Stolpersteine

Helene Krebs

geborene Berg
geboren: 12. September 1906 in Langenfeld-Immigrath
gestorben: 3. Januar 1943 im KZ Auschwitz

Lebensweg

Helene Krebs kommt 1906 in Immigrath als jüngste Tochter des Klempners Wilhelm Jakob Berg und seiner Frau Wilhelmine (geborene Salomon; geboren am 8.2.1866 in Langenfeld) zur Welt. Neben den beiden Schwestern Martha (verheiratete Hoffmann; geboren am 10.4.1900 in Immigrath; gestorben am 31.8.1985 in Solingen) und Emma (verheiratete Schubert; geboren am 2.2.1904 in Immigrath; gestorben am 7.3.1991 in Solingen) hat sie drei Brüder. Bereits früh verliert Helene ihren Vater, er fällt im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat in Russland.

Nachdem sie acht Jahre lang die katholische Volksschule besucht hat, absolviert Helene eine Ausbildung zur Schneiderin. Am 14. Januar 1933 ehelicht sie Paul Ludwig Krebs (geboren am 1.10.1896 in Höhscheid; gestorben am 12.11.1955 in Hilden), der als Meister in der Bergischen Metallwaren-Fabrik Deppmeyer & Co. in der Saarstraße 10-12 beschäftigt ist. Ebenso wie ihre beiden Schwestern heiratet sie damit nichtjüdisch, bleibt aber bis zu ihrer Inhaftierung 1942 Mitglied der Solinger Synagogengemeinde. Das Ehepaar wohnt am Rennpatt 6 in Ohligs.

Die Rassenpolitik der Nationalsozialisten veranlasst in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre zwei der Brüder von Helene Krebs zur Auswanderung in die USA und nach Palästina. Auch der Druck auf die sogenannten „Mischehen" nimmt seit 1935 stetig zu. Als nach der Reichspogromnacht am 12. November 1938 die Verordnung über die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben erlassen wird, muss Helene Krebs ihre berufliche Tätigkeit endgültig beenden.

Am 30. April 1943 kommt es zu einer schicksalshaften Begegnung. Unerwartet steht Helenes Cousine Edith Meyer mit ihrem nichtjüdischen Verlobten Heinrich Heinen vor der Tür des Ehepaares Krebs in Ohligs. Meyer war im Dezember 1941 nach Riga deportiert worden, wo sie von Heinen im April 1942 unter Lebensgefahr aus dem Ghetto befreit wird. Nun bitten beide um Unterkunft, die ihnen auch gewährt wird. Einige Tage später reisen sie ab, um die Flucht über die Schweizer Grenze zu wagen. Am 11. Mai denunziert Paula Berntgen aus Ohligs, bei der Edith Meyer vor ihrer Deportation ihre Aussteuer untergestellt und die sie nach ihrer Flucht aus Riga vergeblich um Hilfe gebeten hatte, alle Beteiligten. Das Ehepaar Krebs wird von der Gestapo zunächst nur verhört und streitet alles ab. Am 22. Juni aber werden Meyer und Heinen beim Versuch des Grenzübergangs in die Schweiz verhaftet und in Feldkirch inhaftiert. Die Gestapo Bregenz führt die Verhöre und berichtet der Gestapoleitstelle in Düsseldorf von den Ergebnissen. Helene und Paul Krebs werden am 17. August verhaftet. Nur wenige Tage zuvor ist Ende Juli 1942 Helenes 76-jährige Mutter Wilhelmine Berg in das KZ Theresienstadt deportiert worden, wo sie am 20. Januar 1943 stirbt.

