Stolpersteine

Alfred Sobotki

geboren: 11. März 1878 in Schildberg / Posen
gestorben: 10. Oktober 1942 im Ghetto Lodz

Johanna Sobotki

geborene Alexander
geboren: 23. Juli 1882 in Wuppertal-Elberfeld
gestorben: 10. September 1942 im Vernichtungslager Chelmno

Lebensweg

Der aus Posen stammende Kaufmann Alfred Sobotki ist mit der in Elberfeld geborenen Johanna Alexander verheiratet. Das jüdische Ehepaar lebt zunächst vermutlich in der Heimatstadt Johannas. Am 12. April 1904 wird in Elberfeld die älteste Tochter Ruth geboren, am 30. April 1905 kommt dort auch Tochter Alice zur Welt. Von Köln aus zieht die Familie im Mai 1909 nach Solingen (Turmstraße 1), wo Alfred Sobotki laut den Bürgerrollen wahrscheinlich bei der Kohlen-, Kartoffel- und Fouragehandlung Wilh. Thiel Söhne tätig ist. Am 16. November 1911 wird in Solingen die jüngste Tochter Lisa geboren. In den nächsten Jahren zieht die Familie innerhalb Solingens häufig um, was zu dieser Zeit allerdings keine Ungewöhnlichkeit darstellt.

Im Ersten Weltkrieg dient Alfred Sobotki von 1914 bis 1918 als Soldat im Landwehr-Infanterie-Regiment 17 (Ersatzbataillon) und als Unteroffizier im Landwehr-Infanterie-Regiment 60. 1922 zieht die Familie in ein Haus des Solinger Spar- und Bauvereins in der Cäcilienstraße 8, im Januar 1926 dann in das Gewerkschaftshaus in der Kölner Straße 45, wo Alfred Sobotki die Pacht der gewerkschaftseigenen Gaststätte übernimmt. Sein Beruf wird in den Bürgerrollen nun als Geschäftsführer angegeben.

Am 8. August 1928 heiratet seine Tochter Ruth, die nach der Lehre als Verkäuferin im Geschäft A.E. Müller tätig ist, den nichtjüdischen Verbandssekretär Fritz Kornacker (geboren: 18. Juni 1901 Hannover). Laut Heiratsurkunde wohnt Kornacker, der Ende 1926 zweieinhalb Monate im Gewerkschaftshaus gemeldet ist, zu diesem Zeitpunkt in Düsseldorf. Nach der Hochzeit verzieht das Paar nach Düsseldorf-Oberkassel.

Tochter Alice, die sich 1926 nach Bonn abgemeldet und dort am 8. April 1927 ihre Tochter Jutta zur Welt gebracht hat, heiratet nach ihrer Rückkehr nach Solingen am 20. Februar 1929 den aus Bayern stammenden Mechaniker Ernst Bettenhausen (geboren: 2. September 1905 Schwalbach), wie Schwiegersohn Fritz ebenfalls kein Jude. Alice und Ernst, der zuvor bei Kronprinz gearbeitet hat, helfen nun im täglichen Betrieb der Wirtschaft aus. In der Einwohnermeldekartei wird Ernst jetzt als Büffettier geführt. Als letzte der Töchter heiratet am 7. Mai 1932 Lisa Sobotki. Ihr Mann, der Schwertpolier Hugo Weck (geboren: 13. Februar 1907 Solingen), unterhält zusammen mit seinem Vater in Solingen einen kleinen Schleifereibetrieb.

Als im August 1931 der Pachtvertrag der Gaststätte des Gewerkschaftshauses gekündigt und die Wirtschaft vom Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) in Eigenregie weitergeführt wird, werden Alfred Sobotki, Tochter Alice und Schwiegersohn Ernst arbeitslos. Das Ehepaar Sobotki zieht im Oktober 1931 zunächst zum Karl-Schurz-Weg 12, Alice und Ernst Bettenhausen nehmen sich in der Rathenaustraße 38 (1935 umbenannt in Bozener Straße) eine Wohnung. Ernst findet nach kurzer Zeit der Arbeitslosigkeit eine Stelle als Schweißer bei Kieserling & Albrecht, während Alice unter anderem bei den jüdischen Familien Tabak und Wolkenfeld putzt. Alfred Sobotki bleibt dagegen arbeitslos. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird seine Chance auf Übernahme in ein festes Beschäftigungsverhältnis aussichtslos. Er verrichtet wohl kleinere Buchhaltungsarbeiten bei jüdischen Firmen, 1937 und 1938 muss er als Erwerbslosenarbeiter bei der Bauverwaltung und einer Baufirma arbeiten.

1938 muss der jüdische Teil der Familie auf behördliche Anordnung Zwangsvornamen wählen. Alfred und Johanna Sobotki nennen sich Abner und Chane, Alice Bettenhausen nimmt den zusätzlichen Vornamen Bela an. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 hat für die Sobotkis schreckliche Folgen. Nach den späteren Mitteilungen der Tochter Jutta kommt ihr Vater Ernst Bettenhausen in dieser Nacht spät nach Hause und erzählt, was er gehört und gesehen hat. Dann beeilt er sich, zu den Schwiegereltern zu kommen, um zu sehen, ob ihnen etwas passiert ist. Verschwitzt holte er sich eine Lungenentzündung, an deren Folgen er am 29. Januar 1939 stirbt.

