Stolpersteine

Anna Reiche

geborene Coppel
geboren: 30. Mai 1891 in Solingen
gestorben: 21. April 1941 im KZ Ravensbrück

Martha Fanny Coppel

geboren: 24. April 1895 in Solingen
gestorben: 1942 in Izbica

Lebensweg

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Carl Gustav Coppel ist das älteste von fünf Kindern des Solinger Ehrenbürgers Gustav Coppel (1830-1914) und seiner Frau Fanny geb. Katzenstein (1836-1922). Er wird am 14. Dezember 1857 im elterlichen Haus an der Schützenstraße 169a (1876 umbenannt in Kaiserstraße 60) geboren. Nach dem Besuch der höheren Bürgerschule absolviert er im elterlichen Betrieb, der Stahlwaren- und Waffenfirma Alexander Coppel, eine praktische Lehre. Anschließend wird er zum Kaufmann ausgebildet. Er unternimmt ausgedehnte Auslandsreisen, lebt von 1882 bis 1885 in Philadelphia. Vor der Überfahrt in die USA überreicht ihm sein Vater eine selbstverfasste „Lecture für die Reise", die Carl Gustav Anfang der 1930er Jahre an seinen Enkel weitergeben wird. Dort heißt es: „Sei bescheiden in Deinem Auftreten, bestimmt in Deinem Wollen, gesetzt in Deinem Handeln. Sei milde im Urtheil über Andere, strenge in der Beurtheilung Deiner selbst. - Lerne von Jedem, soweit dies möglich; suche nicht zu belehren. - Wo Du einem Menschen nützen kannst, thue es; fordere von niemandem Dienste, wenn Du sie entbehren kannst. - Dein höchster Stolz sei stets Dein guter Name. Erhalte ihn fleckenlos. - (...) Suche nicht mehr zu scheinen, als Du bist; fülle Deinen Platz nur ganz und voll aus im Leben, dann bedarfst Du eines falschen Glorienscheins nicht. - Wo Du auch weilst, bedenke, daß derselbe gute Gott über Dir ist. Zu ihm wende Dich im Gebete, wenn Du aufstehst und wenn Du Dich niederlegst; Er wird Dich beschützen, so lange Du seinen Schutz verdienst. (...) Und sollte der Allmächtige mich früher, als wir es heute glauben, abberufen, dann vergiß nicht, daß Dir als ältestem Sohne die Pflicht zufällt, Deinen Papa nach Möglichkeit zu ersetzen; die sei dann Deine höchste Aufgabe! Und nun reise mit Gott! Mein bester Segen begleitet Dich!"

Nach seiner Heimkehr wird Carl Gustav 1886 zum Teilhaber der Fa. Alexander Coppel ernannt. Am 1. Juni 1890 heiratet er die Aachener Kaufmannstochter Hedwig Lippmann (geboren am 20.12.1863 in Aachen). Das Paar zieht innerhalb von Solingen mehrmals um, wohnt zuletzt seit 1910 in der Kurfürstenstraße 8. Hedwig Coppel engagiert sich sozial, seit 1911 gehört sie dem Kuratorium der Coppelstiftung an. In der Öffentlichkeit tritt sie gelegentlich als Sängerin auf.

Am 30. Mai 1891 wird dem Ehepaar die Tochter Anna geboren, ihre Schwester Martha kommt am 24. April 1895 zur Welt. Die Mädchen besuchen die Höhere Mädchenschule (heute August-Dicke-Schule), die sie mit der Mittleren Reife verlassen. Während Martha bei den Eltern bleibt, wird Anna zur weiteren Ausbildung ein Jahr lang auf die „Zimmersche Frauenschule" in Berlin-Zehlendorf geschickt. Sie wird dort in Haushaltsführung und Wissenschaften unterrichtet. 1915 heiratet sie den Dipl.-Ing. Karl Anton Reiche (10.5.1888 Dresden - 26.5.1955 Mittenwald), Teilhaber eines metallverarbeitenden Betriebes in Dresden und zu dieser Zeit Marineoffizier in Wilhemshaven. Anläßlich der Hochzeit tritt sie zum evangelischen Glauben über. Der erste Sohn Hans Helmut wird noch während des Krieges am 30. Oktober 1917 in Oldenburg geboren, Sohn Carl Anton am 27. Februar 1923 in Dresden.

Annas Eltern ziehen 1920 nach Düsseldorf in die Schumannstraße 16 um. Der Umzug erfolgt möglicherweise aus geschäftlichen Gründen. Carl Gustav kümmert sich als Gesellschafter der Firma Coppel insbesondere um das seit 1897 bestehende Hildener Zweigwerk, wo Stahlrohre und Fahrradteile produziert werden. 1919 sind dort 700 Menschen beschäftigt. Auch hier kommen die Belegschaftsmitglieder und ihre Familien in den Genuss einer vorbildlichen sozialen Betreuung durch die Firma. Als 1921 zum 100jährigen Firmenjubiläum Stiftungen und Schenkungen von 2 Millionen Mark ausgeschüttet werden, werden zudem 100.000 Mark für Bedürftige in Hilden zur Verfügung gestellt.

