Stolpersteine

Hermann Hoffmann

geboren: 9. Januar 1887 in Neuenkirchen
gestorben: 11. September 1942 im KZ Theresienstadt

Lebensweg

Das Schicksal von Hermann Hoffmann und seiner Familie wurde von Getrud Althoff in ihrer Studie über „Geschichte und Leben der jüdischen Neuenkirchner" aufgeklärt, der die Darstellung des Stadtarchivs Solingen hier weitgehend folgt.

Hermann wird am 9. Januar 1887 als fünftes Kind des Kaufmanns Max Hoffmann und seiner Frau Clara geb. Sabelson in Neuenkirchen geboren. Seine Eltern leben nach ihrer Hochzeit 1876 zunächst noch in Rheine, ziehen aber kurze Zeit später nach Neuenkirchen, um Max' Onkel Adolph in seinem Geschäft zu helfen. Nach dem Tod seines Onkels und seiner drei ledigen Tanten führt Max das Hoffmannsche Familiengeschäft fort. Aus dem ursprünglichen Viehhandel und einer Schlachterei ist schon lange der Handel mit Waren des täglichen Bedarfs geworden. Im 20. Jahrhundert wird das Familiengeschäft amtlicherseits als „Manufacturwarenhandlung" geführt. 1900 wird zudem eine Destillerie eröffnet, für die Max 1901 die Firma „J. Hoffmann und Söhne" gründet.

In Neuenkirchen werden die Geschwister von Hermann - Adele, Emil, Julius, Adolf, Hermann, Karl und Bernard - geboren. Die Jungen besuchen die Ortsschule in Neuenkirchen und später das Gymnasium Dionysianum in Rheine. Adolf, Karl und Bernhard verlassen die Schule nach dem Einjährigen, um kaufmännische Berufe zu ergreifen. Dagegen machen Emil, Julius und Hermann in Rheine Abitur. Die Abiturarbeiten Hermanns in Mathematik, Latein, Griechisch und Deutsch sind bis heute erhalten, Thema des Deutsch-Aufsatzes ist 1905: „Das Meer eine Quelle der Völkergröße". Wörtlich heißt es auf dem Abiturzeugnis zu Hermann: „Sein Betragen war immer musterhaft, sein Fleiß sehr gut."

Während die einzige Tochter der Hoffmans, Adele, 1908 den Kaufmann Paul Julius Neukircher heiratet und ihm nach Oestinghausen folgt, wird Emil nach dem Abitur zum Maschinenbauer ausgebildet und lebt später als Dr. Ing. in Duisburg und Karlsruhe. Julius lässt sich als Handelsvertreter und selbständiger Kaufmann in Hannover nieder, sein Bruder Adolf geht nach dem Einjährigen nach Brüssel, wo er vermutlich eine Banklehre macht. Er arbeitet für die Deutsche Bank in Nordhausen und wird später Prokurist in der Filiale Magdeburg.

Hermann beginnt im März 1905 in Münster ein Jurastudium, 1914 ist er dann „Gerichtsassessor" in Berlin. Ob er am Ersten Weltkrieg teilnimmt, ist nicht ganz klar; aus einem späteren Behördenbrief Adolfs wissen wir aber, dass fünf der sechs Hoffmannsöhne an der Front kämpften. Nach dem Melderegister von Neuenkirchen hält sich Hermann nach dem Krieg in Paderborn, Hamm, Gladbeck, Vreden, Köln und Oppeln auf, bevor er sich, von Hagen kommend, am 1. August 1928 als Rechtsanwalt in Solingen niederlässt. Er lebt dort in der Weyersberger Straße 5.

Karl wiederum ist zunächst Kaufmann in Elberfeld und Hannover, wo auch sein Bruder Julius lebt. Seit 1913 arbeitet er dann als „Kaufmann im elterlichen Geschäft" und nimmt 1914 als Soldat am Weltkrieg teil. Als sein Vater 1916 stirbt, wird seine Mutter zunächst alleinige Inhaberin des Familiengeschäfts, das 1923 in eine Offene Handelsgesellschaft umgeformt wird. Noch im selben Jahr nimmt sie Karl jedoch als Mittinhaber auf. Seit Februar 1924 mit Lina Strauß verheiratet, wird er 1932 nach dem Tod der Mutter Alleininhaber des Familiengeschäfts.