Als erstem Teil der Familie gelingt im Dezember 1938 Lisa Sobotki und ihrem Mann Hugo Weck die Flucht ins Ausland. Zusammen mit Sohn Udo Jochen (geboren: 21. März 1934 Solingen) emigrieren sie nach Brüssel. 1939 in Brüssel anlässlich der Ausstellung eines deutschen Reisepasses über den Grund der Emigration befragt, gibt Hugo laut Gestapoakte an: „Um Frau, weil sie Jüdin ist, ins Ausland zu bringen." Lisa benennt explizit die Pogrome gegen Juden als Ursache für ihre Flucht. Im Januar 1939 kommt auch ihre Schwester Ruth nach Brüssel. Sie hat sich von ihrem Mann Fritz in Hannover getrennt (die Ehe wird 1941 geschieden) und sich zuvor noch kurz in Solingen bei Alice und ihrem todkranken Mann aufgehalten.

Unterdessen sind die Eltern Sobotki nach der Pogromnacht im Dezember 1938 von der Weyersberger Straße 14 in die Johannisstraße 12 gezogen. Nach dem Tode von Schwiegersohn Ernst unternehmen sie zusammen mit ihrer Tochter Alice und Enkeltochter Jutta einen Fluchtversuch nach Belgien, der jedoch misslingt. Die zwölfjährige Jutta, deren Abschiebung in ein Waisenhaus droht, wird in höchster Not am 4. April 1939 per Kinderausweis alleine zu den Tanten in Brüssel geschickt. Nach eigener Aussage lebt sie, nachdem sie sich hat taufen lassen, von Mai 1940 bis Ende 1942 illegal unter dem Namen Julienne van Royen in dem Pensionat des belgischen Klosters Les Soeurs du Saint-Coeur. Dann zwingt sie jedoch eine Diphterieepidemie, zu ihren Verwandten zurückzukehren.

Die Spirale der Entrechtung und der Gewalt ist nach der Jahreswende 1938 /1939 für die in Deutschland zurückgebliebenen Familienteile nicht mehr aufzuhalten. Juttas Mutter Alice Bettenhausen zieht nach dem Abschied von der Tochter noch im April 1939 nach Köln, wo sie im jüdischen Asyl für Kranke und Altersschwache arbeitet. Im gleichen Monat werden die Eltern Sobotki in eines der „Judenhäuser" Solingens, die Florastraße 65, verlegt. Am 26. Oktober 1941 werden sie schließlich zusammen mit ihrer Tochter Alice im Zuge der ersten größeren Deportation Solinger Juden nach Lodz transportiert. Der Hausrat der Sobotkis wird beschlagnahmt und später versteigert. Zum weiteren Schicksal ihrer Mutter und Großeltern schreibt Jutta Bettenhausen 1945 im „Fragebogen für die ehemalig politisch, religiös und rassisch Inhaftierten, Verfolgten und deren Hinterbliebenen": „Meine Mutter und meine Grosseltern (...) wurden im Jahre 1941 hier in Solingen durch die Gestapo verhaftet und auf Viehwagen nach Litzmannstadt transportiert. Von meiner Mutter habe ich aus Litzmannstadt nur eine Karte bekommen und zwar Mai 1944, womit Sie mir mitteilte, das [so] der Todestag meines Grossvaters der 10. Oktober 1942 war. (...) und seit diesem Zeitpunkt habe ich von meiner Mutter kein weiteres Lebenszeichen mehr erhalten. Meine Mutter gab auf dieser Karte folgende Adresse bekannt: Wwe. Bettenhausen, Litzmannstadt, Bazarstrasse Nr.8 bis 41. An diese Adresse habe ich meiner Mutter einen Brief geschrieben, derselbe kam aber als unzustellbar zurück, mit dem Vermerk Empfänger und Adresse unbekannt."

Wo die drei sterben, bleibt - ebenso wie das genaue Todesdatum - bis nach der Jahrtausendwende unbekannt. Auf der Einwohnermeldekarte Juttas ist vermerkt „nach Litzmannstadt evakuiert", auf der Johanna Sobotkis: „n(ach) Lodz (Litzmannstadt) ausgewandert"

