Ein Tag in Yad Vashem und Jerusalem

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Am vierten Tag des Aufenthaltes in Israel besuchte die Solinger Delegation Jerusalem, Hauptstadt des Staates Israel und Heimat und Symbolort von Judentum, Christentum und Islam.

Lutz Peters berichtet:

Von Ness Ziona dauert die Fahrt mit dem PKW eine gute Stunde. Der Weg führt stetig ansteigend über die im Unabhängigkeitskrieg 1948 zwischen Juden und Arabern hart umkämpfte Autobahn 1. Jerusalem ist auf Bergen erbaut, die einige hundert Meter über dem Meeresspiegel liegen. 

Erste Station des Tages ist die nationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. “Yad” bedeutet im Hebräischen so viel wie Denkmal, “Shem” heißt Name. Der Titel bezieht sich auf eine Bibelstelle: Gott verspricht dem Volk Israel, ihm ein Denkmal zu setzen, damit sein Name nicht in Vergessenheit gerät.

Damit ist die Zielsetzung der Gedenkstätte umrissen: Millionen von Ermordeten des Holocaust sollen dem “Gedächtnismord” entrissen , ihre Namen und Schicksale dokumentiert werden. Die Besuchenden folgen einer Dokumentation der Geschichte des Holocaust auf einer “Achse der Erinnerung”. Sie sehen Filmsequenzen und Dokumente, hören an Monitoren Erzählungen von Überlebenden, stehen auf einer nachgebauten Straße des Warschauer Ghettos. Vor allem aber begegnen sie individuellen Schicksalen. Sie erfahren z.B., wie Wilhelm Bornstein 1938 an Bord des Schiffes St. Louis nach Kuba emigrieren wollte, dort aber mit vielen hundert anderen Emigranten nicht aussteigen durfte und zurück nach Europa fahren musste. 1942 wurde er in Auschwitz ermordet.

Das Museum will seine Besucher nicht mit Fotos von Leichenbergen überwältigen, sondern die Einzelschicksale und die Menschen wiedererstehen lassen, die auf so grausame Weise ihr Leben lassen mussten. Wo es ging, wurde recherchiert, wie die Menschen hießen, die auf ausgestellten Fotos zu sehen sind, Tagebucheinträge, Briefe, persönliche Hinterlassenschaften vervollständigen das Bild.

Dass Yad Vashem mit Solingen unmittelbar zu tun hat, wird der Delegation spätestens klar, als sie vor dem Bild von Paul Blobel steht, einem SS-Offizier, der die Erschießung von über 33.000 jüdischen Menschen in der Babi-Yar-Schlucht in der Nähe von Kiew organisiert hat. Paul Blobel, der 1951 für seine Verbrechen erhängt wurde, war ein Architekt aus Solingen.

Die Solinger lernen auch den Vater der Ness Zioner Stadträtin Zippi Silbermann kennen, die die Delegation an diesem Tag begleitet - wenn auch nur als Bild und Stimme auf einem Monitor. Shimon Srbrnik konnte sich bei Chelmo angeschossen und schwer verletzt als einziger Überlebender aus einem Massengrab befreien, fand Hilfe und entkam dem Morden.

Yad Vashem hat drei Zielsetzungen: Erinnerung an die Opfer, Erinnerung an den jüdischen Widerstand und Erinnerung an die “Gerechten unter den Völkern”, jene Menschen, die verfolgten Juden halfen und dafür Risiken für sich selbst in Kauf nahmen. Eine siebzigköpfige Abteilung der Gedenkstätte ist ausschließlich damit beschäftigt, die Geschichte von “Rettern” zu recherchieren. Berühmt geworden ist posthum Oscar Schindler, der rund 1.200 Menschen das Leben retten konnte, aber auch ein Solinger zählt zu den Gerechten, deren Name in Yad Vashem geehrt wird: Fritz Gräbe, der in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen über die Verbrechen der Sonderkommandos im Osten ausgesagt hat, deren Zeuge er geworden war.

Den Besuch in Yad Vashem beschließt eine Kranzniederlegung durch Oberbürgermeister Norbert Feith und Bürgermeisterin Rita Pickardt.

Am Nachmittag erkundete die Gruppe die Altstadt von Jerusalem und die archäologischen Tunnel an der Westmauer des Tempelberges, die als “Klagemauer” bekannt ist. Die Mauer ist der Rest des gewaltigen Tempelbezirks, den König Herodes, ein Verbündeter des römischen Reiches, im letzten vorchristlichen Jahrhunderts erbauen ließ. Den Tempel zerstörten die Römer im “jüdischen Krieg” um 70 nach Christus vollständig, nur die Westmauer blieb stehen. Die rund 19 Fußballfelder große Plattform, auf  der der Tempel selbst stand, steht unter muslimischer Verwaltung. Hier erinnert der goldstrahlende Felsendom an die Himmelfahrt des Propheten Mohammed, die sich hier zugetragen haben soll- nicht weit von der Stelle, wo Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, einem Befehl des Herrn folgend.