120 Jahre Müngstener Brücke - Auf dem Weg zum Welterbe?

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Serielle Bewerbung in Gemeinschaft mit den Brücken Ponte Maria Pia und Ponte Dom Luis I. in Portugal, der Ponte San Michele in Italien und dem Garabit-Viadukt in Frankreich?

Im Oktober wird die Müngstener Brücke 120 Jahre alt. Pünktlich zum Geburtstag finden am 27. und 28. Oktober ein zweitägiger Fachkongress mit Experten aus ganz Europa und eine feierliche Abendveranstaltung unter der Müngstener Brücke statt. Initiatoren sind die drei Bergischen Oberbürgermeister. Ziel ist es, eine serielle Bewerbung zum Welterbe in Gemeinschaft mit den Brücken Ponte Maria Pia und Ponte Dom Luis I. in Portugal, der Ponte San Michele in Italien und dem Garabit-Viadukt in Frankreich zu diskutieren, fachlich zu untermauern und die nächsten Schritte eines gemeinsamen Weges zu vereinbaren.

Der Hintergrund

Die Müngstener Brücke ist in vielerlei Hinsicht ein technisches Pionier- und Meisterwerk. Seit 1985 steht sie deshalb unter Denkmalschutz und ist als Denkmal nationaler Bedeutung eingestuft.

Bis heute ist sie die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands [107 Meter]. Mit 170 Metern hatte die Stahlbogenkonstruktion im Zeitalter des Deutschen Reiches die größte Spannweite. Die bestehende Eisenbahnverbindung zwischen Remscheid und Solingen hat sie von 44 Kilometer auf acht Kilometer verkürzt. So wurde sie zum zentralen Baustein in der Entwicklung der Industrieregion des "Bergischen Städtedreiecks" Solingen – Remscheid – Wuppertal mit ihrer exportorientierten Werkzeug-,Klingen- und Textilindustrie – einer Region, in der die Erschwernis topographischer Bedingungen stets technisch und gestalterisch gemeistert werden musste.

Heute ist die Müngstener Brücke eine der ganz wenigen erhaltenen Großbrücken in Deutschland, die während der zweiten industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurden und noch weitgehend original erhalten sind. In der Entwicklung der europäischen Bautechnik war sie ein Meilenstein: Ihre Konstruktion und Bauweise führt das Know-How unterschiedlicher europäischer Ingenieurschulen und deutscher Brückenbaufirmen der damaligen Zeit zusammen, erstmals wurden neuartige Materialien eingesetzt.

Aber nicht nur für die Geschichte der Bautechnik hat die Müngstener Brücke weltweite Bedeutung, sie ist auch eine „Ikone“ des Industriezeitalters mit hohem Symbolwert und großer Anziehungskraft. Mit dem Bau entstanden Ausflugslokale und Aussichtspavillons, die die Besucherströme aufnahmen und das Bauwerk „in Szene“ setzten. Diese Tradition setzt sich bis in die Gegenwart fort: 2006 wurde der Brückenpark Müngsten eröffnet, in dem sich auch Haus Müngsten befindet.

Bis heute ist das monumentale Bauwerk nicht nur wichtiger Verkehrsweg, es hat vielmehr in der Region und darüber hinaus eine ausgesprochen große identitätsstiftende Bedeutung.  

Die Vorgeschichte

2011 beteiligte sich das Bergische Städtedreieck am sogenannten Interessenbekundungsverfahren des Landes Nordrhein-Westfalen. Jedes Bundesland war aufgerufen, zur Aktualisierung der bundesdeutschen Vorschlagsliste potenzieller künftiger Welterbestätten maximal zwei Vorschläge zu melden. Die Jury und das Land NRW entschieden sich zwar für die "Industrielle Kulturlandschaft" Ruhrgebiet, attestierte der Region aber eine hervorragende Bewerbung. Sie empfahlen eine so genannte serielle transnationale Bewerbung mit vergleichbaren Brückenbauwerken in Europa, um die Chancen bei der UNESCO signifikant zu erhöhen.

