Syrische Psychologie-Studentin untersucht heute Kinder

Pressemitteilung - Archiv

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Tahani Burhan ist eine von fünf Jahrespraktikantinnen in der Stadtverwaltung

Geflüchteten aus Syrien das Einmaleins in deutschen Rathäusern sowie der lokalen Verwaltung vor Ort nahebringen – darauf zielt das Projekt „Qualifizierung von syrischen Geflüchteten in deutschen Kommunalverwaltungen“ ab, das in einer zweiten Förderrunde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) aufgelegt und finanziert wurde. Fünf Kommunen, darunter auch die Klingenstadt, wurden in ganz Deutschland für das Projekt ausgewählt. Insgesamt zwölf Personen nehmen daran teil, davon allein fünf in der Solinger Stadtverwaltung. Eine von ihnen ist die junge Syrerin Tahani Burhan, die vor fünf Jahren nach Solingen kam. In Syrien hat sie mit einem pädagogischen Schwerpunkt Psychologie studiert. Aufgrund des Bürgerkrieges konnte sie in ihrer Heimat keinen Abschluss mehr erlangen.

"Meine Beraterin im Jobcenter hat mir dieses Angebot für das Praktikum gemacht und das hat mir sofort gefallen“, sagt die 33-Jährige, die aus der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus kommt. Die junge Frau entschied sich für ein einjähriges Praktikum im Stadtdienst Gesundheit, wo sie seit Anfang April letzten Jahres im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst eingesetzt ist. „Bei uns ist sie im Grunde an all dem beteiligt, was unsere medizinischen Fachangestellten machen. Sie hilft beispielsweise bei der kompletten Einschulungsuntersuchung und führt selbstständig Seh- und Hörtests sowie mit dem Kindern Motoriktests durch“, berichtet Dr. Birgit Ebner, Leiterin der Abteilung Kinder- und Jugendgesundheit im Stadtdienst Gesundheit. Auch die entsprechende Dokumentation am Computer erledigt Tahani Burhan selbstständig.

Zudem besucht sie gemeinsam mit der Sozialarbeiterin Familien, deren Kinder Entwicklungsauffälligkeiten haben. "Dass sie ins Arabische übersetzen kann, ist eine große Hilfe“, betont Dr. Birgit Ebner. So hilft Tahani Burhan auch bei der Überwindung von Sprachbarrieren bei den Untersuchungen in der Abteilung, wenn das notwendig ist. Das erleichtert nicht nur die Arbeit, sondern schafft auch Vertrauen bei Kindern und Eltern. "Wir werden sie in der Abteilung aber nicht nur aufgrund dieser Fähigkeit missen", erklären die Kolleginnen und Kollegen im Stadtdienst Gesundheit. Denn Tahani Burhan gehe seit dem ersten Praktikumstag mit Freude und Engagement ans Werk. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitsamt ist sie längst eine vollwertige Kollegin. „Ich fühle mich wie eine von ihnen“, freut sich die junge Syrerin, die "außerordentlich gern im Team" arbeitet. Vieles sei am Anfang natürlich neu gewesen und nicht mit ihrer alten Heimat zu vergleichen. "So ist bei uns in Syrien beispielsweise das Gesundheitsamt nicht vor Ort, sondern im Ministerium beheimatet. Es ist alles viel zentraler organisiert“, erläutert die Mutter eines Kindes. Umso mehr ist sie von der Funktionalität der Solinger Verwaltung fasziniert. Vor allem natürlich jener des Gesundheitsamtes: „Die Untersuchung der Kinder hier ist verpflichtend", zeigt sie auf. "So können bereits sehr früh etwaige Krankheiten festgestellt werden."

Wer am Projekt teilnimmt, bekommt eine Mentorin oder einen Mentor zur Seite gestellt. Dabei handelt es sich um ehrenamtliche Führungskräfte der Stadt Solingen, die bereits pensioniert bzw. in Rente sind. Um Tahani Burhan kümmert sich die ehemalige Verwaltungsmitarbeiterin Gundi Hübel, die heute als Ohligser Bezirksbürgermeisterin tätig ist. Sie ist Ansprechpartnerin und hilft bei Problemen und Unklarheiten. „Wir begleiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das gesamte Praktikum. Leider ist aufgrund der Corona-Situation einiges anders gelaufen, als wir uns das erhofft hatten“, erzählt die Mentorin. So wurde öfters via Zoom als im persönlichen Gespräch kommuniziert. Und auch der „Syrientag“, den die Praktikumsteilnehmenden organisieren wollten, musste wegen Corona abgesagt werden. Gundi Hübel hofft sehr, dass dieser vielleicht im Frühjahr nachgeholt werden kann: "Die jungen Leute haben sich so viel Arbeit gemacht!"

Für Tahani Burhan endet das Praktikum im Gesundheitsamt Ende März. Es wurden während des Praktikums zudem begleitende Veranstaltungen angeboten. "Ich habe hier sehr viel gelernt", macht die 33-Jährige deutlich, die "beruflich gern im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit Fuß fassen" würde. Ziel der Maßnahme sei einerseits, dass die Teilnehmenden Kenntnisse erwerben, wie man in einer deutschen Verwaltung arbeitet und miteinander umgeht, erläutert Caren Tuchel, Leiterin des Stadtdienstes Integration, die gleichzeitig die Leitung des Qualifizierungsprojektes innehat. „Auf der anderen Seite soll vermittelt werden, wie eine Kommunalverwaltung eigentlich aufgebaut ist." Angestrebt sei, die erworbenen Kenntnisse in den Wiederaufbau des vom Bürgerkrieg verwüsteten Landes einzubringen - beispielsweise, indem die Stadt Solingen nach Kriegs-Ende eine Partnerkommune in Syrien beim Aufbau kommunaler Strukturen unterstützt. Ein Kontakt nach Syrien sei dann ja auch via Zoom oder Skype möglich. Zudem würden die Teilnehmenden des Programms ihre Chancen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt verbessern. So ist Tahani Burhan gespannt, wie es ab April für sie weitergehen wird.