Stolpersteine

Adolf Freireich

geboren: 23. Februar 1868 in Böszörmény / Ungarn
gestorben: Ende 1941 in Köln, Jüdisches Krankenhaus

Gisela Freireich

geborene Brodi
geboren: 21. August 1870 in Samson / Ungarn
gestorben: 29. September 1942 im Ghetto Theresienstadt

Arnold Freireich

geboren: 1. Januar 1896 in Böszörmény/Ungarn
gestorben: 21. Januar 1943 im KZ Auschwitz

Frida Freireich

geboren: 9. Januar 1893 in Samson / Ungarn
gestorben: Schicksal unbekannt

Lebensweg

Wohnhaus der Familie Freireich, Fronhof 2

Der Ungar Adolf Freireich ist von Beruf Bürstenmacher. Er heiratet am 8. September 1891 Gisela Brodi. Noch in Ungarn werden 1893 die Tochter Frieda und 1896 der Sohn Arnold geboren. 1897 wandert die Familie nach Deutschland aus, seit 1906 lebt sie in Solingen.

Im Ersten Weltkrieg leisten Adolf und Arnold Freireich für Österreich-Ungarn Kriegsdienst. Arnold dient seit 1915 im 3. Honved-Regiment und gerät 1916 in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er jedoch 1917 nach Budapest fliehen kann. Im September 1919 bezieht die Familie das Haus Kirchstraße 2 (ab 1935 Fronhof), wo Adolf und Arnold Freireich bis 1936 ein Bürstenmachergeschäft betreiben. Während die Eltern Freireich 1921 deutsche Staatsbürger werden, bleiben Arnold und Frieda Ungarn. Arnold selbst wird um 1920 Vater eines Sohnes. Adolf Freireich, bereits in Ungarn Sozialdemokrat, schließt sich 1920 der KPD an.

1933 wird Arnold Freireich, der mit der KPD sympathisiert, ihr aber wohl nicht angehört, von März bis Juli in „Schutzhaft" genommen. Dem Ehepaar Freireich erkennen die Nationalsozialisten die Staatsbürgerschaft ab. Die kränkliche Gisela erleidet 1934 mehrere Schlaganfälle.

Am 4. Februar 1936 wird die Familie Freireich durch ihren Hauseigentümer beim SA-Führer Gustav Hörmann denunziert: Bei den Freireichs fänden kommunistische Zusammenkünfte statt. Bereits vom nächsten Tag an belauschen Hörmann und andere von der angrenzenden Stellmacherei die privaten Treffen und fertigen Gesprächsprotokolle an, in denen sie alle regimekritischen Äußerungen festhalten.

Am 16. März 1936 wird die Familie Freireich verhaftet und im Düsseldorfer Polizeigefängnis in „Schutzhaft" genommen. Die Verfolgungsbehörden wähnen, eine gefährliche konspirative Gruppe vor sich zu haben. Die Durchsuchung der Wohnung fördert zwar keinerlei belastendes Beweismaterial zutage, doch wo nichts beweisbar ist, da wird auf Basis von zweifelhaften Gesprächsprotokollen und Zeugenaussagen konstruiert.

Nach ersten Vernehmungen müssen Gisela und Arnold Freireich ins Krankenhaus eingeliefert werden. Gisela leidet an Erschöpfungszuständen und verweigert die Nahrungsaufnahme. Auch die Vernehmung Arnolds muß wegen seiner Erkrankung an offener Tuberkulose ausgesetzt werden.

Im April nimmt die Gestapo die übrigen Teilnehmer der Treffen fest. Es kommt zu mindestens 22 weiteren Festnahmen. Unter anderem geraten auch der jüdische Journalist Max Leven und seine Frau Emmi wegen ihrer Bekanntschaft zur Familie Freireich vorübergehend in Verdacht. Noch im April wird jedoch ein Großteil der Untersuchungshäftlinge wegen der Gegenstandslosigkeit der Anschuldigungen oder deren Nichtigkeit wieder auf freien Fuß gesetzt, von der Familie Freireich selbst wird nur Frieda aus der Untersuchungshaft entlassen.

Am 17. Dezember 1936 stehen acht Personen „wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" vor dem Oberlandesgericht Hamm. Die Angeklagten bestreiten die ihnen zur Last gelegten Äußerungen. Ihre früheren „Geständnisse" führen sie auf Polizeidruck zurück. Das Gericht sieht ihre Schuld jedoch als erwiesen an. Arnold Freireich erhält als „Haupthetzer" eine Strafe von sechs Jahren und 7 Monaten Zuchthaus. Strafverschärfend komme bei ihm hinzu, dass er „als Jude und Ausländer (Ungar) sich seiner Gaststellung in Deutschland stets bewusst sein musste." Beim Ehepaar Freireich werden zwar Alter und körperliche Verfassung strafmildernd gewürdigt, Gisela erhält dennoch zweieinhalb, Adolf Freireich drei Jahre Haftstrafe.

