Besuch aus Brasilien

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Kalenderempfänger bedankt sich bei OB Feith

Rund 300 Kalender mit aktuellen Solingen-Ansichten versendet die städtische Partnerschaftsbeauftragte Doris Diefenbach alljährlich an ehemalige Mitbürger, die teils schon seit vielen Jahren im Ausland leben. Einer der Adressaten stattete Oberbürgermeister Norbert Feith am Montag (13. Januar) einen Besuch ab, um sich persönlich zu bedanken: Leomar Tesche aus der südbrasilianischen Stadt Três de Maio im Staat Rio Grande do Sul.

Der 57-jährige Sportwissenschaftler staunte nicht schlecht, als der sprachversierte Feith ihn in fließendem Spanisch begrüßte. Denn Tesche kommt aus einer Grenz-Region, wo sowohl das brasilianische Portugiesisch als auch das argentinische Spanisch gesprochen wird. In seiner Familie wurde zusätzlich die deutsche Sprache gepflegt - und zwar als eine Mischung aus Hunsrücker und Soliger Platt.

Leomars Ur-Ur-Großvater Carl Tesche verließ mit seiner frisch verwitweten Mutter und seinen fünf Geschwistern als 20-Jähriger die Klingenstadt, um 1859 nicht nur ein neues Land und eine fremde Kultur, sondern auch seine Frau Catharina kennenzulernen. Deren Familie war aus dem Hunsrück in die Neue Welt aufgebrochen, um dort ihr Glück zu finden. Ein Glück war es auch für Leomar Tesche, dass seine Ur-Ur-Großmutter nicht auf ihre Eltern gehört hat: Die waren nämlich eher skeptisch, als ihre Tochter sich in einen Solinger Schmied und nicht in einen Landwirt verliebte. Gleichwohl verstand es das junge Paar, das zur Verfügung gestellte Land rasch urbar zu machen.

Beider Sohn Emil, in dessen brasilianischem Tanzsaal sich auch der deutsche Turnsport etablierte, scheint seinen Nachkommen entsprechend beeinflusst zu haben: Leomar Tesche forscht als Professor an der sportpädagogischen Abteilung der Universität von Santa Rosa, wie die Söhne von Turnvater Jahn ihre Passion den brasilianischen Nachbarn nahe brachten und den Turnsport in Rio Grande do Sul etablierten. Schriftliche Grüße hatte der Wissenschaftler mitgebracht von Feiths brasilianischem Amtskollegen: In seinem Brief berichtete der Bürgermeister von Três de Maio, dass 72 Prozent der 24.500 Einwohner deutsche Wurzeln haben.

Mit großem Interesse blätterte der Oberbürgermeister zudem in der 80-seitigen Genealogie von Tesches Familie, an der der Hobby-Ahnenforscher seit 1977 arbeitet. Der älteste Ur-Ahn, den er verzeichnen konnte, war der 1630 in Löhdorf dokumentierte Engelbert Tesche. Feith erbat eine Kopie der ebenso interessanten wie inhaltsreichen Abhandlung für das Solinger Stadtarchiv: Dies sei der richtige Ort, um Stadtgeschichte(n) zu bewahren. Auch Tesche hat schon viel von den Archiv-Mitarbeitern über seine Solinger Wurzeln erfahren. Stolz ist er beispielsweise darauf, dass am Theater eine Straße nach seiner Familie benannt wurde. Ein weiterer wichtiger Gesprächspartner ist für Leomar Tesche der Solinger Heimatforscher Alexander Fülling, mit dem er sich am Montag noch traf, bevor er nach Tübingen weiterreiste. Dort pflegt er als Gastprofessor des sportwissenschaftlichen Instituts einen regelmäßigen Austausch mit seinen deutschen Kollegen über sein Forschungsgebiet. An der Universität Tübingen ist zudem ein Brasilien-Zentrum angesiedelt. Am 20. Januar fliegt Leomar Tesche zurück nach Südamerika - mit vielen neuen Impressionen aus der Heimat seiner Ur-Ur-Großeltern.