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Stolpersteine

Regina Vasen

geborene Kraus
geboren: 13. Oktober 1879 in Solingen
deportiert am 6. Dezember 1941 nach Riga-Jungfernhof (Außenlager des Ghettos Riga), verschollen

Antonia Grünhut

geborene Kraus
geboren: 19. Juni 1884 in Solingen
deportiert am 6. Februar 1942 ins Ghetto Riga, verschollen

Betty Kraus

geboren: 15. März 1887 in Solingen
deportiert am 10. November 1941 ins Ghetto Minsk, verschollen

Erna Watermann

geborene Kraus
geboren: 7. August 1894 in Solingen
gestorben: 1960 in New York

Lebensweg

Das Schicksal der Solinger Familie Kraus wurde zunächst von Hans Joachim Schneider erforscht und ihre Geschichte in der „Heimat" und im Solinger Tageblatt veröffentlicht. Im Detail lässt sie sich, vor allem im Hinblick auf die Einzelschicksale im Holocaust, inzwischen ergänzen:

Philipp Kraus (ursprünglich Krausz geschrieben; später in allen amtlichen Dokumenten und auch auf dem Grabstein Kraus) meldet sich am 27. Februar 1875 von Düren kommend in Solingen an. Er ist am 15. Juni 1846 in Jászlócz im Kaisertum Österreich (heute Jaslovske Bohunice, Slowakische Republik) als Sohn von Bernard und Regina Krausz geboren und damit österreichischer Staatsbürger. Von Beruf ist er Kaufmann und handelt mit Häuten, verheiratet ist er mit Marianne Tobar, geboren am 30. November 1849 in Zevenaar/Niederlande. Philipp und Marianne Kraus leben 40 Jahre lang in der Klingenstadt: auf der Kaiserstraße (heute: Hauptstraße), auf der Dorper Straße 52 und zuletzt in der Kölner Straße 101. Zwischen 1879 und 1894 werden hier in Solingen ihre fünf Kinder Regina, Sigmund Bernhard (geboren am 6. Februar 1883), Antonia, Betty und Erna geboren.

Über die Schul- und Ausbildungsjahre der Kinder ist kaum etwas bekannt. Bernhard absolviert eine kaufmännische Lehre, Antonia wird in der Einwohnermeldekartei als „Lehrmädchen" geführt. 1901 hält sie sich zwei Monate in Düsseldorf, 1902 fünfeinhalb Monate in Godesberg und 1912 drei Monate in Wien auf. Betty ist vermutlich die erste der Töchter, die das elterliche Haus dauerhaft verlässt, am 15. März 1901 zieht sie nach Düsseldorf, wo sie mit Unterbrechungen vier Jahrzehnte leben wird.

Am 2. April 1906 findet in Solingen die Hochzeit Reginas mit dem „Geschäftsreisenden" in Weinen und Spirituosen David Vasen statt. Am 21. April 1906 zieht das junge Paar nach Düsseldorf, später leben sie in Hamburg.

Das Jahr 1913 ist für die Familie im Guten wie im Schlechten ein ereignisreiches Jahr. Zunächst heiratet am 4. März 1913 Antonia ihren aus Wien stammenden Cousin Moritz Grünhut, einen Sohn von Philipps Schwester Catharina und des Gastwirts Joseph Grünhut. Das jungvermählte Paar zieht am 30. März 1913 nach Wien. Beruflich bezeichnet sich Moritz, der im 18. Wiener Bezirk eine Zuckerwarenfabrik besitzt, 1913 als „Branntweinschänker", 1929 als „Zuckerwarenerzeuger" und 1939 als „Kaufmann". 1914 wird in Wien der gemeinsame Sohn Hans (auch Johann; später Joshua) geboren.

Am 11. Juli 1913 stirbt Philipp Kraus in Solingen. Er wird auf dem jüdischen Friedhof am Estherweg beigesetzt. Sein Grabstein trägt eine traditionelle hebräische Inschrift unter Verwendung des synagogalen, jüdischen Namens: „Hier ist begraben ein Mann, lauter und aufrecht und gottesfürchtig, es ist Feiwel, Sohn des Beer (...)." Die deutsche Inschrift lautet: „Hier ruht mein innigstgeliebter Gatte unser teurer unvergesslicher Vater Philipp Kraus."

