Solingen trauert um seinen Ehrenbürger

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Walter Scheel gestorben

Der Solinger Ehrenbürger, frühere Außenminister und Bundespräsident a.D. Walter Scheel ist tot. Er wurde 97 Jahre alt. Die Nachricht löste im Rathaus Trauer aus. Oberbürgermeister Tim Kurzbach: "Wir haben Walter Scheel viel zu verdanken. Er war ein Vorbild , weil er immer zu seinen Grundüberzeugungen stand und das für richtig Erkannte dann auch umsetzte." Kurzbach weiter: "Solingen konnte immer stolz sein auf diesen Sohn unserer Stadt."

Walter Scheel hat in den siebziger Jahren als Kulturbotschafter Solingens gewirkt, als er den Menschen sein Lied "Hoch auf dem gelben Wagen" ins Herz gesungen hat. Das Lied hielt sich 1973 für viele Wochen in den deutschen Verkaufscharts, die Erlöse kamen wohltätigen Zwecken zu Gute.

Walter Scheel, so Kurzbach, sei ein alltagstaugliches Vorbild, er habe den Menschen immer etws zu sagen gehabt. Als Beispiel sei eine Stelle aus der Ansprache des Bundespräsidenten Walter Scheel zum Tag der Deutschen Einheit am 17. Juni 1978 zitiert:

"Es gibt Menschen in unserem Land, ... die von einer Wiedervereinigung erhoffen, mit ihr würde die 'gute alte Zeit' wiederkehren... Diese Menschen haben aus unserer Geschichte noch nichts gelernt. Erst wenn wir aus unserer Geschichte die Folgerung der Demokratie ziehen, dann haben wir sie richtig verstanden. Wir müssen erkennen, dass eine Gesellschaft, die von sich behauptet, keine Konflikte zu haben, immer eine unfreie Gesellschaft ist. Nur dort, wo Konflikte, Kritik und Meinungsfreiheit zu Hause sind, akzeptierter Teil des gesellschaftlichen Lebens sind, da ist Freiheit".

Geboren am 8. Juli 1919 wuchs Walter Scheel als Sohn eines Stellmachers in Höhscheid auf. Messerstraße, Neuenhofer und Neustraße lauteten die Adressen der Höhscheider Familie.

Nach dem Abitur am Gymnasium Schwertstraße begann Scheel eine Lehre bei der Volksbank Solingen, bis er 1939 von der Luftwaffe eingezogen wurde. Der 20-Jährige überlebte den Russlandfeldzug und kehrte nach dem Krieg nach kurzer Internierung in die Klingenstadt zurück.
Als einer der wenigen deutschen Politiker beschritt er sukzessive alle Stufen der parlamentarischen Demokratie. „Nur in der Kommunalpolitik wächst demokratischer Geist", so sagte er. Als Mitglied des Rates der Stadt Solingen setzte er sich im Wirtschaftsausschuss für den Wiederaufbau ein.

1951 gründete der sportliche Kommunalpolitiker den Solinger Leichtathletik-Club mit, dessen Ehrenpräsident er später wurde. Und gerne ging er an der Wupper zwischen Wipperaue und Rüdenstein oder an der Sengbachtalsperre spazieren. Immer habe er versucht, so Walter Scheel in einem Interview, die „bergische Querköpfigkeit" durch „besondere Höflichkeit" und „freundliches Entgegenkommen" auszugleichen.

Noch in seiner Zeit im Stadtrat wurde er 1952 in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt. Als Landtagsmitglied nahm er auch an der ersten Delegationsreise eines bundesdeutschen Parlamentes in die USA teil und verdiente sich die ersten Auslandslorbeeren.
1953 zog er über die Landesliste in den Bundestag ein und blieb bis zu seiner Ernennung zum Bundespräsidenten 1974 Bundestagsabgeordneter.
Als Parlamentarier war er zudem Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Außenminister, Vizekanzler und sogar neun Tage lang geschäftsführender Bundeskanzler.

Am 16. Dezember 1976 erhielt er die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt. In der Urkunde dazu heißt es: "Er trug als Parlamentarier, als Minister und schließlich als Staatsoberhaupt dazu bei, die Bundesrepublik Deutschland zu gestalten und ihr Ansehen zu mehren."

Bis ins hohe Alter nahm Walter Scheel Anteil an „seiner" Klingenstadt. So schmiedete er im Jahr nach dem Solinger Brandanschlag den 1300. Ring des Mahnmals gegen Rassismus vor dem Berufskolleg in Merscheid, das nach seiner zweiten Frau Mildred benannt ist. 2012 setzte er sich in einem Brief an die Remscheider Oberbürgermeisterin dafür ein, die Bergischen Symphoniker als gemeinsames Orchester zu erhalten. Als Solinger Ehrenbürger betonte er, dass sich das Bergische Land gerade durch die Vielfalt von Industrie und Kultur auszeichne.

Oberbürgermeister Tim Kurzbach wird ein Kondolenzschreiben an die Hinterbliebenen richten.

Ab morgen Mittag wird im Rathaus (Altbau, Flur der 1. Etage) ein Kondolenzbuch ausgelegt für all diejenigen, die sich mit einem Eintrag von dem Solinger Ehrenbürger verabschieden möchten.