Stolpersteine

Ernst Müller

geboren: 22. Dezember 1920 in Solingen
gestorben: 23. Mai 1941 ermordet in der Tötungsanstalt Bernburg an der Saale

Lebensweg

Ernst Müller wird am 22. Dezember 1920 in Solingen als fünftes Kind des Schleifers Paul Müller und seiner Frau Paula geboren. Schon in frühester Jugend treten bei dem Jungen Anfälle auf, die später von den Ärzten als epileptisch gewertet werden. Er wird 1927 eingeschult und dann im April 1932 an die evangelische Schule in Löhdorf überwiesen, wo er die seinem Alter nicht mehr angemessene 4. Klasse besucht. Im Zuge des späteren Sterilisierungsverfahrens berichtet der damalige Schuldirektor: „Ich bin aber persönlich Ernst Müllers Lehrer gewesen und weiß von den Erscheinungen seiner Epilepsie zu berichten. Ernst Müller litt sehr stark unter dieser Krankheit, so dass er in der Klasse, im Hausflur oder auf dem Schulhofe plötzlich zum Schrecken der Kinder niederfiel. Fallsucht und Krämpfe überraschten ihn oft mehrfach an einem Vormittag, so dass ich es für dringend nötig hielt, den Jungen der Schule fernzuhalten. Der Junge war überhaupt nicht schulfähig, und ich habe nie verstehen können, dass er die Schule besuchen durfte. Krankheitshalber hat er auch sehr oft gefehlt. Die Leistungen kann ich mir gar nicht vorstellen, da ich mich mit dem Schüler kaum zu beschäftigen wagte."

1931 wird bei Ernst während eines Krankenhausaufenthaltes angeblich erstmals „Epilepsie" diagnostiziert und der Junge dann im September 1933 in die Evangelische Bildungs- und Pflegeanstalt Hephata in Mönchengladbach eingeliefert. Im Zuge des „Gesetzes zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" wird dort - vermutlich mit der eintretenden Pubertät - im Oktober 1936 ein Antrag auf Unfruchtbarmachung gestellt. In seinem ärztlichen Gutachten beschreibt der Anstaltsarzt seinen Patienten Ernst, der in der Mattenflechterei beschäftigt ist, als zugänglich und freundlich. Obwohl dieser die Rechenaufgaben in der vorgeschriebenen „Intelligenzprüfung" löst und einfachere Fragen richtig beantwortet, diagnostiziert er „angeborenen Schwachsinn" und „Epilepsie".

Am 8. Januar 1937 ordnet dann das Erbgesundheitsgericht Mönchengladbach die Sterilisierung von Ernst an. Der Vater bittet um beschleunigte Durchführung des Verfahrens, da Ernst seit 1934 nicht mehr zu Hause gewesen sei und unter Heimweh leide. Einen Besuch in der Heimat aber kann er nur nach erfolgter Sterilisierung antreten.

Am 26. April 1937 wird Ernst im Evangelischen Krankenhaus Bethesda in Mönchengladbach sterilisiert, im Mai 1937 wird er zu seinen Eltern nach Hause entlassen. Am 1. Juni 1939 erfolgt die Einlieferung in die Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen in Langenfeld. Was nun passiert, ist mit Ausnahme der Tatsache seines Todes bislang nicht restlos aufklärbar. Nach dem späteren Wiedergutmachungsantrag seines Vaters wird er im Zuge der „Aktion T4", der systematischen Tötung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, von Galkhausen aus in den Osten deportiert und am 23. Mai 1941 in der Tötungsanstalt Bernburg an der Saale umgebracht. Auch das Sterbebuch des Standesamtes Solingen nennt Bernburg als Todesort. Möglich aber ist auch, dass er im Mai 1941 - wie viele andere Patienten aus Galkhausen zu dieser Zeit auch - in die Tötungsanstalt Hadamar an der Lahn gebracht und dort umgebracht wird. Der Todesort wäre dann - wie vielfach im Zuge der Euthanasie praktiziert - bewusst verschleiert worden.

Text: Armin Schulte

Stand: 4.7.2017

VerlegeortKasinostraße 10
StadtteilMitte
Verlegedatum02.08.2017