Stadt Solingen will Krisentelefon für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Not einführen

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Norbert Feith: „Wer Fürsorge für Mitarbeiterschaft ernst nimmt, muss auch seelische Probleme in den Blick nehmen!“

Die Stadt Solingen baut ihr „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ aus. Das hat der Vorstand der Stadt unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Norbert Feith Anfang der Woche beschlossen.

Bisher hatte das beim Personalamt angesiedelte Gesundheitsmanagement den Status eines Pilotprojekts: Seit zwei Jahren sind die Arbeitsbedingungen in den städtischen Kindertagesstätten gemeinsam mit den Erzieherinnen und Leitungen im Hinblick auf „Krankmacher“ analysiert und verbessert worden.

Sinn betrieblichen Gesundheitsmanagements ist es, die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verbessern und krank machende Belastungen „an der Quelle“ abzustellen, d.h. dort wo sie entstehen. Beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer - profitieren: die Mitarbeitenden werden seltener krank, sind motivierter und das Arbeitsergebnis wird besser.

Im Jahr 2014 soll es auf die Gesamtverwaltung ausgedehnt und breiter aufgestellt werden, denn das Durchschnittsalter der Mitarbeiterschaft steigt und damit auch die Krankenquote. Die Stadt wird also ins Gesundheitsmanagement investieren müssen, um ihre Arbeitsfähigkeit zu sichern. Bisher war eine Mitarbeiterin im Personalwesen zuständig für das Gesundheitsmanagement; eine weitere Stelle wird jetzt geschaffen.

Die  personelle Verstärkung macht es möglich, neben den traditionellen Arbeitsformen Interview, Workshop und Einzelvereinbarung ein erweitertes Seminar- und Kursprogramm anzubieten. Außerdem will die Stadt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür gewinnen, sich zu „psychologischen Ersthelfern“ weiterzubilden, die Kolleginnen und Kollegen in der Krise zur Seite stehen können. Das Rathaus kann dabei auf die guten Erfahrungen mit den „Konfliktlotsen“ zurückgreifen, freiwilligen Streitschlichtern, die von Stadtdiensten und Mitarbeitenden zu Hilfe gerufen werden, wenn die „Chemie“ im Amt nicht stimmt.

Neuland betritt die Stadt mit dem Angebot einer „Notfall-Hotline“, bei der Rathausbeschäftigte anonym Rat und auf Wunsch auch weiterführende Hilfe erhalten können. Mit der Hotline  wird die Stadt selbst professionelle Hilfe in Anspruch nehmen: Das Telefon wird von geschulten Psychologen eines spezialisierten Unternehmen betrieben, weshalb jährliche Kosten in einem höheren fünfstelligen Umfang erwartet werden. Genauer beziffern lassen sich die Kosten erst, nachdem das Vergabeverfahren durchgeführt und ein Unternehmen gefunden wurde.

Oberbürgermeister Norbert Feith: „Auch wenn wir uns um Nachwuchs bemühen, ist absehbar, dass die Stadtverwaltung „altert“. Gleichzeitig haben wir Stellen streichen müssen, der Druck auf den einzelnen ist gewachsen. Das macht sich bemerkbar. Doch man darf nicht nur auf die Rückenbeschwerden achten: Wer Fürsorge für die Mitarbeiterschaft ernst nimmt, muss auch seelische Probleme in den Blick nehmen und für Hilfe sorgen. Das darf dann auch Geld kosten.“

Das Neue Betriebliche Gesundheitsmanagement soll – nach Klärung letzter fachlicher Fragen und Diskussion mit dem Personalrat – in den nächsten Monaten schrittweise umgesetzt werden.

Das Neue Betriebliche Gesundheitsmanagement der Stadt Solingen im DetaiL

Die Personalentwicklerin Dr. Christina Winners, verantwortlich für das Betriebliche Gesundheitsmanagement hat ein System entworfen, das  aus vier Säulen besteht:

1. BGM Klassik

Im BGM Klassik werden die gesundheitsfördernden und gesundheitsbelastenden Faktoren der Dienste einzeln analysiert

  • Es werden Interviews und Workshops mit unterschiedlichen Hierarchieebenen durchgeführt.
  • Das bisherige Verfahren verschlankt sich insofern, als dass grundsätzlich nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Dienstes in die Workshops miteinbezogen werden, sondern Repräsentanten verschiedener Hierarchieebenen.
  • Aus den Ergebnissen der Interviews und Workshops werden Maßnahmen erarbeitet und deren Umsetzung kontrolliert.
  • Das jeweilige Verfahren richtet sich nach den Eigenheiten des Dienstes.

2. BGM Aktiv

Das BGM Aktiv umfasst allgemeine, gesundheitsfördernde Maßnahmen, die allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugute kommen sollen: Allgemeines, jährlich erscheinendes Gesundheitsprogramm mit Angeboten wie z.B. Aqua-Gymnastik, Wen-Do, Stressmanagement, Angstlösung (MET)

  • Aktionstag Gesundheit, alle 2 Jahre
  • Gesundheitsförderliche Einzelaktionen, wie z.B.: Angebot zur gesunden Ernährung am Arbeitsplatz; Rollende Massage, Zeitmanagement am Arbeitsplatz mit Praxisbezug
  • Miss-Zöpfchen-Lauf
  • Wandertag

3. BGM BAP’s (Betriebliche Ansprechpartner)

Beim BGM BAP’s werden Kolleginnen und Kollegen als psychologische Ersthelfer geworben und geschult. Sie sollen anderen Kolleginnen und Kollegen bei akuten, möglicherweise traumatisierenden Erlebnissen als erste Ansprechpartner zur Seite stehen. Solche Erlebnisse können das Erleben bzw. die Androhung körperlicher Übergriffe sein oder das Durchleben von Extremsituationen als Zeuge (Schwere Verletzung, Todesfall etc.). Die psychologischen Ersthelfer sind Laien, die den Betroffenen Sicherheit bzw. Orientierung vermitteln (Zuhören, Schützen, Abschirmen) und eine Lotsenfunktion übernehmen, d.h. Betroffene bezüglich der nächsten, möglichen Schritte informieren (Durchgangsarzt, Unfallanzeige, psychologische Hilfe…).  Die Begleitung ist als kurzfristige Maßnahme konzipiert und soll 4-8 Wochen nicht überschreiten. Sie setzt inhaltlich und zeitlich vor BEM an.

4. BGM Notfallhotline                                                                                                             
Mit der Hotline wird durch ein Fachunternehmen eine anonyme Telefonhotline bereit gestellt, an die sich Betroffene bei allgemeinen Lebenslagenproblemen wenden können, beispielsweise bei psychischen Problemen, Sucht, Schulden, Scheidung, Konflikten, Problemen am Arbeitsplatz. Anschließend wird der Anrufende sofort in persönliche Beratungsgespräche bei einem Psychologen vermittelt, die je nach Fall auch einen längeren Zeitraum umfassen können. Das Angebot ist niederschwellig und leistet unmittelbare Unterstützung. Langwierige bürokratische Prozesse und Wartezeiten für Beratungs- bzw. Therapieplätze werden umgangen. Die Notfall-Hotline hat so einen stark präventiven, krankheitsvermeidenden Charakter, zumal davon auszugehen ist, dass angesichts der Anonymität der Hotline Betroffene tatsächlich aktiv werden und sich Hilfe suchen.