Bernard schließlich ist nach seiner kaufmännischen Ausbildung zunächst Kaufmann in Brüssel, zieht 1920 aber nach Köln, wo er Teilhaber im Geschäft eines Vetters ist. Er heiratet 1924 Paula Kirschberg, die Tochter eines Pferdehändlers, mit der zwei Kinder hat. Die Familie lebt bis 1941 in Köln.

Nach der „Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 wendet sich das Schicksal aller Familienmitglieder zum Schlechten. Nach und nach wird ihnen die Lebensgrundlage entzogen, sie werden entrechtet, beraubt, eingesperrt und schließlich deportiert und umgebracht. In Solingen muss Hermann schon bald seinen Beruf als Rechtsanwalt aufgeben. Er geht 1934 vorübergehend zu seinem Bruder Karl nach Neuenkirchen, zieht dann aber am 26. Juli 1935 zu seiner Schwester Adele und seinem Schwager Paul nach Oertlinghausen, wo die drei spätestens ab 1938 in bitterster Armut leben und auf Unterstützung der Familie angewiesen sind.

Das Manufacturwarengeschäft der Eltern, vermutlich seit 1933 vom Boykott jüdischer Geschäfte schwer getroffen, wird 1936 an den Neuenkirchener Kaufmann Gustav Niemeyer verpachtet. Karl selbst erkrankt schwer und stirbt nach langer Krankheit am 12. Oktober 1937 im jüdischen Krankenhaus in Frankfurt. Seine Frau Lina lässt ihn nach Köln überführen und auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd beisetzen. Am 6. Januar 1939 verkauft sie dem Pächter Niemeyer den verbliebenen Hoffmannschen Grundbesitz und die zwei noch im Besitz befindlichen Häuser für 20.000 RM. Ein Spottpreis, der später im Zuge der Wiedergutmachung zumindest zum Teil korrigiert wird. Lina geht zurück nach Erkelenz und heiratet 1941 ein zweites Mal. Mit ihrem Mann lebt sie bis zu beider Deportation in Köln.

Nach den Pogromen vom 9. November 1938 wird Adolf in Magdeburg am 10. November in das KZ Buchenwald verschleppt. Hermann und sein Schwager Paul Neukircher werden zur gleichen Zeit in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo Paul am 28. November entlassen, Hermann jedoch bis zum 12. Januar 1939 festgehalten wird. In Köln reagieren Bernard und Paula jetzt umgehend und bringen ihre Kinder im Ausland in Sicherheit.

1940 folgt ein weiterer Schicksalsschlag für die Familie Hoffmann. Am 5. März 1940 stirbt Julius im jüdischen Krankenhaus in Hannover an einem durchbrochenen Geschwür am Zwölffingerdarm. Adolf und Bernard nehmen an seiner Beerdigung teil, wobei Adolf für seinen Kölner Bruder die Fahrkarte bezahlen muss. Überhaupt ist es nun der ehemalige Magdeburger Prokurist, der zusammen mit seiner Frau Hermine die Familien beider unterstützen muss. Aus einer von der Biographin Gertrud Althoff ausgewerteten Akte im Bestand des Oberfinanzpräsidenten Mitteldeutschland im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt geht hervor, wie restriktiv das NS-System die Verfügung jüdischer Eigentümer über ihr Vermögen handhabt. Für jede Ausgabe von dem „beschränkt verfügbaren Sonderkonto" der Hoffmanns muss eigens ein Antrag geschrieben und genehmigt werden. Während die beiden vergeblich ihre Auswanderung in die USA vorbereiten, wo sie einen Wäsche-Fabrikations-Betrieb gründen wollen und wozu sie bereits Maschinen und Mobiliar verschiffen lassen haben, wird die Unterstützung ihrer Verwandten immer dringlicher. Hermines Schwestern und ihre Männer in Prag und Wien werden mit kleineren Geldbeträgen unterstützt, ebenso wie Adolfs Bruder Hermann, seine Schwester Adele und ihr Mann Paul in Oestinghausen. 1940 stirbt Hermines Schwester Berta im Jüdischen Krankenhaus in Wien, die Altenheimkosten für ihren Mann müssen übernommen werden. An einen Rückkauf des 1938 verpfändeten Silberbestecks und Schmucks kann das Ehepaar nun endgültig nicht mehr denken.

