Stolpersteine

Paul Schürmann

geboren: 21. Oktober 1903 in Solingen
gestorben 5. Dezember 1943 im KZ Mittelbau-Dora

Lebensweg

Paul Schürmann kommt am 21. Oktober 1903 in Solingen zur Welt. Er ist gelernter Glaser, arbeitet aber als Fabrikarbeiter. Am 9. April 1927 heiratet er die zwanzigjährige Hedwig Ottilie Sohl, mit der er zwischen 1925 und 1941 vier Söhne hat. Vor 1933 ist er Mitglied der KPD, beteiligt sich nach der „Machtergreifung" wohl aber nicht mehr an der illegalen Parteiarbeit.

Während des Zweiten Weltkrieges ist er als Dreher bei der Firma E. & F. Hörster, Stahl- und Metallwarenfabrik, Fabrik blanker Waffen, an der Katternberger Straße 128 dienstverpflichtet, die zu dieser Zeit Munition und Munitionsteile herstellt. Die Firma gehört nach Kriegsbeginn zu den größten Arbeitgebern von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen und beschäftigt während des Krieges mindestens 278 Zivil-und elf Kriegsgefangene. Sie unterhält auf dem Firmengelände und an der Katternberger Straße 250 eigene Lager und ist am Gemeinschaftslager Volksgarten an der Schützenstraße 204 beteiligt.

Der folgenden Ereignisse lassen sich aus der Wiedergutmachungsakte Schürmanns rekonstruieren: Schürmann ist danach während seiner Arbeit vielfach mit den zwangsverpflichteten Arbeitskräften seiner Firma verbunden und führt eventuell sogar die Aufsicht über die beschäftigten Kriegsgefangenen. Laut späterer Angaben der KPD verbringt er 1941 wegen verbotener Verbindung zu russischen Kriegsgefangenen erstmals zwanzig Tage in „Schutzhaft", doch lassen sich dazu keine weiteren Dokumente ermitteln. Laut den Aussagen seiner Ehefrau und eines Arbeitskollegen nimmt er jedoch starken Anteil am Schicksal der Menschen und versorgt sie mit Lebensmitteln und Rauchwaren. „Bemerken muß ich noch, daß Schürmann zu mir gesagt hat, daß er nicht mit ansehen könne, daß die Russenmädchen so wenig zu essen bekämen, weshalb er diesen schon mal eine Schnitten gegeben hätte."

Wohl am 19. Februar 1942 wird er vom Aufseher über das Russenlager oder vom Betriebsobmann Max Bellone beobachtet, wie er einem russischen Mädchen Zigaretten zusteckt, und sofort ins Büro gerufen. Was dort geschieht, ist nicht ganz klar, nach der Nachkriegsaussage seiner Ehefrau wird Schürmann von Bellone geschlagen, nach der des Arbeitskollegen kommt es zu einer Prügelei zwischen beiden. Bellone jedenfalls informiert Betriebsführer Haug, der wiederum die Gestapo anruft. Schürmann hat zwischenzeitlich jedoch die Arbeitsstätte in Richtung Arbeitsamt verlassen, so dass ihn Kriminalsekretär Kreys weder auf der Arbeit noch zu Hause antrifft. Erst am nächsten Tag wird er verhaftet und angeblich in Solingen von den Gestapobeamten Kreys und Schneller misshandelt. Die Firma selbst bezichtigt Schürmann im übrigen, verbotene intime Beziehungen zu einer der Arbeiterinnen unterhalten zu haben. Und wenig glaubhaft: Man habe aufgrund der Beschwerden aus der Belegschaft sowie der der Ehefrau und der Mutter Schürmanns gehandelt.

Schürmann wird nach seiner Verhaftung vom 20. Februar 1943 zunächst auf das Polizeipräsidium nach Wuppertal verbracht, am 28. Februar wird „Schutzhaft" gegen ihn verfügt. Am 10. April liefert man ihn von Wuppertal aus in die Strafanstalt Lüttringhausen ein und überstellt ihn von dort am 12. Mai in das KZ Buchenwald. Nach den Angaben des Internationalen Roten Kreuzes in Bad Arolsen von 1952 wird Schürmann in Buchenwald ab dem 21. Mai 1943 als politischer Schutzhäftling geführt. Am 30. Juli 1943 verlegt die SS ihn nach Karlshagen in Pommern, einem Außenlager des KZ Ravensbrück, wo die Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen für die Heeresversuchsanstalt Peenemünde arbeiten müssen. Am 13. Oktober wird Schürmann schließlich in das KZ Mittelbau-Dora verbracht, wo er die Häftlingsnummer 22704 erhält. In dem seit August 1943 im Harz eingerichteten Außenlager des KZ Buchenwald arbeiten die Häftlinge in eigens errichteten Stollen an der Produktion der „Vergeltungswaffen" „V1" und „V2". Ein Drittel der 60.000 Häftlinge kann die Hölle auf Erden nicht überleben. Auch Paul Schürmann kommt schon nach kurzer Zeit in Mittelbau ums Leben. Er stirbt am 5. Dezember 1943, angeblich an einer „Sepsis bei Phlegmone [Blutvergiftung bei Infektion] linker Ober- und Unterschenkel". Seine Frau schreibt später: „Eine ganze Zeit habe ich von meinem Mann nichts gehört, plötzlich am 19. Dezemb. 1943 bekam ich den Bescheid das mein Mann verstorben ist, an einer Krankheit oder Mißhandlung ist mir nicht mitgeteilt worden." Weiter schildert sie: „Sie können sich nicht vorstellen, wie es mir zumute war, wenn ich daran dachte, was mein Mann zu erdulden hatte, abgesehen davon, daß ich mit meinen vier Kindern mittellos dastand."

Bis 1956 wird eine Entschädigung im Falle Schürmann abgelehnt, da er nicht aus politischen Motiven gehandelt habe. Zudem heißt es im Bescheid des Regierungspräsidiums: „Was das Verhalten gegenüber Fremdarbeitern aus feindlichen Ländern anbelangt, so sind während des Krieges die einengenden Bestimmungen für jedermann bindend gewesen. Noch nach dem Kriege haben selbst die Besatzungsmächte die Bestimmungen über die Fraternisierung erst allmählich gelockert. In jedem kriegführenden Land werden Verbote wegen des Verhaltens der Einwohner mit feindlichen Ausländern erlassen." Der Ausgang der daraufhin angestrengten Klagen Frau Schürmanns ist nicht bekannt.

Text: Armin Schulte

Stand: 11.7.2016

Literaturhinweis
  • Schulte, Armin, „Es war so schwierig damals zu leben." Ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene in Solingen 1939-1945, Solingen 2001.

 

VerlegeortGoerdelerstraße 23 / Bachtorcenter
StadtteilMitte
Verlegedatum14.01.2012

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