Erst ab 2001 gelingt es Schülern des Gymnasiums Schwertstraße zusammen mit ihrem Lehrer, Horst Sassin, das Schicksal der nach Lodz deportierten Solinger aufzuklären. Demnach werden die Sobotkis im Ghetto zunächst in der Massenunterkunft Fischstraße 21 einquartiert. Von der ersten Verschleppung von 10.000 Juden in das Vernichtungslager Chelmno bleiben sie im Mai 1942 noch verschont. Am 18. Mai 1942 ziehen sie innerhalb des Ghettos in die Holzgasse 39 um. Am 10. September 1942 wird Johanna Sobotki dann zusammen mit Emmi Leven in das Vernichtungslager Chelmno deportiert und vergast. Ungewöhnlicherweise wird ihr Ehemann Alfred zunächst nicht verschleppt und bleibt im Ghetto zurück. Laut der Meldekarte in der Einwohnerregistratur des Ghettos stirbt er einen Monat später am 10. Oktober 1942. Todesursache ist „Unterernährung". Alice Bettenhausen, die zunächst in den landwirtschaftlichen Betrieben des Ghettos Zwangsarbeit leistet, zieht nach dem Tod bzw. der Deportation der Eltern in die Basargasse 8 und kann bis 1944 im Ghetto überleben. Ihre oben erwähnte letzte Postkarte - 2001 von Schülern der Schwertstraße in einem Werkstattbericht der Öffentlichkeit vorgestellt - erreicht ihre Tochter Jutta Bettenhausen auf Umwegen über die Mutter ihres Schwagers, Frau Weck. Verschlüsselt berichtet Alice dort vom Tod ihres Vaters und von der Deportation der Mutter. Alice schließt mit den Worten: „Sei bitte so gut und verständige alle meine Lieben, sie sollen meiner gedenken." Am 26. Juni 1944 wird Alice Bettenhausen in das für kurze Zeit wieder eröffnete Vernichtungslager Chelmno deportiert und dort umgebracht.

Auch in Brüssel ist das Schicksal der Familie nicht barmherzig. Zeitweise ist Ruth Sobotki in diesen Jahren, die einzige, die noch etwas Geld für die Familie verdient. Hugo Weck wird laut Gestapoakte nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940 vorübergehend interniert und dann von den deutschen Behörden von August bis November 1940 unter dem Verdacht hochverräterischer Betätigung in Untersuchungshaft genommen. 1942 ist er vorübergehend beim deutschen Militärverwaltungschef beschäftigt, wird aber im August 1942 wegen seiner noch bestehenden „Mischehe" entlassen. Er betreibt zwar seit Juni 1942 die Scheidung von seiner Frau Lisa, lebt aber nach Erkenntnissen der Gestapo weiterhin mit Frau und Sohn in einer Wohnung zusammen, wodurch er für den Beauftragten des Befehlshaber der Sipo und des SD für Belgien nicht mehr als „würdiger Vertreter des Deutschtums im Auslande" gelten kann. Ihm wird zur Auflage gemacht, Belgien zu verlassen. Unterdessen wird er jedoch von den deutschen Behörden wegen angeblichen Betruges erneut festgenommen und am 2. Juni 1943 vom „Kriegsgericht des OFK 672" „wegen Betruges, Unterschlagung und fortgesetzter schwerer passiver Bestechung, wegen Devisenvergehens und Beihilfe zu einem solchen" zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt und zur Strafverbüßung in das Strafgefängnis Rothenburg überführt.

Während es seiner Frau Lisa und seinem Sohn trotz aller Widrigkeiten gelingt, den Krieg in Belgien zu überleben, wird Ruth Sobotki nach Aussage Jutta Bettenhausens bereits im Januar 1943 verhaftet. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wird sie nach Auschwitz verschleppt und dort umgebracht wird. Jutta selbst wird nach ihrer krankheitsbedingten Rückkehr vom Kloster zu den Verwandten entdeckt und ebenfalls im Januar 1943 festgenommen. Die Gestapo hält sie vom 6. Januar bis zum 6. Februar 1943 zunächst in Brüssel und dann vom 7. Februar bis zum 6. April 1943 in Aachen in Polizeigefängnis und Strafanstalt inhaftiert. Nach ihrer Entlassung gewährt ihr der katholische Fürsorgeverein einen Freiplatz in dem katholischen Mädchenheim „Liebfrauenhort" in Aachen, Wilhelmstraße 22. Gegen Kriegsende wird sie nach Stadthagen evakuiert. Im Juni 1945 holen sie Verwandte zurück nach Solingen. Hier ist sie von Mitte August 1945 bis 1949 als Hausangestellte tätig und nimmt dann in Köln an einer Schulung als Schneiderin teil, die in erster Linie für Auswanderer gedacht ist. Sie bleibt jedoch dauerhaft in Köln wohnen.

Auch ihre Tante Lisa kehrt vorübergehend nach Solingen zurück. 1947 wird ihre Ehe mit Hugo Weck geschieden, sie geht später in Köln eine zweite Ehe ein. Im Januar 1988 stirbt sie in der Domstadt.

Text: Armin Schulte

Stand: 30.3.2009

Literaturhinweis
  • Sassin, Horst: Gerd Friedberger, Johanna Sobotki, Emmi Leven - Schicksale in Solingen und Litzmannstadt (Lodz), in: Die Heimat, Heft 21, 2005, S. 52-67.
  • Sassin, Horst: Deportiert in das Ghetto Litzmannstadt 1941. Die Schicksale der Solinger Juden geklärt, in: Die Heimat, Heft 25, 2009/2010, S. 74ff.
Quellen
  • Landesarchiv NRW - Abteilung Rheinland - RW 58 Nr. 10760 und 10763.
VerlegeortWeyersberger Straße 14
StadtteilMitte
Verlegedatum04.12.2008

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