Stolpersteine

Albert Müller

geboren: 27. Juli 1891 in Solingen
gestorben: 27. Januar 1951 in Solingen

Lebensweg

Albert Müller

Albert Müller wurde am 27. Juli 1891 in Solingen geboren. Er erlernte den Beruf des Schlossers, arbeitet aber auch zeitweise als Rasiermesserschleifer. Über die Gewerkschaftsbewegung fand er den Weg in die Kommunalpolitik. Er war langjähriger Vorsitzender der freien Schulgesellschaft und kandidierte noch im März 1933 auf der Liste der KPD zur Stadtverordnetenwahl.

Albert Müller kam zunächst von März 1933 bis Ende April 1934 in „Schutzhaft", die längste Zeit davon ins KZ Börgermoor. 1935 wurde er erneut im Solinger Polizeigefängnis inhaftiert, 1937 Müller wiederum für sieben Monate in „Schutzhaft" genommen, u.a. im KZ Sachsenhausen. Seine letzte Verhaftung erfolgte am 15. August 1944 im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944.

Die Enkelin Martina Bötig beschreibt dies in ihrer biographischen Erinnerung an den Großvater so: „1933, unmittelbar nach der so genannten „Machtergreifung" der Nazis, wird Albert Müller verhaftet. Von da an folgt eine Inhaftierung nach der anderen, eine Odyssee durch KZs und Gestapogefängnisse quer durch das Deutsche Reich. Die Großmutter steht allein da mit ihren zwei Kindern, lebt auf zwei kleinen, ärmlichen Dachzimmern in der Potsdamer Straße von der Hand in den Mund. In dieser Hand ist nicht viel, gerade das, was sie durch Putzen und ein paar Reichsmark Sozialhilfe bekommt. Auf dem Sozialamt muss sie sich als „Kommunistensau" beschimpfen lassen, wenn sie die paar Groschen Unterstützung abholt. (...) Für kurze Zeit kommt Albert Müller immer wieder frei, misshandelt, geschunden an Körper und Seele, so sehr, dass die kleine Tochter den Vater nicht mehr erkennt. Der nimmt das Kind auf den Schoß und zeigt ihr den bei ihm stark ausgeprägten Kehlkopf. Nur daran erkennt die Tochter ihn wie¬der. Der Großvater weint hemmungslos. Um seine physischen Verwundungen und Krankheiten kümmert sich ein alter jüdischer Arzt, der - noch - praktizieren darf und den Großvater aus alter Verbundenheit kostenlos behandelt. Es wäre ohnehin kein Geld da gewesen, ihn zu bezahlen. (...) Und immer wieder poltern schwere Stiefel die Holztreppen zur Wohnung hinauf, Männer in langen Ledermänteln reißen die Tapeten von den Wänden, weil sie dahinter Flugblätter oder andere Pamphlete vermuten, zerschlagen die karge Wohnungseinrichtung, reißen die Betten auseinander und zerren Albert Müller schließlich in ihr Auto, verschleppen ihn in die nächste Haft, weil er angeb¬lich Flugblätter verteilt, „wehrkraftzersetzende" Äußerungen von sich gegeben oder Feindsender gehört hat. (...) 1945, der Krieg ist zu Ende. Das Dritte Reich existiert nicht mehr. Die Deutschen stehen vor den Trümmern ihrer Heimat und dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Aber der Terror ist vorbei. Auch Albert Müller muss jetzt keine Angst mehr haben. Aber er ist körperlich am Ende, gezeichnet von Misshandlungen und dem ständigen Hunger während der letzten zwölf Jahre."

An der Übergabe Solingens an die amerikanischen Truppen (17. April 1945) war Albert Müller ebenso beteiligt wie an den ersten Schritten eines demokratischen, antifaschistischen Neubeginns, obwohl sein Gesundheitszustand durch die Inhaftierungen schwer gelitten hatte.

Als die britische Militärregierung mit der Ernennung von 42 Stadtverordneten am 8. Februar 1946 eine neue demokratische kommunale Selbstverwaltung in Solingen einführte - je neun Vertreter von CDU, KPD und SPD, sechs der FDP und neun Parteilose spiegelten nach Ansicht der Besatzungsmacht das Verhältnis der politischen Kräfte in der Stadt wider -, wurde der Kommunist Albert Müller von den Briten zum Vorsitzenden des Rates der Stadt und Oberbürgermeister Solingens ernannt, während der Christdemokrat Gerhard Berting Oberstadtdirektor und damit Chef der Solinger Stadtverwaltung wurde.

