Stolpersteine

Heinrich Schroth

geboren: 3. November 1902 in Solingen-Ohligs
gestorben: 13. September 1957 in Solingen

Lebensweg

Passfoto Heinrich Schroth

Der Maurer Heinrich Schroth ist vor 1933 langjähriger Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterjugend in Ohligs und später in der Sozialistischer Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) aktiv. Nach der „Machtergreifung" beteiligt er sich am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nach Rückkehr von einer sozialistischen Tagung in den Niederlanden wird er am 28. Februar 1933 am Hauptzollamt Euvern festgenommen und bis zum 10. März in Emmerich festgehalten. Nur wenige Tage später wird er in Duisburg erneut verhaftet und bis Anfang April im dortigen Polizeigefängnis inhaftiert.

Am 2. September 1933 nimmt man ihn in Solingen erneut fest. Er wird in das KZ Kemna eingeliefert. Heinrich Schroth übersteht die Torturen, denen er in der „Kemna" ausgesetzt ist, mit schweren Gesundheitsschäden, von denen er sich nie wieder erholen wird. Seine Erlebnisse in Kemna hält er später schriftlich fest. Im Januar 1934 wird Schroth nach Elberfeld verlegt und am 30. Mai 1934 durch den I. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm wegen „Vorbereitung zum Hochverrat" zu einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafhaft verbüßt er in Elberfeld und Hamborn, wo er im April 1935 aus der Haft entlassen wird.

Nach der Entlassung ist er zunächst neun Monate lang erwerbslos. Seit 1936 versucht er sich als Scherenfabrikant, wird jedoch 1939 zur Fa. Henckels dienstverpflichtet und 1942 vorübergehend zur Wehrmacht eingezogen. Seine Firma, die wohl zu keiner Zeit einen größeren Umfang angenommen hat, wird 1944 beim Bombenangriff auf Solingen zerstört.

Nach 1945 gehört Schroth dem Bezirksvorstand der SPD an. Von 1946 bis 1956 ist er Mitglied des Solinger Stadtrates und zeitweise Fraktionsvorsitzender der SPD. 1954 wird Schroth als Solinger Abgeordneter für die SPD in den NRW-Landtag gewählt. Heinrich Schroth stirbt, noch keine 55 Jahre alt, am 13. September 1957.

In dem „Bericht über das Konzentrationslager Kemna bei Wuppertal" schreibt Heinrich Schroth: „Das Lager war in einem Fabrikgebäude an der Bahnstrecke Beyenburg-Wuppertal untergebracht. Die Bewachung des Lagers wurde durch die SA aus Wuppertal und der näheren Umgebung gestellt. Dieses Lager verdient den ihm zugelegten Beinamen ‚Die Hölle' mit Recht. Schon gleich auf der Schwelle wurden wir alle mit Mißhandlungen empfangen. Ohne zu wissen, wen die SA-Leute vor sich hatten, wurden Boxschläge (...), Schläge mit Karabinern ins Gesicht, auf den Rücken und den Bauch ausgeteilt. Einem unserer Kameraden (Karl Ern) wurde gleich das Nasenbein zerschlagen (...). Ein anderer Mann, dessen Vorname Ignaz lautete, wurde als Jude bezeichnet und (...) sofort auf das Gräßlichste mißhandelt. Bei diesen Mißhandlungen waren Stahlruten und Karabiner die beliebtesten Instrumente. In diesem Falle betätigten sich hervorragend meines Wissens Sturmführer Wolf, die SA-Leute Fäustner, Bläsing, Maikranz und Hoffinger. Ebenfalls schwer mißhandelt wurde an diesem Tage auch mein Kamerad Paul Moldenhauer. M. hat einen starken Sprachfehler und war nicht in der Lage, die ihm gestellten Fragen so zu beantworten, wie die Leute von ihm verlangten. Die Freude an der Quälerei nun veranlaßte die SA Leute ihre Mißhandlungen in der oben geschilderten Form wieder und wieder zu erneuern. (...) Mir selbst wurden bei dieser Antrittsvorstellung eine Reihe von Backenzähnen ausgeschlagen und durch Schläge auf beide Ohren trug ich dann einen Blutererguß in beiden Ohren davon, dessen Folgen heute noch nicht behoben sind. Diese Mißhandlungen waren keine Einzelfälle, sondern wiederholten sich bei Tag und Nacht.

Erinnerlich, weil für den Betreffenden so furchtbar, ist für mich noch folgendes Erlebnis: Bei einer Einlieferung Wuppertaler Häftlinge wurde einer derselben, dessen Name mir im Augenblick entfallen ist, von Truppführer Bläsing gefragt, ob er rauche. Auf die bejahende Antwort nahm Bläsing seine brennende Zigarre und stopfte sie dem Kameraden in das Nasenloch. Der Kamerad mußte dann mit den Händen an der Hosenaht trotz dieser Schmerzen stehen bleiben und die Zigarre, die fortwährend weiterglimmte, fügte ihm starke Verletzungen in der Nase zu. Bis zu meiner Einlieferung ins Gefängnis im Januar 1934 konnte dieser Kamerad, der ja auch nicht in ärztliche Behandlung kam, nicht geheilt werden.

