Stolpersteine

Werner Kolb

geboren: 28 Oktober 1919 in Solingen-Höhscheid
gestorben: 22. Mai 1942 im KZ Stutthof

Lebensweg

Nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt das Schicksal des jungen Marinesoldaten Werner Kolb jahrzehntelang unaufgeklärt. Er gilt nach Kriegsende als vermisst und wird 1953 vom Amtsgericht Solingen für tot erklärt. Wie viele andere Soldaten auch, scheint er im Krieg an unbekanntem Ort gefallen zu sein. 1983 erreicht die Solinger VVN über die DDR eine Anfrage aus Polen wegen eines in der Nähe von Danzig begrabenen Soldaten namens Werner Kolb. Noch aber werden die losen Fäden nicht verknüpft. Erst 1997 rückt der Fall durch Zufall wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Innerhalb eines Jahres gelingt es den damals schon über 80jährigen VVN-Mitgliedern Willi Gottfried und Johann Tefke, in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Licht ins Dunkel zu bringen und das tragische Schicksal Kolbs endgültig aufzuklären. Am 65. Jahrestag der „Machtergreifung" können sie der Presse die Ergebnisse ihrer Recherchen vorstellen. Was sie zu Tage fördern, ist jedoch nicht die Geschichte eines Widerstandskämpfers, sondern die eines Nonkomformisten. Eines jungen widerspenstigen Menschen, der sich nicht unterordnen kann, sich jeder Disziplinierung verweigert, und der von den Nationalsozialisten schließlich umgebracht wird.

Werner Kolb wird am 28. Oktober 1919 in Höhscheid geboren. Sein Vater ist von Beruf Schleifer, arbeitet Ende der 1920er Jahre dann als Schläger. Mitte der 1930er Jahre wird er amtlicherseits als Invalide geführt. Sein Sohn Werner verlässt nach Erfüllung der Schulpflicht nach der 8. Klasse die Volksschule und beginnt im April 1934 als 14jähriger eine Dachdeckerlehre bei der Firma Jakob Eberhardt in der Schützenstraße. Im Juni 1935 wird der Junge der Fürsorgerziehung übergeben. Vermutlich kann er später seine Lehre beenden und leistet wohl um 1939 seinen halbjährigen Reichsarbeitsdienst ab.

Am 1. Januar 1940 tritt Werner Kolb seinen Dienst bei der Kriegsmarine in Wesermünde (heute: Bremerhaven) an und wird am 30. Januar vereidigt. Zunächst scheint alles gut zu verlaufen. Im Juni 1940 bescheinigt ihm die Schiffstammdivision der Nordsee trotz 13 Tagen Arrests insgesamt eine gute Führung. Nur wenig später wird er am 24. Juni jedoch von einem Feldkriegsgericht zu vier Monaten Gefängnis wegen Kameradendiebstahls verurteilt. Die Strafe verbüßt er von August bis Weihnachten 1940 im berüchtigten Wehrmachtgefängnis in Torgau.

Bei seiner Rückkehr zur Truppe dient er als Bordrekrut auf dem Kreuzer Lützow. Nach dem Bericht seiner Vorgesetzten kommt es bald zu weiteren Verstößen gegen die Disziplin. Angeblich versucht er, sich mittels eines fremden Ausweises einen Landurlaub zu erschwindeln, befolgt einen Befehl nicht und drückt sich vor dem Dienst. Von Februar bis April muss er erneut 15 Tage in Arrest verbringen. Bereits am 10. Februar 1941 heißt es im Führungsbuch: „K. ist eine Gefahr für die sehr junge Besatzung." Seine Überweisung in die „Kriegssonderabteilung Ost" wird beantragt, wobei es sich nach Auskunft der Deutschen Dienststelle in Berlin von 1997 um eine Einheit für Marinesoldaten handelt, „die durch disziplinare Maßnahmen der Kriegsmarine nicht mehr zu erziehen waren, nach erfolgter förmlicher Verwarnung erneut straffällig wurden und eine besondere Gefahr für die Manneszucht der Einheit bedeuteten."

