25. Jahrestag des Brandanschlages auf Familie Genç

- 112/pe

Gedenken in Solingen

„Liebe lässt den Menschen leben, aber der Hass bringt den Tod." Über dem Gedenken zum 25. Jahrestag des Brandanschlages in Solingen auf die türkischstämmige Familie Genç steht 2018 ein Satz, den Mevlüde Genç in einer Rede zum zwanzigsten Jahrestag geprägt hat. Seit 1993 wird jährlich in der Klingenstadt des Anschlages und der Opfer öffentlich in einer zentralen Feier am Mahnmal gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gedacht.

Wie der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach zusammen mit der Familie Genç am 27. Februar bekanntgab, wird es aus Anlass des 25. Jahrestages über das Erinnern am Mahnmal hinaus weitere Gedenkfeierlichkeiten in Solingen geben, die gemeinsam ausgerichtet werden von der Familie, der DiTiB-Gemeinde Solingen, der Evangelischen Kirche, dem Bündnis für Toleranz und Zivilcourage und der Klingenstadt Solingen.

Der Gedenkstunde am Mahnmal folgen auf Einladung der Evangelischen Kirche ein interreligiöses Gebet in der evangelischen Stadtkirche im Zentrum der Stadt. In der Kirche wird auch der Solinger Preis für Zivilcourage „Der Silberne Schuh" verliehen.

Im Anschluss laden die DiTiB-Gemeinde Solingen, die Evangelische Kirche und der Solinger Oberbürgermeister die Solinger Muslime und Christen zu einer gemeinsamen Iftar-Feier in der Kirche und auf dem davor gelegenen Stadtplatz ein, dem Fronhof. Der „Iftar" ist die Mahlzeit, die im muslimischen Fastenmonat Ramdan nach Einbruch der Dunkelheit eingenommen wird, gerne im Kreis der Familie oder in der Moschee. Mit dem gemeinsamen Iftar in und vor der Stadtkirche wollen die Organisatoren ein Zeichen setzen für die Verbundenheit der Menschen in Solingen, die über Nationalität, Herkunft und Konfession hinweg reicht. In der 160.000-Einwohnerstadt Solingen, die Handwerk und Industrie geprägt haben, leben heute Menschen aus rund 140 Nationen.

Das Gedenken beschließt ein Mahngang von der evangelischen Stadtkirche zum rund 2 Kilometer entfernten, früheren Standort des Wohnhauses der Familie an der Unteren Wernerstraße.

29. Mai 2018 - Ablauf der offiziellen Veranstaltungen

  • 16.00 Uhr
    Gedenken am Mahnmal vor dem Mildred-Scheel-Berufskolleg
    16:00 Uhr  
    Ansprache Oberbürgermeister Tim Kurzbach
    16.10 Uhr
    Schweigeminute
    16.15 Uhr
    Ansprache der Vertretung des türkischen Staates
    16.25 Uhr
    Ansprache Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen
    16.35 Uhr
    Koranrezitation auf Arabisch und Deutsch
    16.45 Uhr
    Gebet von Özlem Genç auf Deutsch
    16.50 Uhr
    Gedicht von Schülerinnen und Schülern des Mildred-Scheel-Berufskollegs und der Ditib-Merkez-Moschee
    16.55 Uhr
    Gebet des Imams
  • 20:00 Uhr
    Gebet der Religionen
    Ev. Stadtkirche, Fronhof, Kirchenraum
  • 20:30 Uhr
    Verleihung des Zivilcouragepreises „Silberner Schuh"
  • 21:00 Uhr
    Versammlung zum Iftar (gemeinsames Fastenbrechen):
    Gebete,  Gelegenheit zum Austausch und miteinander reden im Bürgersaal der Stadtkirche und in Zelten auf dem Fronhof
    21:34 Uhr
    Sonnenuntergang in Solingen und Beginn des Essens
  • Gegen 22:30 Uhr
    Schweigemarsch zur Unteren Wernerstraße

Zum Hintergrund

Am 29. Mai 1993, einem Pfingstsamstag, verübten vier junge Männer mit Verbindungen in die rechtextreme Szene einen Brandanschlag auf das Wohnhaus der Familie Genç an der Unteren Wernerstraße, bei dem zwei junge Frauen und drei Mädchen ums Leben kamen. Rostock, Mölln, Hoyerswerda und Solingen: Der Anschlag bildete den traurigen Höhepunkt einer ganzen Reihe ausländerfeindlicher Attacken in Deutschland zu Beginn der 90er Jahre. Er jährt sich am 29. Mai 2018 zum 25. Mal.

