Der Gräfrather Kirchenschatz

Foto: Kirchenportal

»Alle Güter der fundirten Stifter, Abteyen und Klöster,... werden der freien und vollen Disposition der respectiven Landesherrn, sowohl zum Behuf des Aufwandes für Gottesdienst, Unterrichts- und andere gemeinnützige Anstalten, als zur Erleichterung ihrer Finanzen überlassen,…«

Mit dieser staatliche Anordnung vom Februar 1803 kam das Ende des 1185 gegründeten Klosters und späteren Augustiner-Chorfrauen-Stifts Gräfrath.
Die Schließung war eine Folge der verschiedenen Koalitionskriege nach der Französischen Revolution. Da Napoleon als Sieger aus diesen Kriegen hervorging mussten die linksrheinischen deutschen Gebiete an Frankreich abgetreten werden. Zahlreiche deutsche Fürsten wurden für ihre dabei entstandenen Gebietsverluste mit dem Vermögen der Klöster und der geistlichen Territorien auf der rechten Rheinseite entschädigt.
Im August 1802 trat eine ausserordentlichen Reichsdeputation zusammen, in einem umfangreichen Vertragswerk, dem Reichsdeputationshauptschluss, wurde festgesetzt in welcher Weise die betreffenden Fürsten abgefunden werden sollten.

Dies hatte weitreichende Folgen für alle kirchlichen Einrichtungen, die Besitztümer der geistlichen Klöster und Stifte wurden zu diesem Zweck enteignet, auch das Stift Gräfrath war davon nicht ausgenommen.
Sein gesamter Grundbesitz wurde zugunsten des Landesherren verkauft, alle sonstigen Vermögensteile und das Archiv wurden dem Kurfürsten von Bayern, der gleichzeitig Herzog von Berg war, übertragen und nach Düsseldorf überführt. Die letzten Foto: Graefrather Pfarrkirche Bewohnerinnen erhielten eine Staatspension und zogen nach und nach aus. Die Klosterkirche wurde der Gräfrather Pfarrgemeinde übergeben, die übrigen Gebäude einer anderen Nutzung zugeführt.

In der langen Zeit seines Bestehens hatte das Kloster durch Zuwendungen des bergischen Adels beträchtliche Einkünfte aus Liegenschaften und Renten. Diesen Reichtum bezeugt auch der noch erhaltene Kirchenschatz der Klosterkirche: Sakramentsmonstranzen und Reliquienbehälter, wertvolle Goldschmiedearbeiten aus gotischer und barocker Zeit.
Obwohl 1803 der damalige Landesherr des Herzogtums Berg, der bayrische Kurfürst Maximilian Joseph, ausdrücklich anordnete, es solle »…alles bare Geld, Gold, Silber und sonstige Pretiosen hierher (nach München) gebracht werden «, blieb der Schatz in der Klosterkirche, wieso er nicht eingezogen wurde, konnte bisher nicht geklärt werden.

Foto Die Verehrung von Heiligen und deren Reliquien galten im Mittelalter als unverzichtbarer Bestandteil des religiösen Lebens. Knochen, Haare und Kleidungsstücke eines toten Heiligen waren der kirchlichen Lehre zufolge von dessen Geist durchdrungen und besaßen deshalb mystische und heilende Eigenschaften. Die Reliquien wurden in kostbaren Behältern aufbewahrt und den Gläubigen zur Schau gestellt.

Über Jahrhunderte hinweg sind immer wieder Reliquien durch Stiftungen nach Gräfrath gekommen. Im Jahre 1309 gelangte aber eine besonders herausragende Reliquie an das Gräfrather Kloster. Diese Reliquienübertragung stellte den Höhepunkt in der Geschichte des Klosters dar. Die Legende berichtet, dass ein Johanniterritter aus dem Geschlecht der Grafen von Hückeswagen seiner im Kloster lebenden Schwester einen Knochensplitter der heiligen Katharina von Alexandrien aus dem Heiligen Land als Geschenk überbringen wollte. Bei der Überfahrt nach Europa geriet sein Schiff in Seenot, er konnte sich retten indem er das Kästchen mit dem Knochensplitter dem Meer opferte. Nach seiner Heimkehr berichtete er Katharina von dem Verlust. Sie hatte den Knochensplitter jedoch bald nachdem der Ritter ihn ins Meer geworfen hatte, von einem weiß gewandeten Unbekannten überbracht bekommen.
An dieser Reliquie ereigneten sich, wie von Zeitgenossen schriftlich bezeugt, Wunder.
Dem Knochensplitter sei des öfteren eine Flüssigkeit ausgetreten und in Glasflaschen aufgefangen worden. Die aus den Jahren 1312 bis 1325 erhaltenen Mirakelurkunden sprechen von Öl, Honig, Wasser, Claret (Wein) oder Blut. Foto Dies machte Gräfrath in dieser Zeit zu einem viel besuchten Wallfahrtsort und weit über den regionalen Raum bekannt. Nach dem Tode der Katharina von Hückeswagen (1323) blieben die Wunder aus, die Verehrung der Katharinenreliquie jedoch blieb bis ins 15.Jahrhundert erhalten.

Dieser einzigartige Kirchenschatz, heute im Besitz der Kirchengemeinde St. Mariä Himmelfahrt Solingen-Gräfrath, ist als Dauerausstellung in das Deutsche Klingenmuseum integriert und damit auf Dauer der Öffentlichkeit zugänglich.
Als Schatzkammer dient der südliche Kreuzgangflügel des ehemaligen Stiftsgebäudes, der früher als nördliches Seitenschiff zur romanischen Klosterkirche gehörte.

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