Zwei Monate nach dem Tod des Vaters heiratet seine Tochter Erna am 11. November 1913 den Pferdehändler Siegfried Watermann aus Bochum. Am 3. Dezember 1913 zieht Erna mit ihrem Mann „Fritz" nach Bochum, wo am 9. April 1915 ihre Tochter Irmgard geboren wird. Nach dem „Gedenkbuch für die Karlsruher Juden" besucht Irmgard in Bochum die Höhere Schule bis zur Untertertia und macht anschließend eine haushalts- und hotelfachliche Ausbildung. Zu einem unbekannten Zeitpunkt heiratet sie den Handlungsreisenden Siegfried Sally Weil und zieht mit ihm nach Karlsruhe.

Als zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes auch Marianne Kraus zusammen mit ihrem Sohn Bernhard, der die Geschäfte seines Vaters weiterführt, am 16. März 1915 nach Düsseldorf verzieht (Friedrichstraße 44), lebt kein Mitglied der Familie Kraus mehr in Solingen.

Am 26. Februar 1926 stirbt Marianne Kraus in Düsseldorf und wird dort beigesetzt. Bernhard zieht zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Hamburg, kehrt aber am 24. August 1933 nach Düsseldorf in die Immermannstraße 51 zurück. Seit dem 6. Oktober 1933 wohnt er an der Karlstraße 9, später dann ab dem 22. November 1938 an der Bilker Straße 25, an der sich unter Nr.37 auch die Synagoge befindet. Betty lebt ebenfalls von 1931 bis 1938 in Hamburg, kehrt dann kurzzeitig nach Düsseldorf zurück, um von September 1939 an noch einmal in Hamburg zu wohnen.
Wie sich die Geschwister und ihre Ehemänner unter den Schikanen, Diskriminierungen und Entrechtungen der Nationalsozialisten behaupten, darüber fehlen leider fast sämtliche Nachrichten. Dokumentiert ist dagegen ihr Weg in den Holocaust. Nach der Zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938 (RGBl. I, 1044) müssen sie alle den zusätzlichen jüdischen Zwangsvornamen Israel oder Sara beantragen und führen, was im Standesamt Solingen festgehalten wird.

Fritz Watermann wird nach der Reichspogromnacht vom 17. November bis zum 20. Dezember 1938 im KZ Dachau in Schutzhaft genommen. Am 24. oder 25. Januar 1939 stirbt Bernhard Kraus in Hamburg, kurze Zeit später am 19. Juni 1939 dann auch sein Schwager David Vasen. Dagegen ist Hans Grünhut kurz zuvor in Wien am 13. April 1939 die Ausreise nach Palästina gelungen. Vergeblich wartet er dort auf seine Eltern, die laut der späteren Aussage ihrer Enkelin Zehava Schlam ebenfalls einen Ausreiseantrag gestellt haben.

Im Februar 1941 kehrt Betty Kraus nach Düsseldorf zurück. Am 10. November 1941 wird sie von der Bilker Straße 25, unter der auch ihr Bruder Bernhard gemeldet war, in das Ghetto nach Minsk deportiert, wo sie verschollen ist. Am 6. Dezember 1941 wird Regina Vasen von Hamburg aus nach Riga-Jungfernhof, ein Außenlager des Rigaer Ghettos deportiert, wo sie umgebracht wird. Antonia und Moritz Grünhut, die zuletzt in der Edelhofgasse 1 in Wien leben, werden zunächst zu einem unbekannten Zeitpunkt in eine Sammelunterkunft in der Lilienbrunngasse 5/8 in der Leopoldstadt umgesiedelt. Am 6. Februar 1942 deportieren die Nationalsozialisten sie mittels eines acht Tage lang dauernden Transports ebenfalls ins Ghetto Riga, wo sie aufgrund der herrschenden menschenunwürdigen Bedingungen versterben.