Von nun an trennen sich die Schicksalswege der Familie Freireich. Frieda ist nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft mittel-und obdachlos, da sich der Hausbesitzer die Einrichtungsgegenstände angeeignet hat und ihr den Zutritt zur Wohnung verweigert. Sie kommt vermutlich zunächst in der Weyersberger Straße unter und zieht im September 1936 nach Remscheid und von dort am 15. April 1937 nach Köln. Im gleichen Jahr noch wird sie aus dem Reichsgebiet ausgewiesen. Spätestens seit Dezember 1939 hält sie sich in Budapest auf, wo sie bei einem Bruder ihrer Mutter oder ihres Vaters wohnt. Eine Adresse kann noch für Januar 1943 nachgewiesen werden, dann verliert sich ihre Spur.

Die Ehefrau Gisela Freireich lebt nach ihrer Haftentlassung am 23. November 1938 zunächst bei der jüdischen Familie Brauer / Strauss am Neumarkt. Zusammen mit ihrem am 31. März 1939 aus der Haft zurückgekehrten Mann Adolf zieht sie am 5. Juni 1939 in den Pfaffenberger Weg 190. Im Oktober 1941 wird dieses „Judenhaus" aufgelöst. Einen Teil der Bewohner deportiert man in das Ghetto von Litzmannstadt (Lodz). Adolf Freireich wird in das Israelitische Asyl nach Köln verlegt, wo er wenig später stirbt. Gisela Freireich weist man in das jüdische Altersheim in Wuppertal ein. Am 20. Juli 1942 werden dessen Bewohner in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Gisela Freireich stirbt dort am 29. September 1942.

Arnold Freireich erhält während seiner Haft in Münster 1937 den Bescheid, daß er aus dem Reichsgebiet ausgewiesen worden ist, was jedoch erst nach Haftentlassung geschehen kann. Im Dezember 1939 schreibt er aus der Haft in Siegburg an den Königlichen Ungarischen Generalkonsul und beschwert sich über die Methoden der Gestapo: „Ich bitte Sie höflichst mir Mitteilung zukommen zu lassen, ob Sie schon die nötige Schritte unternommen haben, betr. der Mißhandlung[,] Folterung [u.] der gewaltsam erzwungenen Unterschriftsleistung zu einer Beschuldigung, die ich nicht begangen habe. Ich habe Ihnen ja bei Ihrem Besuch am 13. Mai d. Jahres [u.] auch in meinem Schreiben vom 9.7. mitgeteilt, daß ich die Eltern gebeten habe, sie möchten für den eventuell notwendigen Rechtsanwalt [u.] Arzt den entsprechenden Betrag bei Ihnen hinterlegen, den Betrag sollten die Eltern, durch den Verkauf eines Teils unserer Einrichtung ermöglich[en]. (...) aus dem Erlös [wollte ich] mir ein Gebiß machen lassen[,] nach dem Sie sich davon überzeugt haben bei Ihrem Besuch, daß mir die Zähne bis auf ein paar links unten (selbige sind auch locker) ausgeschlagen worden sind. Vorerst wollte ich mir von einem Zahnarzt (...) erst die Bestätigung geben lassen, daß ich die Zähne durch einen gewaltsamen Eingriff verloren habe, 4 Wurzeln habe ich noch oben, verschiedene Zähne besitze ich noch, die anderen habe ich beim Ausschlagen verschluckt. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich Ihnen auch den Anlaß (...) unterbreitet habe, bei Ihrem Besuch (...) folgende[s] kurz gefaßt. Nachdem ich in der Nacht vom 16. auf 17. März ins Polizei-Präsidium in Düsseldorf eingeliefert worden bin[,] wurde mir eine Menge Fotos einzeln vorgelegt, man frug, kennst du den, den, den, u.s.w. u.s.w. (...) wie ich Ihnen erklärt habe, hatte ich mit niemandem in Verbindung gestanden, mithin mußte ich die Fragen verneinen, bei jedem nein wurde ich auf dem Kopf, Gesicht, u.s.w. geschlagen, in ununterbrochener Folge[;] bei dieser Gelegenheit verlor ich die Zähne. Da ich den Mund voll Blut hatte [u.] ein zum Wahnsinn treibenden Durst, bat ich verschiedene mal um Wasser es wurde mir erklärt bevor du nicht gestehst[,] bekommst du kein Wasser [u.] wenn du verreckst [, ,u.] ich erhielt auch nichts, der Durst steigerte sich derart[,] daß ich mein Urin aufgefangen habe [u.] selbiges versuchte zu trinken[;] ich mußte es unterlassen, da es zu salzig war [u.] auch im Mund [,] da alles wund war, stark biß. Am nächsten Tag erhielt [ich] erst Wasser. Leider können die Eltern den Betrag nicht hinterlegen [u.] auch mir kein Geld geben für ein Gebiß, mein Vater erklärte mir bei seinem Besuch am 9. dieses Monats, daß von unseren 4 Zimmern - Werkstatteinrichtung[,] Wäsche u.s.w. „nichts mehr vorhanden ist"!!! (...) Ich appelliere nicht an Mitleid noch an Gnade[,] sondern an mein Recht[,] werde bis zum äußersten dafür eintreten, bis meine Unschuld erwiesen ist [u.] ich ganz rehabilitiert bin. Ich bitte nochmals um Rückantwort. Hochachtungsvoll Freireich Arnold".