Mit dem Beginn der Deportationen aus dem „Altreich" im Oktober 1941 werden auch sämtliche Familienmitglieder der Familie Hoffmann nach und nach in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten deportiert. Mit dem ersten Kölner Transport, der am 22. Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) geht, werden zunächst Karls Witwe Lina und ihr zweiter Mann, wohnhaft in der Kölner Altstadt, verschleppt. Ob sie im Ghetto sterben oder im nahegelegenen Vernichtungslager Chelmno umgebracht werden, ist unbekannt. Emil, der seit Juli 1938 in Köln wohnt, ist nur acht Tage später, am 30. Oktober 1941, Opfer des zweiten Kölner Transports nach Litzmannstadt. Unter den katastrophalen Lebensbedingungen im Ghetto überlebt er dort nur bis zum 14. April 1942.

Am selben Tag deportiert man auch Adolf und Hermine. Von Magdeburg aus geht es mit einem Transport in das Warschauer Ghetto. Mit der Abschiebung fällt ihr verbliebenes Vermögen dem Deutschen Reich zu, ihre Wohnung wird requiriert. Ob sie zum Zeitpunkt des Warschauer Ghettoaufstandes im April/Mai 1943 noch leben, ist nicht bekannt.

Hermann, seine Schwester Adele und ihren Mann Paul verbringt man am 30. Juli 1942 mit Gewalt von Dortmund in das KZ Theresienstadt, wo Hermann, laut Todesfallanzeige an akutem Darmkatarrh leidend, schon wenig später am 11. September 1942 angeblich an Herzschwäche stirbt. Adele und Paul verschleppt man nur einige Tage später, am 23. September 1942, in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie direkt nach ihrer Ankunft ermordet werden.

Bernhard und Paula in Köln hoffen noch sehr lange, ein Visum für eine Ausreise zu bekommen. 1941 zwingt man sie zur Umsiedlung in das Ghetto-Haus Utrechter Straße 6, von wo sie am 28. Juli 1942 nach Theresienstadt transportiert werden. Drei Tage später kommen dort auch ihre Oestinghauser Verwandten an. Im Gegensatz zu diesen gelingt es dem Ehepaar über zwei Jahre lang, im KZ zu überleben. Am 28. September 1944 wird zunächst Bernhard, am 6. Oktober 1944 dann Paula nach Auschwitz deportiert, wo man sie zu einem unbekannten Zeitpunkt umbringt. Damit ist diese Generation der Familie Hoffmann von den Nationalsozialisten vollständig ausgelöscht. Nur Bernard und Paulas Kinder Hilde und Walter können dank ihrer Flucht nach England den Krieg überleben. Hilde kann allerdings die Höhere Schule nicht weiter besuchen und muss sich als Arbeiterin in der Textilindustrie verdingen. Sie heiratet später einen Professor und bekommt mit ihm einen Sohn. Ihr Bruder Walter besucht das Gymnasium und studiert Ökonomie. Auch er heiratet, die Ehe bleibt aber kinderlos.

Text: Armin Schulte

Stand: 11.7.2016

Literaturhinweis
  • Althoff, Gertrud: Geschichte und Leben der jüdischen Neuenkirchner mit Beiträgen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von Sebastian Kreyenschulte, Münster 2015.
  • Corbach, Dieter: 6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938-1945, Köln 1999.

 

VerlegeortWeyersberger Straße 5
StadtteilMitte
Verlegedatum04.04.2014

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