Ende der 1920er Jahre leidet das Hildener Werk vorübergehend unter Konjunktureinbruch und Weltwirtschaftskrise, nimmt aber seit 1933 wieder einen stetigen Aufschwung. 1936 zählen die Röhrenwerke 900 Beschäftigte. Zu diesem Zeitpunkt ist das Zweigwerk jedoch das erste Opfer der „Arisierung" des Gesamtbetriebes Coppel. Am 1. März 1936 wird es mit der Kronprinz-AG fusioniert und nennt sich nun „Röhrenwerke Coppel G.m.b.H.". Die enteigneten jüdischen Geschäftsinhaber stellen mit der „Carl Gustav und Dr. Alexander Coppel-Stiftung" noch einmal 50.000 Mark für die ehemalige Belegschaft zur Verfügung. Im April 1936 wird die Gesamtfirma Alexander Coppel in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt, Alexander und Carl Gustav Coppel sind endgültig aus dem Betrieb gedrängt. Zwar wird Carl Gustavs Schwiegersohn Karl Anton Reiche noch vorübergehend zu einem der beiden neuen Gesellschafter bestimmt, 1939 scheidet jedoch auch er aus der Firma aus.

Während des Novemberpogroms 1938 wird die Wohnung von Carl Gustav und Hedwig Coppel in Düsseldorf von SA-Männern demoliert. Der Gesundheitszustand der Tochter Martha, in der Familie „Tante Martchen" genannt, hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits verschlechtert. Sie wird im Haus der Eltern von einer Pflegerin betreut. Seit 1939 müssen Carl Gustav und Hedwig Coppel nach Verordnung von 1938 anstelle ihrer ursprünglichen Namen die hebräischen Vornamen Uriel und Lane tragen. Ihre Tochter Anna, nach NS-Gesetz ebenfalls „Volljüdin", nimmt den Zwangsvornamen „Sara" an. 1940/1941 wird sie aus unbekanntem Grunde im Frauenstrafgefängnis Leipzig-Kleinmensdorf inhaftiert. Aus der Haft erhalten sich Briefe an ihren Gatten. Voller Wehmut blickt Anna auf den fünfzigsten Hochzeitstag ihrer Eltern im Juni 1940 zurück: „Mit wieviel Leid im Herzen haben wir diesen einzigartigen Tag begangen!"

Am 20. August 1941 stirbt Hedwig Coppel in Düsseldorf. Ihre Beisetzung erfolgt auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof. Vermutlich nur kurze Zeit später wird die pflegebedürftige Martha in eine Heilanstalt eingewiesen. Carl Gustav Coppel ist den ständig neuen Schicksalsschlägen nun nicht mehr gewachsen. Er nimmt sich am 25. September 1941 das Leben. An der Seite seiner Frau wird er in Düsseldorf bestattet.

Marthas letzter bekannter Aufenthaltsort in Deutschland ist Bendorf-Sayn bei Koblenz. Dort existiert bis 1942 eine „jüdische Heil- und Pflegeanstalt". Bereits seit Herbst 1941 werden die Patienten nach Izbica bei Lublin deportiert. In unmittelbarer Nähe befinden sich die großen Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Wahrscheinlich fällt Martha der NS-Tötungsmaschinerie schon 1942 zum Opfer. Nach dem Krieg wird die Verschollene vom Amtsgericht Düsseldorf mit Datum 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Auch Anna erhält die für Juni 1941 verheißene Freiheit nicht wieder. Sie wird nach ihrer Haft in ein KZ eingewiesen. Ihr Mann, zu dieser Zeit ebenfalls in Haft in Dresden, betreibt vermutlich noch bei höchsten NS-Stellen ihre Freilassung. Alle Bemühungen sind jedoch vergeblich. Anna stirbt am 21. April 1942 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Sie erleidet damit ein für eine in „Mischehe" lebende Jüdin eher ungewöhnliches Schicksal.

Text: Armin Schulte

Stand: 28.09.08

Literaturhinweis
  • Bramann, Wilhelm: Coppel - Geschichte einer jüdischen Familie in Solingen. 1770-1942, Solingen 1994.
  • Bramann, Wilhelm: Familie Coppel - dem Gemeinwohl verpflichtet, in: „... daß ich die Stätte des Glückes vor meinem Tode verlassen müßte". Beiträge zur Geschichte jüdischen Lebens in Solingen, hrsg. v. Manfred Krause / Solinger Geschichtswerkstatt, Leverkusen 2000, S. 89-93.

 

VerlegeortKurfürstenstraße 8
StadtteilMitte
Verlegedatum20.12.2007

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