Der Brief wird entweder von der Haftanstalt nicht weitergeleitet und unmittelbar der Gestapo übergeben oder gelangt später in deren Hände. Am 15. April 1940 reagiert die Gestapo in einem Bericht, der vermutlich für die Staatsanwaltschaft bestimmt ist, auf die Vorwürfe: „Bei dem ungarischen Staatsangehörigen Arnold Freireich handelt es sich um einen gemeinen, verbrecherischen und äußerst verlogenen Juden. Eine ausgesprochene Auslese seiner Rassegenossen. Fr. wurde trotz seiner Verlogenheit und seines äußerst renitenten und unverschämten Benehmens durchaus korrekt und den Vorschriften entsprechend behandelt und vernommen. Seine Vernehmungen wurden stets von 2 Beamten durchgeführt. Freireich wurde weder mißhandelt noch wurde seine Unterschrift erzwungen.

Der Zahnverlust dürfte evtl. auf seine Krankheit (offene Tuberkulose) zurückzuführen sein. (...) Da beabsichtigt ist, gegen Freireich nach Verbüßung seiner Strafhaft staatspolizeiliche Maßnahmen durchführen zu lassen, dürfte von einer Anzeige wegen wissentlich falscher Anschuldigung Abstand zu nehmen sein."

Als zwei Jahre später die Entlassung Freireichs aus dem Zuchthaus Siegburg ansteht, schreibt der Anstaltdirektor im Führungszeugnis: „Freireich hat sich während der Strafverbüßung schlecht geführt und war bei der Arbeit faul. Als Jude wird er immer staatsfeindlich eingestellt bleiben." Aber auch ohne diese Beurteilung ist über das Schicksal Freireichs lange entschieden. Unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus am 16. Oktober 1942 wird er in Düsseldorf-Derendorf in Schutzhaft genommen. Aus der Haft erhalten sich ein Brief an den ungarischen Konsul in Düsseldorf und ein Brief an seinen Sohn, die die Gestapo nicht mehr passieren läßt. Freireich schreibt am 13. Dezember an seinen bei der Wehrmacht in Königsberg dienenden Sohn: „Erhielt Dein lieben Brief vom 4. Oktober nebst dem beigefügten Porto mit vielem Dank am 14 Oktober noch in Siegburg[;] welche Freude derselbe bei mir ausgelöst hat[,] brauche ich Dir wohl nicht näher (...) wiedergeben. Wie Du ja weißt[,] bin ich aus dem deutschen Reichsgebiet ausgewiesen, ich hoffe[,] das[s] ich bald von hier auf Transport komme und (...) Deine(...) Tante (meine(...) Schwester Frieda) in Budapest begrüßen kann. (...) Wie Du mir schreibst[,] wirst Du bald Urlaub erhalten, sollte ich wider Erwarten mich noch hier befinden[,] (was ich nicht erhoffe) so kannst Du ja mal hier vorsprechen. Obwohl ich Dich recht gerne bald von Herzen wiedersehen möchte[,] so lieb wäre es mir, wenn ich bald auf Transport nach der Heimat käme. (...) Es grüßt & küßt Dich recht herzlicht Dein Dich liebender Vater[.] Baldiges Wiedersehen mein lieber Sohn".

Am 20. November 1942 weist das Reichssicherheitshauptamt in Berlin die Düsseldorfer Gestapoleitstelle wunschgemäß an, Freireich in das KZ Auschwitz zu überführen. Der Schutzhaftbefehl sei wie folgt auszustellen: „Indem er unter Beruecksichtigung seiner erheblichen kommunistischen Betätigung erwarten laesst, er werde nach Verbuessung einer mehrjaehrigen Zuchthausstrafe wegen Vorbereitung zum Hochverrat die Freiheit erneut zu st[aats]feindlichen Umtrieben missbrauchen. und insbes[ondere] auch die fuer Juden geltenden polizeilichen Vorschriften nicht beachten."

Am 28. Dezember wird Freireich in Auschwitz eingeliefert. Nur wenig später, am 21. Januar 1943, stirbt er im Häftlings-Krankenbau - angeblich an Nierenentzündung.

Text: Armin Schulte

Stand: 13.5.2009

Quellen
  • Landesarchiv NRW - Abteilung Rheinland - RW 58 Nr. 3740.

 

VerlegeortKirchplatz
StadtteilMitte
Verlegedatum27.09.2004

Stadtplan