Europa ist es wert

Pressemitteilung

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Oberbürgermeister äußert sich im Stadtgespräch

Im aktuellen "Stadtgespräch" äußert sich Oberbürgermeister Tim Kurzbach zum Thema Europa.

Hier ist der Text im Wortlaut:

Anfang Februar hatten wir wieder einmal internationalen Besuch. Eine Ratsdelegation aus Gouda war im Rahmen eines regelmäßigen Austauschs zu Gast, und Männer und Frauen aus Frankreich, Italien und Portugal - darunter Bürgermeister und Konsulatsvertreter - haben mit uns gemeinsam über eine Sammelbewerbung unserer Stahlbogenbrücken zum Weltkulturerbe beraten. Alleine, so lautete der Hinweis des zuständigen Gremiums, hätte die Müngstener Brücke keine Chance, den renommierten und für Touristen aus aller Welt attraktiven Status zu erhalten. Gemeinsam mit fünf ähnlich konstruierten Brücken bei unseren europäischen Nachbarn dürfen wir uns aber berechtigte Hoffnungen machen. Alle Beteiligten sind mit im Boot. Damit wird das UNESCO-Weltkulturerbe zu einem Musterbeispiel europäischer Freundschaft und Zusammenarbeit. Ähnlich wie unsere Städtepartnerschaften, von denen die mit Gouda die älteste ist, sie besteht seit 1957.

Europa ist in diesen Tagen so stark in den Schlagzeilen wie kaum jemals zuvor. Leider nicht nur im Guten. Denn in vielen Ländern, auch in Deutschland, gewinnen Nationalismus und populistischer Extremismus mehr und mehr Zustimmung. Absolut im Fokus ist der Brexit, inzwischen droht sogar ein ungeordneter Ausstieg. Die Nerven liegen auf beiden Seiten blank. Ich bekenne mich zu denen, die immer noch hoffen, dass es zu einer zweiten Volksabstimmung und zu einem anderen Ergebnis kommt. Oder dass zumindest ein ungeregelter Brexit verhindert wird und eine offene irische Grenze bestehen bleibt. Für den Frieden in Nordirland.

Europa ist - das dürfen wir nicht vergessen - ein ganz einmaliges, einzigartiges Friedensprojekt. Auch wir beteiligen uns daran mit unseren Städtepartnerschaften. Den Frieden zu bekräftigen, war erklärtes Ziel derjenigen, die 1957, also vor 62 Jahren, und 12 Jahre nach Ende des grauenhaften zweiten Weltkriegs, ganz bewusst begonnen haben, wieder Kontakte aufzunehmen. Dieses Erbe verpflichtet uns, für Europa einzustehen.

Natürlich gibt es Kritik an Europa, die teilweise sicherlich ihre Berechtigung hat: Die EU-Kommission ist zu weit von den Bürgerinnen und Bürgern der einzelnen Länder entfernt. Das Parlament hat zu wenig Gestaltungsmacht. Und Europa muss greifbarer, fassbarer werden, sozialer und demokratischer. Aber was wäre nicht verbesserungswürdig? Und Reformen sind möglich. Wir alle sollten uns dafür interessieren. Am 26. Mai finden in Deutschland die Europawahlen statt. Ich denke, wir alle müssen für unsere Werte kämpfen. Der Kommentator einer großen deutschen Tageszeitung (Heribert Prantl in der Süddeutschen) schrieb kürzlich einen flammenden Appell: „Es steht ein welthistorisches Projekt auf dem Spiel. Soll Europa, kaum aufgeblüht, schon wieder verblühen? Europa hat Fehler, Europa macht Fehler, aber der Nationalismus ist ein einziger großer Fehler."

Er hat Recht. Deshalb ist es wichtig, dass auch Gewerkschaften, Arbeitgeber, Verbände, Kirchen, Vereine und Bürgergruppen für Europa werben, dafür, zur Wahl zu gehen und andere auch dazu zu ermutigen, Interesse zu zeigen, mit zu diskutieren, Stellung zu beziehen. Europa ist unsere Heimat. Auch, wenn meine Heimat Solingen, Deutschland ist. Für andere ist das Gouda in den Niederlanden, oder Chalon in Frankreich, oder Blyth in Großbritannien. Aber mit Europa haben wir eine gemeinsame Heimat, die stärker ist als ihre kleineren Einheiten.

Ist es nicht großartig, sagen zu können: Wir sind Europäer! Auf die Frage: Woher kommen Sie? zu antworten: Ich bin Europäerin, lebe in Solingen-Gräfrath! Wollen wir wirklich wieder Grenzen, mit Zöllen, Ausweiskontrollen und Geldwechselstuben? Wollen wir wieder eine harte Grenze zwischen Nordirland, Europa, und Großbritannien, Ex-Europa? Wollen wir uns gegenseitig wieder ausladen aus unserem Land? Wollen wir uns nicht lieber gegen die Ausgrenzung stellen und gemeinsam und selbstbewusst ein grenzenfreies Europa vertreten? Eine starke Heimat für uns alle!

Wir können so viel voneinander lernen. Wie die moderne Arbeitsorganisation im neuen Rathaus Gouda. Auch wenn sich das nicht eins zu eins übertragen lässt, denn ganz offenbar kennt die niederländische Bürokratie nicht so viele starre Regeln und Verordnungen wie die deutsche.

Voneinander lernen und aus der Geschichte lernen, beides bedeutet, Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen mit dem großen Ziel, den Frieden in Europa zu wahren und zu festigen.