Schärfste Klinge an Herta Müller: Solinger Schere im Stockholmer Nobelmuseum

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Heute Abend wurde der Solinger Ehrenpreis verliehen.

"Jeder Preisträger wird gebeten, einen für ihn wichtigen Gegenstand zur Ausstellung im Stockholmer Nobelmuseum zu geben. Ich gab meine Schere, mit der ich meine Textcollagen herstellte. Die Schere war selbstverständlich aus Solingen", mit diesen Worten schloss Herta Müller, Autorin und Gewinnerin des Literaturnobelpreises 2009, heute Abend ihre Rede zur "Schärfsten Klinge" 2014.

Bei einer Pressekonferenz im Theater und Konzerthaus kurz vor der Veranstaltung bezeichnete die deutschsprachig in Rumänien aufgewachsene und 1987 nach Deutschland emigrierte Herta Müller den überraschenden Sieg des Konservativen Klaus Johannis gegen den Sozialisten Victor Ponta bei der Wahl zum Staatspräsidenten Rumäniens als Wahl gegen den Einfluss Russlands in Rumänien. Viele Rumänen hätten Angst vor Putin.

Auf die Frage, was die Verleihung der "Schärfsten Klinge" nach zahlreichen vom Literaturnobelpreis gekrönten hochrangigen Ehrungen für sie bedeute, sagte Herta Müller: "Es ist eine Auszeichnung für eine gewisse Haltung. Das ist schön. Das freut mich."

Herta Müller, so sagte Oberbürgermeister Norbert Feith bei seiner Ansprache, sei eine Frau mit unbestechlich scharfem Blick auf das Leben und die, die Macht ausüben. Sie erzähle auf der Grundlage eigener, furchtbarer Erfahrungen Geschichten aus dem täglichen Leben im Inneren der Diktatur.

Sie habe allen Anwerbungsversuchen, Schikanen, Drohungen, Verleumdungen und Verletzungen durch den rumänischen Geheimdienst Securitate während der Diktatur Ceausescus die Stirn geboten, zeige und beschreibe in ihren Büchern und Interviews aber auch das, was sie ihre Beschädigungen nennt. Das mache ihre Bücher so einzigartig.

Norber Feith: "Weit entfernt davon, Sachbücher zu sein, lassen sie Leserinnen und Leser mit dem Herzen erfassen, was ein sensibler Mensch sieht und leidet, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird." Herta Müller habe, so das Motto der diesjährigen Verleihung, der Menschenwürde Stimme gegeben.

Norbert Lammert sagte in seiner Laudatio auf die Preisträgerin, Angst, Verzweiflung und das Gefühl von Ausweglosigkeit sei die Schlüsselerfahrung eines Lebens in der Diktatur. Herta Müllers Literatur diene der Überwindung dieser Angst. Ihre Bücher, so Lammert, beförderten beim Lesen das Bewusstsein, "was uns, die wir Verleumdung, Verfolgung und Demütigung nur vom Hörensagen kennen, erspart geblieben ist." Sie seien eine Lektion zum Thema Glück und zum Thema Demut. Und eine "grandioses Zeugnis für Würde, Freiheit und den Wert dem Demokratie, die wir um so lästiger empfinden, wie sie uns selbstverständlich geworden ist."

Die Preisträgerin selbst erinnerte in ihrer Rede an die zahlreichen unter dem Naziregime aus Deutschland vertriebenen und geflüchteten Künstler und die Ausblendung des Exils in der deutschen Nachkriegszeit. Müller: "Die Toten des Exils hat niemand gezählt, stattdessen wurde die Stunde Null erfunden." Das hätte auch für Künstler gegolten, etwa die Literaten der "Gruppe 47". Als Paul Celan dort sein Gedicht "Todesfuge" vorgetragen habe, seien ihm Häme und Verachtung entgegen gebracht worden.

"Bevor Deutschland den Vertriebenen Heimat gegeben hat, hat es Tausende vertrieben und aus seinem kulturellen Gedächtnis gelöscht", sagte Herta Müller. Erst jetzt gebe es mit dem Solinger "Zentrum für verfolgte Künste" endlich einen Ort, wo das Exil an Beispielen deutlich gemacht werde.