Stolpersteine

Hans Lichtenthäler

geboren: 15. Dezember 1919 in Solingen-Wald
gestorben: 18. März 1945 in Spilimbergo, Italien

Lebensweg

Über das Schicksal von Hans Lichtenthäler ist kaum mehr bekannt als das, was wir heute noch aus seiner Wiedergutmachungsakte lesen können. Vieles davon beruht auf persönlichen Angaben, nur weniges ist amtlich belegt. Mit großer Sicherheit aber spielt die Liebe zu einer jungen Italienerin für den Lebensweg von Hans Lichtenthäler eine entscheidende Rolle.

Hans Lichtenthäler wird am 15. Dezember 1919 in Wald geboren. Von Beruf ist er Klempner, vor 1939 tritt er politisch nicht in Erscheinung. 1939 wird er zur Luftwaffe eingezogen. Nach Auskunft der Deutschen Dienststelle in Berlin dient er zunächst im 3. Flieger-Ausbildungs-Regiment 72. Im Juni 1942 ist er vorübergehend im Wehrmachtsgefängnis Glatz inhaftiert und wird wohl im September 1942 von der „Wehrmachtsgefangenenabteilung Groß-Mittel" (vermutlich nach dem Ort in Niederösterreich benannt) zum Flieger-Ersatz-Bataillon XVII Seyring (Ort bei Wien) versetzt. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wird der Obergefreite dann nach Italien verlegt. In Oberitalien jedenfalls entfernt sich Hans Lichtenthäler 1944 von der Truppe und schließt sich den italienischen Partisanen an. Ob er seine spätere Frau, die junge Jüdin S.L., vor oder nach seiner Desertion kennen lernt, ist dabei offen. Vermutlich desertiert er wegen ihr, die zu diesem Zeitpunkt zugleich ethnisch Verfolgte und Widerstandskämpferin ist.

Das Schicksal der Italienerin S.L. lässt sich bislang nur relativ lückenhaft anhand ihrer Aussagen im Wiedergutmachungsverfahren in den Nachkriegsjahren nachzeichnen. S.L. wird am 14. Mai 1916 in Triest geboren. Ihr Vater ist in den 1930er Jahren Generaldirektor der Mineralölfirma A.J.R.O.L. mit Sitz in Triest und später in Rom, von der er auch einen größeren Anteil Aktien hält. 1934 wird auch sie bei der Firma als Sekretärin angestellt. Als 1937 in Italien Judenverfolgungen einsetzen und die Firma enteignet wird, verliert zunächst S.L. ihren Job, dann ihr Vater. In der Folge reisen die beiden von Ort zu Ort, um nicht von der Polizei ermittelt zu werden. Am 8. Sept. 1943 oder am 24. Januar 1944 - hier widersprechen sich die Angaben - wird der Vater in Moneglia bei Genua von der Polizei verhaftet und der SS übergeben, die Wohnung der beiden in Genua wird ausgeplündert. Ihr Vater wird nach Auschwitz deportiert und laut seiner Tochter am 15. September 1944 vergast. Nach ihren Angaben flüchtet sie nach der Festnahme ihres Vaters nach Florenz, wo sie die italienische Polizei am 12. April 1944 verhaftet. Bereits am 24. April gelingt es italienischen Partisanen jedoch, sie mit Hilfe falscher Papiere zu befreien. Sie flieht in das Dorf Basaldella bei Spilimbergo, einem Ort westlich von Udine. Hier lernt sie ihren späteren Mann, Hans Lichtenthäler, kennen.

Laut amtlicher Unterlagen heiraten S.L. und Hans Lichtenthäler am 5. November 1944 in der katholischen Kirche von Basaldella in der Gemeinde Vivaro. Spätestens jetzt schließt sich Hans den Partisanen an. Das gemeinsame Glück währt für das junge Ehepaar nur etwas mehr als einen Monat. Am 7. Dezember 1944 werden die beiden bei einer Passkontrolle bei Pordenone (Friaul-Julisch Venetien) von italienischen Faschisten verhaftet und sofort den Deutschen übergeben, die das Ehepaar an getrennten Orten inhaftieren. S. Lichtenthäler bringt man zunächst nach Pordenone, am 29. Dez. 1944 wird sie nach Udine verlegt. Sie wird der Hilfe für die Partisanen beschuldigt, zudem hat sie verbotenerweise einen Wehrmachtssoldaten geheiratet. Aufgrund der im Gefängnis herrschenden untragbaren Zustände erkrankt sie schwer, zudem lässt man sie über das Schicksal ihres Mannes vollständig im Dunkeln. Am 29. März 1945 steckt ihr eine Nonne einen Brief zu. Es ist der Abschiedsbrief ihres Mannes, geschrieben am 17. März 1945, am Vorabend seines Todes. Von einem deutschen Kriegsgericht als Deserteur zum Tode verurteilt, wird Hans Lichtenthäler laut amtlicher Unterlagen am Morgen des 18. März 1945 in Spilimbergo standrechtlich erschossen. Aufgrund der fortgeschrittenen Kriegsdauer kann zumindest seine Frau der Deportation entgehen. Am 5. Mai 1945 wird sie durch englische Truppen in Udine befreit. Sie hat überlebt und kann nun vom Geschehenen zeugen. Doch wen interessiert das im Nachkriegseuropa noch?

Das Leben aber geht weiter. Im November 1946 bringt S. Lichtenthäler in Calisana in Italien einen Sohn zur Welt, der den Namen seines ermordeten Großvaters Carlo erhält. 1954 halten sich Mutter und Sohn von Portogruaro, Venedig kommend vorübergehend in Solingen auf, wo sie auch einen Wiedergutmachungsantrag stellen. Doch Geld für das erlittene Leid erhalten sie wohl nicht. Hinrichtungen wegen Desertion werden nicht entschädigt, die Verfolgung von S. und ihrem Vater, die zu diesem Zeitpunkt beide italienische Staatsbürger sind, hat in Italien stattgefunden. 1958 verziehen S. Lichtenthäler und ihr Sohn „nach unbekannt".

Text: Armin Schulte

Stand: 12.10.2010

VerlegeortDültgenstaler Straße 54
StadtteilWald
Verlegedatum14.01.2012

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