Schicksale

Portraiaufnahme von Ruh Dornhaus

Ruth Dornhaus

geborene Krämer
geboren: 19. Juni 1914 in Höhscheid
gestorben: 16. April 1945 in Solingen-Wald

Lebensweg

Ihr Vater, Franz Krämer (1889-1969), ist gelernter Klingenhärter. Vielfältig interessiert, machte er neben seinem Beruf eine Ausbildung in Malerei an der Kunstakademie in Düsseldorf und war auch Gründungsmitglied des Solinger Astronomischen Vereins. Franz Krämer ist Funktionär der KPD und während des „Dritten Reiches" im illegalen Widerstand aktiv, deswegen mehre Male inhaftiert.

Anfang der dreißiger Jahre lernt Ruth im Arbeiterschwimmverein Solingen Walter Dornhaus (geb. 17. Juli 1911 in Wald) kennen. 1936 heiraten die beiden. Walter Dornhaus hat noch drei ältere Geschwister. Sein Vater, Robert Dornhaus (1863-1938), gelernter Schuhmacher, musste aber nach dem Ersten Weltkrieg als Fabrikarbeiter die Familie ernähren. Walter absolviert die Volksschule, muss aber eine begonnene Drogistenlehre abbrechen, um durch Arbeit in einer Knochenschneiderei zum Unterhalt der Familie beizutragen. Er engagiert sich stark in der Wandervogelbewegung und in der Gewerkschaft, wird dann auch Mitglied der KPD. Während der NS-Zeit kommt Walter Dornhaus wegen seines politischen Engagements einige Monate in „Schutzhaft" ins Zuchthaus Anrath. Er wird dann entlassen und gleich darauf zur Wehrmacht eingezogen. Die Ausbildung erfolgt in Prag, anschließend ist er mit einer Nachrichtenkompanie in Polen, Rußland, Frankreich und Italien, überwiegend organisierend tätig. Bei Kriegsende gerät er in Italien in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Am 1. Februar 1944 wird Sohn Ralf in Solingen-Wald geboren. Mutter und Sohn leben bei Kriegsende Karl-Allmenröder-Straße 12, heute Corinthstraße.

Am 22. März 1945 beginnt bei Remagen südlich von Bonn, am 23. März in Wesel der Übergang der alliierten Truppen über den Rhein. Aus taktischen Überlegungen - man will die zermürbenden Straßenkämpfe in unübersichtlichen Ballungsräumen vermeiden - wird das Ruhrgebiet zunächst weiträumig in einer Zangenbewegung im Norden und Süden umgangen.

Eine Woche später, am 1. April 1945 - Ostersonntag - ist der „Ruhrkessel" geschlossen. 325.000 Soldaten der deutschen Heeresgruppe B unter dem Kommando von Generalfeldmarschall Model und 5 Millionen Bewohner einschließlich Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter sind von den Alliierten eingekesselt und vom restlichen Reich abgeschnitten. Langsam aber sicher wird der Kessel immer enger gezogen. Auf ihrem Vormarsch ist es für die amerikanischen Soldaten jedes Mal (in jedem Dorf, in jedem Stadtteil ) aufs Neue eine Überraschung, wie sich das letzte Aufgebot aus Volkssturm und verbliebener Wehrmacht verhalten wird. Manchmal kann ein Kampf vermieden werden, manchmal kommt es zu schweren Gefechten. Die Entscheidung fällt oft durch zufällige Konstellationen.

Auf deutscher Seite gilt der Kampfbefehl bis zum letzten Mann: Jede Befehlsverweigerung kann ein Todesurteil vor einem Standgericht bedeuten. Jeder, der eine weiße Fahne hisst, soll erschossen werden.

Trotz dieser Gefahren für Leib und Leben: Je enger der Ruhrkessel wird, je näher die Alliierten vorrückten, desto aktiver werden die kleinen, isoliert handelnden, antifaschistischen Widerstandsgruppen.