Bei meiner Einlieferung in das Lager waren fürchterliche sanitäre Zustände im Lager. Wir schliefen, obwohl man uns außer Hemd und Hose, Schuhen und Strümpfen nichts ließ, ohne Decken auf dem Zementsteinfußboden in den Fabrikräumen. Für etwa 15.000 Mann, die z.Zt. meiner Einlieferung im Lager inhaftiert waren, gab es nur ein Closett. Für 15.000 Mann nur 4 Wasserzapfstellen, die nur morgens ¾ Stunden und am Nachmittag 1 Std. benutzt werden konnten. Jede Verunreinigung des Fabrikhofes, der auch von den Häftlingen zeitweilig betreten werden durfte, wurde mit fürchterlichen Mißhandlungen einer ganzen Reihe von Häftlingen bestraft. Warmes Wasser haben wir bis Anfang November, wo dann auf Drängen eines Remscheider Polizeiarztes für Abduscheinrichtungen gesorgt wurden, nicht gesehen.

Jede Gelegenheit wurde wahrgenommen, die an sich schon schlechte Verpflegung weiter zu verschlechtern. So erinnere ich mich in wiederholten Fällen, sei es, daß in Barmen Flugblätter verteilt wurden, oder daß irgendwo in Deutschland ein Gedächtnisbaum (Hindenburg-Eiche) umgesägt wurde, daß uns durch Kostentzug unser an sich schon schlechtes Leben weiterhin verschönert wurde. Das Brot, von nationalsozialistischen Bäckern der Umgegend geliefert, hatte stets Mindergewicht und war von einer derart schlechten Qualität, daß bei einer Inspektion durch den Pol.-Arzt aus Remscheid die Anlieferung durch Private gesperrt wurde und die Lagerverwaltung verpflichtet wurde, das Brot weiterhin aus der Zuchthaus-Bäckerei-Lüttringhausen zu beziehen.

Arbeit war für die Häftlinge nicht vorhanden. Ausgehen auf den Fabrikhof war verboten. Das Essen schlecht. So waren Krankheiten unausbleiblich. Ärztliche Betreuung aber wurde durch die Lagerverwaltung abgelehnt. Das Lager [ist] meines Wissens - außer Inspektionen durch den Polizeiarzt - nie von einem Arzt besucht worden. Ich habe mich aber auch nie erinnern können, daß der von Langerfeld wöchentlich verschiedentliche Lagerbesuche abstattende Pfarrer versucht hätte, nach der Richtung für uns einmal Hilfe zu bringen. Etwa Mitte Oktober wurde ich dann von der Staatspolizei-Stelle Berlin im Lager Kemna entdeckt. Ein Kriminalkommissar Freiherr von Plotho [wohl richtig Flotho] war eigens von Berlin geschickt, um meine Vernehmung durchzuführen. In Anwesenheit eines Wuppertaler Kriminalbeamten Petroty, des Kommandanten Obersturmbannführer Hilger, des Adjutanten des damaligen Polizeipräsidenten Veller, Obersturmbannführer Pfeiffer, des stellvertretenden Kommandanten, Obertruppführer Wolf, wurde meine Vernehmung durch die SA-Leute Weber, Hoffinger, Fäustner, Stark, Hinze, Kappel, Jäger, Könitzer, SS Mann Förster und des als Sanitäter im Lager stationierten SA-Mann Bergfeld eingeleitet. Es ist mir nicht möglich, die Art und die einzelnen Maßnahmen der Mißhandlungen zu schildern, und es wird wohl schwer möglich sein, durch Worte [sich] einen Begriff solcher Vernehmungen zu machen. Im Laufe dieser Vernehmung aber, bei der ich wiederholt das Bewußtsein verlor, wurde u.a. auch das sogenannte ‚Kemna-Frühstück' in den verschiedensten Variationen überreicht. Das ‚Kemna-Frühstück' war wechselweise ein mit Staufferfett beschmierter Hering oder ein Hering mit Rübenkraut und Salz beschmiert, oder derselbe Hering durch einen Jauchekübel gezogen. Im Laufe meiner Vernehmung wurde dieses Experiment wiederholt. In der Zwischenzeit, die Vernehmung dauerte sieben Tage, wurde ich teils in einem Warenaufzug, teils unter der Treppe untergebracht. (...) Das Ergebnis [der Vernehmungen] waren starke Verletzungen am ganzen Körper und gesundheitliche Schäden, die ich auch bis heute noch nicht überwunden habe. Die durchgeführte Zeremonie einer Erschießung im Steinbruch, von der ich nicht sagen kann, ob das Schießen mit Platzpatronen oder scharfer Munition durchgeführt wurde, sei nur noch erwähnt, weil sie mit den Worten des Obertruppführers Schmitz abschloß: Mir wäre eine Erschießung zwar lieb, aber für dich haben wir noch etwas viel besseres auf Lager! (...)

Stets in Erinnerung aber wird mir bleiben ein Anschlag des Kommandanten, Obersturmbannführer Hilger, den ich hier im Wortlaut wiedergeben möchte, und der mir nie aus der Erinnerung geschwunden ist. „Es ist mir zu Ohren gekommen, daß in meinem Lager, Schutzhäftlinge mißhandelt werden sollen. Ich mache mit allem Nachdruck darauf aufmerksam, daß ich solche Mißhandlungen keineswegs dulden werde und jeden Fall, der mir bekannt wird, verfolgen und unnachsichtlich ahnden werde."

Text: Armin Schulte

Stand: 16.4.2005

VerlegeortFinkenstraße 5
StadtteilBurg/Höhscheid
Verlegedatum07.02.2006

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