Stolpersteine

Henriette Marx

geboren: 16. Februar 1893 in Remagen
gestorben: 14. Februar 1941 in Tötungsanstalt Hadamar

Lebensweg

Henriette Marx wird am 16. Februar 1893 in Remagen geboren. 1936 ist die 43jährige Patientin der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen. Am 10. Dezember 1936 wird sie im katholischen Altersheim St. Josef-Kloster in der Schützenstraße 217 angemeldet.

Als nach Kriegsbeginn mit der „Aktion T4" die gezielte Tötung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen und psychischen Krankheiten beginnt, werden auch die jüdischen Anstaltspatienten in das Mordvorhaben mit einbezogen. Wie Annette Hinz-Wessels in ihrem Aufsatz über „Antisemitismus und Völkermord. Zum Umgang mit den jüdischen Anstaltspatienten" schreibt, wird diese zunächst regional durchgeführte Sonderaktion mit der Verordnung des Reichsinnenministeriums vom 30. August 1940 zur Konzentration der jüdischen „Geisteskranken", die sich zu diesem Zeitpunkt noch in nichtjüdischen Einrichtungen befinden, in verschiedenen Sammelstellen reichsweit ausgedehnt. Den Abschluss der Aktion bildet unter anderem der Abtransport der jüdischen Patienten aus der nördlichen Rheinprovinz im Frühjahr 1941.

Anfang Februar 1941 wird auch Henriette Marx in die Heil- und Pflegeanstalt Grafenberg in Düsseldorf verlegt. In dieser „Zwischenanstalt" für die Euthanasiemorde werden die 150 jüdischen Patienten aus verschiedenen Anstalten gesammelt und bis zu ihrem Abtransport getrennt von den anderen Patienten untergebracht. Neben Marx ist zu dieser Zeit auch die Solinger Jüdin Marianne Dessauer in Grafenberg eingeliefert worden. Beide werden zusammen mit 41 anderen Patienten am 14. Februar an ein unbekanntes Ziel verlegt. Am 15. Februar werden dann nach den Recherchen von Christiane Hoss weitere 78 Menschen mit zwei Bussen der „Gekrat" (Gemeinnützige Krankentransport GmbH), einer der Tarnorganisationen der Nationalsozialisten zur Durchführung der Morde, abtransportiert. Hoss zitiert einen ungenannten Augenzeugen: „Eine ganze Menge sind weggekommen, Männer, Frauen und Kinder. Jüdische Professoren, die geisteskrank waren, sind dabei gewesen. Die waren am Weinen. Die Kinder hauptsächlich." Den Angehörigen erzählt man, die Patienten würden in eine Anstalt ins sogenannte Generalgouvernement verlegt.

Doch keiner von ihnen erreicht tatsächlich das besetzte Polen. Wie Annette Hinz-Wessels nachgewiesen hat, handelt es sich um ein Täuschungsmanöver. Die Menschen werden in den Tötungsanstalten im Reich umgebracht, die Patienten aus der Rheinprovinz vermutlich sämtlich in Hadamar. Später erreichen die Angehörigen Todesmeldungen aus einer Anstalt Cholm bei Lublin, die zu diesem Zeitpunkt jedoch schon lange nicht mehr besteht. Bereits im Januar 1940 hat die SS dort alle Patienten getötet, um das Gebäude als Kaserne nutzen zu können. Für die Beurkundung der Todesfälle aber haben die „T4"-Organisatoren eigens ein fiktives Sonderstandesamt Cholm eingerichtet. Der vermeintliche Transport nach Cholm aber und auch die dortige Pflege werden von den Mördern selbstverständlich gegenüber den Kostenträgern abgerechnet.

Auch von Henriette Marx wird lange Zeit angenommen, sie sei am 16. April 1941 in Cholm umgekommen, laut dem Gedenkbuch des Bundesarchivs stirbt sie jedoch bereits am 14. Februar 1941 in Hadamar, ebenso wie Marianne Dessauer.
Neben dem Stolperstein in Solingen erinnert heute in ihrem Geburtsort Remagen in der Marktstraße 59 (ehemals Hauptstraße 37), dort, wo sich die Altwarenhandlung Marx befand, ein Stolperstein an Henriette Marx.

Text: Armin Schulte

Stand: 11.7.2016

Literaturhinweis
  • Hinz-Wessels, Annette: Antisemitismus und Krankenmord. Zum Umgang mit jüdischen Anstaltspatienten im Nationalsozialismus, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1/2013, S. 65-92.
  • Hoss, Christiane: Die jüdischen Patienten der rheinischen Anstalten zur Zeit des Nationalsozialismus, in: Leipert, Matthias/Styrnal, Rudolf/Schwarzer, Winfried, Verlegt nach unbekannt. Sterilisation und Euthanasie in Galkhausen 1933-1945, Köln/Bonn 1987 (Rheinprovinz 1), S. 60-83, hier: S. 72.

 

VerlegeortSchützenstraße 217
StadtteilMitte
Verlegedatum14.01.2012

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