Am Freitag, dem 13. April 1945 zeigt sich der Widerstand in ganz Solingen immer offener: An Häusern tauchen Losungen und Aufkleber auf, die zur Verhinderung von Kämpfen auffordern. Man beginnt mit der Beseitigung der vom Volksturm errichteten Panzersperren.

Am Samstag, dem 14. April 1945 rückt die Front immer näher. Man hört schon die Abschüsse der amerikanischen Artillerie aus Richtung Langenfeld. Auch die Walder Widerstandsgruppe um Karl Bennert entscheidet sich nun, aktiv zu werden. Außer SS-Patrouillen, die in Abständen mit ihren Kübelwagen durch den Stadtteil fahren, ist von der Wehrmacht nichts zu sehen. Aber da Panzersperren errichtet worden sind, hat es den Anschein, als solle der Stadtteil „um jeden Preis" verteidigt werden. Dies kann unter Umständen die völlige Zerstörung und viele zivile Opfer bedeuten. Die Panzersperren müssen deshalb rechtzeitig vor dem Auftauchen der Amerikaner beseitigt werden. Auch in Wald finden sich zu dieser nicht ungefährlichen Handlung couragierte Bürger, organisiert wird die Beseitigung von den aktiven Antifaschisten.

Am Sonntag, den 15. April, ist die Lage für Wald unübersichtlich. Vor dem Walder Rathaus (dem Sitz der NSDAP-Parteileitung) versammeln sich sorgenvolle Bürger. In der Luft liegt die Forderung nach Kampfeinstellung. Kreisleiter Bülow erklärt, dass er auf die Kampfhandlungen keinen Einfluss habe. Die Verantwortung trügen die Wehrmachtskommandanten. Er selbst sehe die Zweck- und Sinnlosigkeit des Weiterkämpfens zwar ein, könne aber von sich aus daran nichts ändern.

Nun beginnt die Walder Widerstandsgruppe mit der Weiße-Fahnen-Aktion. Zu früh darf dies nicht geschehen, weil immer noch Repressionen von Wehrmacht oder SS zu befürchten sind. Zu spät aber auch nicht, wenn man den Amerikanern das Signal der kampflosen Übergabe anzeigen will.

Die Aktiven teilen sich auf, um die Bewohner der Göringstraße - heute Friedrich-Ebert- bzw. Stresemannstraße - aufzufordern, weiße Tücher aus den Fenstern zu hängen. Innerhalb einer Stunde sind viele Häuser dieser Straße mit weißen Tüchern versehen. Auch am Walder Kirchturm werden am 15. April 1945 weit sichtbare weiße Bettlaken angebracht.

Am Montag, den 16. April 1945, steht Ruth Dornhaus mit anderen Frauen vor einem Lebensmittelgeschäft im „Walder Schlauch" und hofft auf eine Zuteilung von Kaffee. In den Fenstern im ersten Stock des Hauses hängen weiße Tücher. Plötzlich rast ein Kübelwagen mit einem SS-Offizier und einem Fahrer durch die enge Straße. Beide eröffnen während der Fahrt das Feuer auf die unbeteiligten Passanten und die Fenster mit den weißen Tüchern. Ruth Dornhaus erhält einen Bauchschuss und ist sofort tot. Sie ist eines der vielen sinnlosen Opfer dieses Krieges, vielleicht das letzte in Solingen.

Am Morgen des 17. April 1945 können die Amerikaner Wald widerstandslos besetzen.

Walter Dornhaus kehrt 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück und erfährt dann vom tragischen Tod seiner Ehefrau. Er hat nicht wieder geheiratet. Sohn Ralf wächst bei seinem Vater, der Großmutter und der in der Nähe wohnenden verwitweten Tante und ihrer Tochter auf.

Text: Ralf Dornhaus / Ralf Rogge

Stand: Dezember 2013