Erna und Fritz Watermann gelingt am 27. September 1939 zunächst die Emigration nach Belgien, dort aber werden sie interniert. Fritz wird am 10. Mai 1940 in Le Vigeant inhaftiert, am 15. Mai 1942 kommt er nach St. Cyprien bei Perpignan und wird schließlich am 12. August 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er am 30. August 1942 getötet wird. Seine Frau Erna hält man nach den Recherchen von Hans Joachim Schneider im Lager Mechelen fest. Zweimal soll sie nach Auschwitz deportiert werden, ihr Name steht bereits auf den Transportlisten, im letzten Moment aber wird sie verschont. Am 4. September 1944 kann sie in Mechelen von den Alliierten befreit werden. Ihre Tochter Irmgard und ihr Mann Siegfried Sally Weil, die in Karlsruhe vergeblich auf ihre Ausreise nach Amerika gehofft haben, werden im Rahmen der „Wagner-Bürckel-Aktion" (Deportation von 6500 Juden aus Baden und der Saarpfalz) am 22. Oktober 1940 nach Gurs am Fuße der Pyrenäen deportiert. Vom Sammel- und Durchgangslager Drancy bei Paris transportiert man sie am 12. August 1942 nach Auschwitz, wo sie ermordet werden.

Nur Erna Watermann und Hans Grünhut überleben den Holocaust. Zehava Schlam schildert 2010 gegenüber Hans Joachim Schneider das weitere Schicksal ihrer Tante Erna: 1953 scheitert ihr Versuch, in Bochum Wiedergutmachung für ihr „arisiertes" Vermögen zu erlangen. Sie zieht nach New York, wo sie 1960 arm und vereinsamt stirbt. Zehavas Vater Hans gründet dagegen in Palästina eine Familie. Er heiratet Cecilia Friedmann und hat mit ihr zwei Kinder. Er stirbt im Februar 2012 mit 98 Jahren und hinterlässt neben seinen Kindern vier Enkel und zehn Urenkel. Seine Tochter berichtet 2012 dem Solinger Tageblatt, ihr Vater habe eigentlich nie über den Holocaust und seine ermordeten Verwandten gesprochen. Er habe sich schuldig gefühlt, weil er überlebt habe und seine Eltern nicht habe retten können. Zur Verlegung des Stolpersteins für ihre Großmutter und ihre Verwandten reist Zehava Schlam 2014 nach Solingen. Am Ort des Hauses Kölner Straße 101 hält sie in deutscher Sprache eine Rede, die sie mit einem Bibelvers schließt: „Und ich werde ihnen in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben. Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht ausgelöscht werden soll."

Neben den Stolpersteinen in Solingen sind heute auch in Wien an der Edelhofgasse 1 für Antonia und Moritz Grünhut und am Dimpfelweg 26 in Hamburg-Mitte für Regina Vasen Gedenksteine verlegt. Für Fritz Watermann existiert in der Annastraße 21 in Bochum ein Stein. Er liegt dort neben den Stolpersteinen für seine Schwester Elfriede und seinen Schwager Georg Salomon, die ebenfalls im Holocaust umkommen sind.

Text: Armin Schulte

Stand: 11.7.2016

Literaturhinweis
  • Brocke, Michael: Der jüdische Friedhof in Solingen, Solingen 1996, S. 41f. u. S. 212.
  • Koch, Susanne: Der Vater hat lange geschwiegen, Solinger Tageblatt vom 11.6.2012.
  • Diab, Nadine: Neue Stolpersteine für NS-Opfer, Solinger Tageblatt vom 5.4.2014.
  • Schneider, Hans Joachim: In Solingen geboren - in der Shoah gestorben. Solinger Juden, die die Schreckensherrschaft nicht überlebten, in: Die Heimat, Heft 26, 2010/2011, S. 59-76.
  • Schneider, Hans Joachim: Familie Krauss: Solinger für etwa 40 Jahre lang. Spurensuche. Durch die Nationalsozialisten kamen viele Familienmitglieder ums Leben, Solinger Tageblatt vom 8.6.2011.

 

 

VerlegeortKölner Straße 101 / Seiteneingang Hofgarten
StadtteilMitte
Verlegedatum04.04.2014

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