Zu dieser Zeit aber lebt Helene bereits nicht mehr. Denn obwohl Ende September bei ihr eine Schwangerschaft im 4. Monat festgestellt wird, betreibt die Düsseldorfer Gestapo mit allen Mitteln und auch entgegen geltender NS-Richtlinien ihre Einweisung in ein KZ. Dienstellenleiter Regierungsrat Breder schreibt an das Reichsicherheitshauptamt in Berlin: „ Da die Ehe seit ca. 10 Jahren besteht und kinderlos ist, liegt die Annahme nahe, daß mit der Zeugung des Mischlings eine evtl. eintretende Evakuierung unmöglich gemacht und weitere Privilegien geschaffen werden sollten ." Paul Krebs, der sich aufgrund der Intervention seiner Firma bereits wieder auf freiem Fuß befindet, kämpft verzweifelt um das Leben seiner Frau. Anfang Dezember schreibt er in einer Petition an die Gestapo „ Ich trete heute an die dortige Stelle mit einer Bitte für meine Ehefrau heran in der Hoffnung, daß dieser Bitte stattgegeben wird (...) Politisch habe ich mich früher nie betätigt und gehöre zu den Elementen, die bestimmt staatserhaltend sind; und mir nimmt man jetzt meine Frau. Weswegen? Wegen einer Unvorsichtigkeit, die ihr aus rein menschlichen Motiven unterlaufen ist. Ich weis [sic] es, meine Frau ist Nichtarierin und hat infolgedessen im heutigen Staat kein Recht; aber sie ist nun einmal meine Frau, und sie trägt ein Kind von mir unter dem Herzen. (...) Für mich ist das Leben nicht mehr lebenswert, wenn man mir mein Familienleben vernichtet. (...) Jetzt soll meine Frau nach Polen verschickt werden, und ich weiß nicht, wohin sie kommen soll und was aus ihr wird. (...) Ich bin bereit, jede Schuld auf mich zu nehmen, aber ich kann es nicht ertragen, daß das Menschenkind, mit dem man jetzt jahrelang verheiratet ist, in ein ungewisses Unglück hineingeführt wird, ohne daß man ihm helfen kann. Das kann auch, wenn es einen Herrgott gibt, unser Herrgott nicht gutheißen, und der Führer spricht stets von einem solchen Herrgott. (...) Ich bitte daher, mir meine Frau wiederzugeben. "

Doch seine Bittgesuche bleiben vergebens, im Gegenteil, sie beschleunigen das Verhängnis. Durch den Brief wird man in Berlin darauf aufmerksam, daß Helene Krebs noch immer in Wuppertal inhaftiert ist. Die Gestapoleitstelle Düsseldorf wird angewiesen, die „umgehende Überführung in das KL. Auschwitz unter Unterrichtung des KL. über den Schwangerschaftszustand besorgt zu sein" zu veranlassen. Am 7. Dezember wird Helene Krebs über Berlin nach Auschwitz verbracht, wo die Schwangere keine Überlebenschance hat. Angeblich stirbt sie am 3. Januar 1943 an „Angina Phlegmonosa", einer von den Mandeln ausgehenden Gewebsinfektion. Ihre Cousine Edith Meyer kommt ebenfalls in Auschwitz ums Leben, sie wird bereits am 9. Oktober 1942 von Innsbruck aus deportiert. Ihr Verlobter Heinen wird von der Gestapo „auf der Flucht erschossen".

1944 wird auch Helenes Schwester Martha Hoffmann deportiert. Zusammen mit anderen Solinger Juden aus „Mischehen" wird sie am 17. September 1944 in Solingen verhaftet. Auf dem Transport von Weimar in das KZ Theresienstadt gelingt Martha Hoffmann jedoch die Flucht. Dank der Hilfe Dritter kann sie in der Nähe von Zeitz das Kriegsende in der Illegalität überleben. Ein weiterer Bruder von Helene und Martha überlebt die Haft in Theresienstadt.

1948 wird gegen Paula Berntgen und ihrem Mann Willi ein Ermittlungsverfahren wegen Denunziation angestrengt. Da die Gestapoakten zu dieser Zeit noch nicht vorliegen und die beteiligten Beamten sich an nichts mehr erinnern wollen, wird es ergebnislos eingestellt.

Text: Armin Schulte

Stand: 6.11.2006

Literaturhinweis
  • Berschel, Holger: Bürokratie und Terror. Das Judenreferat der Gestapo Düsseldorf 1935 - 1945 (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Bd. 58), S. 415-422.
  • Rudzio, Margit Tamar: Spurensuche 1996, in:„... daß ich die Stätte des Glückes vor meinem Tode verlassen müßte." Beiträge zur Geschichte jüdischen Lebens in Solingen, hrsg. von Manfred Krause / Solinger Geschichtswerkstatt, Solingen 2000, S. 271-274.

 

VerlegeortRennpatt 8
StadtteilOhligs/Aufderhöhe/Merscheid
Verlegedatum07.02.2006

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