Am 6. März 1946 traten die Stadtverordneten erstmals zusammen. Oberbürgermeister Albert Müller fehlte aus Krankheitsgründen und konnte sein politisches Programm von Artur Meistermann nur verlesen lassen: „Wie der Herr Oberbürgermeister in seinem Brief schreibt, stehen wir vor einem politischen Neuaufbau in ganz Deutschland, auch in Solingen, unserer Vaterstadt. Wir beginnen auf einem Trümmerhaufen. Ich halte mich für verpflichtet, das hier vor aller Welt festzustellen. Diese Trümmer und Ruinen in ideeller und materieller Hinsicht sind ein Bestandteil des Dritten Reiches, dessen Machthaber(n) wir die ganze geradezu ungeheuerliche Schuld aufbürden müssen. (...) Wir haben die Überzeugung des Anderen für heilig zu halten, auch dann, wenn wir sie nicht für richtig halten. Wir müssen Abkehr halten von der Praxis des Dritten Reiches, wo überzeugungstreue Menschen nur wegen ihrer Überzeugungstreue dem Konzentrationslager, dem Zuchthaus und dem Galgen überliefert wurden. - Wir haben viel zu tun, um die geschändete Ehre des Deutschen Namens wiedergutzumachen. Bei allerseits gutem Willen sollte die Hoffnung berechtigt sein, daß nach diesem unendlichen Unglück, das über das Deutsche Volk gekommen ist, in Zukunft mehr das Gemeinsame als das Trennende betont wird. (...) Die Tragik der Demokratie in Deutschland besteht darin, daß sie stets einen Trümmerhaufen zu übernehmen hat. Das war 1918 und auch jetzt wieder der Fall. Das soll uns nicht hindern, in selbstloser schwerer Arbeit unsere Pflicht zu tun; und für diese Arbeit wollen wir heute für unsere Vaterstadt das Fundament legen."

Zehn Monate in einer Zeit schwerster wirtschaftlicher Not setzte Albert Müller als Oberhaupt der Stadt in unermüdlicher und aufopferungsvoller Arbeit seine ganze Kraft zum Wohle der Bevölkerung ein.

Am 13. Oktober 1946 fanden die ersten freien Wahlen eines politischen Gremiums nach fast 14 Jahren statt. Die CDU erwies sich dabei als die stärkste politische Kraft, und Gerhard Hebborn wurde am 5. November zum Oberbürgermeister Solingens gewählt. Albert Müller wurde für die Kommunisten in den Stadtrat gewählt und blieb dort bis zu seinem Tode tätig, zuletzt als Fraktionsvorsitzender der KPD. Albert Müller verstarb am 27. Januar 1951, nicht einmal 60 Jahre alt. Im Nachruf der Stadt heißt es: „Sein tiefes Verständnis für soziale Probleme sicherte ihm Anerkennung und Achtung aller, auch seiner politischen Gegner."

Seine Enkelin schreibt dazu; „Albert Müller überlebt den Krieg nur um sechs Jahre, stirbt im Januar 1951 mit nur 59 Jahren an einer durch mannigfache Misshandlungen erlittenen Herzschwäche, sechs Wochen vor der Hochzeit meiner Eltern. Auf ihrem Hochzeitsfoto steht meine Mutter in einem schwarzen Kostüm vor dem Standesamt und sieht nicht wie eine glückliche Braut aus. Sie hat an ihrem Vater sehr gehangen, so sehr, dass sie ihn durch zahllose Erzählungen und Gespräche immer hat bei uns sein lassen. Tot ist eben nur, wer vergessen ist."

Text: Ralf Rogge

Stand: 19.7.2017

Literaturhinweis
  • Martina Bötig:  Albert Müller (1891-1951). Solingens kommunistischer Oberbürgermeister, in: Die Heimat 2014, S. 88-94.

 

VerlegeortPotsdamer Straße 9
StadtteilMitte
Verlegedatum02.08.2017