Geburtstag als Startpunkt eines international bedeutsamen Großprojektes

Auf Initiative der drei Bergischen Oberbürgermeister soll der 120. Geburtstag der Müngstener Brücke zum Startschuss eines gemeinsamen Weges zum Welterbe werden. Die Federführung des Gesamtprozesses liegt in der Abteilung Strategische Planung im Büro des Solinger Oberbürgermeisters Tim Kurzbach. Als erster Schritt des gemeinsamen Weges findet im Haus Müngsten unter der Müngstener Brücke am 27. und 28. Oktober ein zweitägiger Fachkongress statt, bei dem Experten aus ganz Europa erwartet werden. Mitveranstalter sind die Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) und TICCIH (The International Committee for the Conservation of Industrial Heritage), welche die UNESCO in ihren Entscheidungen fachlich beraten.

Ziel des Fachkongresses ist es, ein europäisches Netzwerk zur Unterstützung des Antrages aufzubauen. Zudem sollen die Fachleute aber auch die inhaltlichen Grundlagen für eine Welterbe-Bewerbung legen, die in einem Tagungsband dokumentiert werden.

"Es ist ein langer, aber äußerst interessanter Weg, auf den wir uns ab dem 27. Oktober begeben. Er führt uns nicht nur in die Region, sondern nach Europa. Durch unsere Brückenschläge werden wir neue Freunde in Portugal, Italien und Frankreich gewinnen. Darin steckt Potenzial: Über die Brückenfreundschaften und das Welterbe hinaus können wir auch auf anderen Gebieten Gemeinsamkeiten finden und zusammenarbeiten“, betont Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach.

Feierliche Abendveranstaltung mit Höhepunkt einer Wupperillumination

Im Anschluss des ersten Fachkongresstages ist am 27. Oktober eine feierliche Abendveranstaltung geplant. Gäste sind unter anderen die Fachleute des Kongresses, die UNESCO-Vertreter der beteiligten Länder, Vertreter der Politik und der beteiligten Regionen. Als Festrednerin ist die Deutsche Vertreterin im Welterbekomitee, Dr. Birgitta Ringbeck, angefragt. Sie wird in ihrem Vortrag auf die Idee eines seriellen Welterbes und auf das konkrete Vorhaben eingehen. Im Rahmen der Abendveranstaltung wird zudem erstmals eine Wupperillumination der fünf Brücken aus Deutschland, Portugal, Frankreich und Italien präsentiert, die während des Brückenfestes noch mehrmals stattfinden wird.

"Die Zusage des Oberbürgermeisters der Stadt Porto, Herrn Rui Moreira, liegt uns bereits vor. Er ist begeistert von unserer Initiative zum seriellen Welterbe. Auch das ist für mich ein Beleg dafür, dass wir mit unserer Idee auf dem richtigen Weg sind, führt Remscheids Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz aus. "Wir stehen als Bergisches Städtedreieck gemeinsam hinter einer Welterbe-Bewerbung. Die Müngstener Brücke erfüllt als ein Wahrzeichen der Bergischen Region auf hervorragende Weise die Kriterien der UNESCO: Authentizität und Integrität, das bedeutet Echtheit und Unversehrtheit“, ergänzt Wuppertals Oberbürgermeister Andreas Mucke.

Nach dem Kongress ist vor der Bewerbung

Aufbauend auf den Ergebnissen des Kongresses und der Dokumentation im Tagungsband wird das neu formierte Netzwerk in den nächsten Monaten dann gemeinsam festlegen, welche nächsten Schritte auf dem Weg zum Welterbe folgen.

"Eine Auszeichnung als Weltkulturerbe in vielleicht zehn oder fünfzehn Jahren wäre das touristische Leuchtturmprojekt für die Bergische Region. Nicht nur der Fremdenverkehr und das Tourismusgewerbe würden durch den sogenannten "Welterbe-Tourismus" davon profitieren, sondern das Image des Bergischen Städtedreiecks erhielte einen weiteren Aufschwung. In der ganzen Welt würde in Publikationen und im Internet auf das Welterbe Müngstener Brücke hingewiesen, " zeigen sich Stephan A. Vogelskamp als Geschäftsführer der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft und Carsten Zimmermann als Projektleiter überzeugt.

Mit Spannung kann die Region somit auf die kommenden Jahre und die Fortentwicklung der "Brückenfreundschaften" nach Europa sowie der potenziellen Welterbe-Bewerbung sehen.