Bei dem Anschlag auf das Wohnhaus der Familie am 29. Mai 1993 kamen fünf junge Menschen ums Leben: Gürsün Ince, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya und Saime Genç. Mevlüde war Mutter, Großmutter und Tante der getöteten Frauen und Mädchen. Schon unmittelbar nach dem Anschlag hatte sie die Menschen aller Nationalitäten dazu aufgerufen, aufeinander zuzugehen und den Frieden zu bewahren. So hatte sie zu einer Beruhigung in der Stadt beigetragen, deren Zentrum einige Tage von teils gewalttätigen Demonstrationen erschüttert wurde. Bis heute lebt die Familie in Solingen.

Für die Familie, die nach wie vor in Solingen lebt, ist der Anschlag bis heute eine furchtbare Tragödie, an deren Folgen sie leidet. Viele Solingerinnen und Solinger erlebten den Gewaltausbruch in der eigenen Stadt als Schock - und als Anstoß zuzugehen auf unbekannte Nachbarinnen und Nachbarn aus rund 140 Nationen. In der kommunalpolitischen Debatte erhielten Integration und Zuwanderung einen höheren Stellenwert.

Was von 1993 deshalb auch in Erinnerung blieb, ist das überwältigende Eintreten der Solingerinnen und Solinger gegen Gewalt und Rassismus - quer durch alle Bevölkerungsgruppen.
Heute ist das Zusammenwachsen der in Solingen lebenden Menschen - mit ihren unterschiedlichen Herkünften, Glaubensüberzeugungen und Traditionen - zu einer friedlichen und bunten Stadtgesellschaft ernsthaftes Anliegen aller, die in Solingen Verantwortung tragen. Viele Menschen sind überzeugt, mitverantwortlich zu sein für die Bewältigung des Anschlages und für das nachhaltige Gelingen des Zusammenlebens in Solingen.

Bürgerinnen und Bürger initiierten Projekte, die Zeichen setzten: So entstand bereits 1994 auf Initiative der Jugendhilfewerkstatt ein Mahnmal, das heute vor der Mildred-Scheel-Schule steht und das zu einem beeindruckenden Wall aus persönlichen Bekenntnissen gegen Hass und Gewalt angewachsen ist. Auch das „Solinger Bündnis für Toleranz und Zivilcourage", in dem viele verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Persönlichkeiten mitarbeiten, entstand aus dem Bedürfnis, nicht untätig bleiben zu wollen.

Das Bündnis koordiniert auch die Planungen zum Gedenken an die Jahrestage des Brandanschlags. Viele Initiativen, Vereine und Institutionen wie Kirchen- und Moscheegemeinden beteiligen sich. Es besteht Einigkeit darin, dass der Blick nicht nur zurück, sondern auch nach vorn gerichtet werden muss - auf ein friedliches und gelingendes Zusammenleben der Gesellschaft in Toleranz und Vielfalt.

Begleit-Aktionen zum Jahrestag 2018

  • Am 21. März, dem "Internationalen Tag gegen Rassismus", wird auf der Homepage www.solingen.de eine Videopräsentation freigeschaltet mit Statements der bisherigen Preisträger des "Silbernen Schuhs" zu ihrem Engagement und ihren Anliegen. Denn Zivilcourage ist heute wichtiger denn je.
  • Am 13. April startet auf www.solingen.de die Porträt-Reihe "14 aus 140" über Menschen aus anderen Herkunftsländern, die längst in der Klingenstadt heimisch geworden sind. Jeden Dienstag und jeden Freitag wird bis zum Jahrestag des Brandanschlags eine neue Folge gepostet um zu zeigen, wie Integration gelingen kann.
  • Am 22. Mai beginnt die Plakat-Kampagne "Mensch, Solingen: 140 Nationen - eine Stadt". Für zehn Tage zeigen Angehörige der 140 in Solingen vertretenen Nationalitäten (von A wie Afghanistan bis Z wie Zypern) ihr Gesicht für eine bunte Klingenstadt.

 

Kontakt