Nach seiner Überstellung als Sondersoldat zur Strafeinheit auf der Halbinsel Hela (Westpreußen) am 10. April 1941 erkennt der junge Mann nun wohl endgültig keinen Sinn mehr in seinem Dienst. Angeblich verstößt er fortlaufend gegen Ordnung und Disziplin, umgekehrt scheint sich das Augenmerk seiner Vorgesetzten überscharf auf ihn zu richten, jede Kleinigkeit wird ihm als Vergehen ausgelegt. Arrest folgt auf Arrest: Im Mai erhält er zehn Tage wegen „disziplinschädigender Redensarten" und da er geringfügige Beschwerden maßlos übertrieben haben soll, um sich vor dem Dienst zu drücken. Im Juni fünf Tage wegen Belügens eines Vorgesetzten und Essens während der Dienstzeit. Im Juni/Juli 14 Tage wegen „liederlicher Zeugwirtschaft", sprich Nichtwaschens von verschmutzter Wäsche. Im Juli fünf Tage wegen Verstoßes gegen die Arresthausordnung, soll er sich doch mit einer Verdunklungsdecke zugedeckt und sich eigenmächtig „Anzugserleichterung" verschafft haben. Im Juli zehn weitere Tage wegen Verstoßes gegen einen Arztbefehl und Drückens vor dem Frühsport. Im August zunächst fünf Tage wegen hartnäckigen Belügens eines Vorgesetzten und weitere fünf Tage wegen erneuten Verstoßes gegen die Arrestordnung - eigenmächtiges Ausziehen des Pullover und Nutzung desselben als Unterlage - und „schlechter körperlicher Sauberkeit". Seine Vorgesetzten kommen nun laut Führungsbuch zu dem Schluss: „Wie die nebenstehenden Strafen zeigen, hat sich K. auch hier nicht in die militärische Zucht und Ordnung einfügen können. K. ist unaufrichtig, völlig haltlos und besitzt eine ausgesprochen gemeine und hinterhältige Gesinnung. Durch sein wehrunwilliges Verhalten musste seine Entlassung und Überführung in ein Konzentrationslager herbeigeführt werden."

Kolb wird wegen „Wehrunwürdigkeit" aus der Marine entlassen und der Gestapo in Danzig überstellt, die umgehend Schutzhaft beantragt. Am 28. Oktober 1941 wird er wegen „Wehrsabotage" „bis zur weiteren Verfügung" in das KZ Stutthof eingeliefert, wo ihn endgültig die Hölle auf Erden erwartet. Immer wieder entzieht man dem Häftling Nr. 12197 in den folgenden Monaten wegen Geringfügigkeiten oder angeblichen Verstößen gegen Lagerdisziplin und Hygienevorschriften das Essen. Er muss strafexerzieren oder wird tageweise in die Arrestzelle gesperrt. Zudem bestraft die SS die bereits körperlich geschwächten Häftlinge zynischerweise wegen „ungenügender Arbeitsleistung". Bereits im November liegt Kolb für kurze Zeit im Lazarett, im Januar ist er erneut für über drei Wochen im Krankenbau. Im Februar wird er laut Bericht des Lagerarztes mit „Frostschäden", Bronchitis und Enteritis eingeliefert. Nur kurzzeitig verbessert sich sein Gesundheitszustand noch einmal, am 30. April 1942 aber verschlechtert er sich dramatisch. Kolb leidet unter Fieber, Atemnot und schweren Herzkreislaufproblemen, begleitet von Durchfällen. Am 22. Mai 1942 stirbt der gänzlich entkräftete Mann an Flecktyphus und Herzkreislaufschwäche. Die Kommandantur benachrichtigt die zuständigen SS-Organe und angeblich auch die Angehörigen in Solingen. Die Telegramme kommen jedoch nie an. Kolb wird auf dem Friedhof in Zaspie beigesetzt, wo ihm die Polen später, wie anderen KZ-Opfern auch, einen Grabstein setzen.

Text: Armin Schulte

Stand: 20.9.2010

VerlegeortMangenberger Straße 225
StadtteilMitte
Verlegedatum06.12.2010

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