuen, « zivilisierten »
Verhaltensregeln, die z.B. das übliche Rülpsen, Spucken, das gierige Essen oder ins Tischtuch Schnäuzen bei
Tisch verboten. « Wer schmatzt oder schnauft, wenn er isst, vergisst seine gute Erziehung.
Am Tisch kratze dich nicht, es ist bei Hofe unfein.» war die Empfehlung eines der vielen
Benimmbücher bzw.Tischzuchten zu Beginn des 16. Jahrhunderts. « Greiff auch nach keiner speise mehr, Biß dir dein mund sey worden leer! Red nicht mit vollem mund! Sey messig. Sey in der schüssel nit gefressig, » heißt es in einer Tischzucht aus der gleichen Zeit. Auch das vornehme Halten des Löffels mit Daumen und drei Fingern gehörte nun, nachdem man vorher den Löffelstiel mit der ganzen Faust umfasst hatte, zum guten Ton.
Waren Löffel und Messer bis ins Mittelalter die täglichen Begleiter bei Tisch, so gesellte sich im 17. Jahrhundert ein weiteres, fast völlig unbekanntes Gerät hinzu, die Gabel, deren Geschichte ausführlich an anderer Stelle erzählt wird.
Jetzt lagen Messer, Gabel und Löffel gemeinsam als Besteck auf der kultivierten Tafel, sie unterwarfen sich
erstmalig einer einheitlichen Gestaltung und Dekoration.
Die Gabel verdrängte zwar den Löffel von seinem Platz als
wichtiges Essgerät, aber kein anderes Besteckteil hat seine Form den sich verändernden Tafelkulturen, Stilrichtungen,
anderen Nahrungsmitteln und Getränken so angepasst wie der Löffel. Das ist bis heute so, dafür mag
der langstielige Löffel im Latte-Macchiato-Glas als modernes Beispiel dienen.
Über die Jahrhunderte war der Löffel der unverzichtbare tägliche Begleiter des Menschen und
tief im Brauchtum verankert. Er gehörte so sehr zum Alltag, dass wichtige Lebensstationen durch zahlreiche
Sprichwörter und Redewendungen mit dem Löffel in Verbindung gebracht.
Wer mit Reichtum und Glück gesegnet war, wurde « mit einem silbernen Löffel im Mund geboren ». Und wenn das Leben zu Ende ging, hieß es « den Löffel abgeben ». Als Patengeschenk erhielt (und erhält manchmal
noch heute) der neue Erdenbürger einen wertvollen silbernen Tauflöffel, der bewahrt und vererbt wurde.
Zur Hochzeit
übergab man dem jungen Paar sogenannte Liebeslöffel, versehen mit Symbolen der Liebe und Fruchtbarkeit oder mit
eingravierten Sinnsprüchen.
Im englischen Wales ist es heute noch üblich, dass der Bräutigam seiner Braut einen selbst
geschnitzten Löffel mit zwei oder mehr Laffen verehrt, die darauf hindeuten sollen, dass für das zukünftige
Paar und auch die Nachkommenschaft stets genug zum « Löffeln » vorhanden sein möge.
Weitere Redensarten weisen auf den Dummkopf, der « die Weisheit mit dem Schaumlöffel gegessen » hat, oder den Gauner, der «silberne Löffel gestohlen hat.» Und dieser musste dann sehr wahrscheinlich « die Suppe auslöffeln, die er sich eingebrockt hatte ». Die Klage eines Pechvogels war« wenn´s Brei regnet, fehlt mir der Löffel». Ein Beispiel für große Lebenserfahrung und gesundem Menschenverstand war der Spruch« Ein Löffel voll Tat, ist besser als ein Scheffel voll Rat».