Stolpersteine

Jenny Stucke

geborene Gusyk
geboren: 29. Mai 1897 in Vilkaviskis (Litauen)
gestorben: 2. Januar 1944 im KZ Auschwitz

Lebensweg

Jenny Gusyk wird am 29. Mai 1897 als erstes Kind der jüdischen Eheleute Leon und Diana Gusyk geb. Kawan im zaristischen Gouvernement Suwalki, und zwar in Wilkowischky, einer Kleinstadt im russisch besetzten Kongresspolen, geboren. Sie besucht dort kurz ein Gymnasium, verlässt aber schon 1911 als 13-Jährige ihre Geburtsstadt, das heutige Vilkaviskis in Litauen, gemeinsam mit ihren Eltern und ihren Geschwistern, der zwei Jahre jüngeren Schwester Rebekka und den 1902 geborenen Zwillingen Max und Paul.

Die Familie flüchtet vor den Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, die dem Bombenattentat auf Zar Alexander II. folgen, nach Westen, ins rheinische Städtchen Gräfrath, wo Leon Gusyk eine alteingesessene Stahlwarenfabrik erwirbt und mit Bestecken handelt. Jenny und ihre Schwester Rebekka besuchen erfolgreich, mit dem Abschluss der Mittleren Reife, das Lyzeum an der Friedrichstraße, die spätere August-Dicke-Schule. Im Vorkriegsjahr 1913 erwirbt Leon Gusyk, dessen Pass als Geburtsort Konstantinopel nennt, für sich und seine Familie vorsorglich die türkische Staatsangehörigkeit, um in Preußen von Repressalien gegen ehemalige Bewohner des russischen Zarenreichs verschont zu bleiben.

Nach ihrem Schulabschluss macht Jenny im „Fabrikgeschäft" ihres Vaters zunächst ein Praktikum und absolviert darauf eine kaufmännische Ausbildung im Barmer Bank-Verein in Solingen. Im Sommer 1917 beginnt sie ihr erstes Studium an der „Handels-Hochschule Cöln" und zieht in die Domstadt um. Im Oktober 1918 wird zunächst ihre Mutter, einen Tag darauf auch ihr 16-jähriger Bruder Paul Opfer der weltweit grassierenden Grippe-Epidemie; die beiden werden auf dem „israelitischen Friedhof" am Estherweg beerdigt.

Am 11. April 1919 immatrikuliert sich Jenny als erster Frau, erste Ausländerin, erste Solingerin an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der neugegründeten Universität zu Köln, als deren kommunalpolitischer Gründervater der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer gilt. Aber ein relativ sorgloses Studentinnenleben ist ihr nicht vergönnt. Leon Gusyk verlässt nämlich endgültig Solingen in Richtung Hamburg, später nach Berlin, und bürdet seiner ältesten Tochter neue Pflichten auf. Jenny übernimmt für ihn die „Abwicklung" der Gräfrather Besteckfabrik und wird außerdem für Rebekka und Max, die ebenfalls zu ihr nach Köln ziehen, quasi stellvertretendes „Familien-Oberhaupt".

Nach sieben Semestern, in denen sie Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsgeschichte und Recht studiert, besteht Jenny, die sich in schwärmerischer Verehrung für die feministischen Ideen der russischen Schriftstellerin Alexandra Kollontai in ihrer Hochschulzeit „Genia" nennt, 1921 ihr Diplom „mit Auszeichnung", die einzige Frau unter den 51 Absolventen im Wintersemester 1920/21.

Ihre Diplomarbeit verfasst sie über den französischen Sozialisten und Pazifisten Jean Jaurès und legt damit auch ein persönliches „linkes" Bekenntnis ab. Da ihre bereits fertiggestellte Dissertation in Köln von ihrem konservativen Doktorvater Professor Christian Eckert nicht akzeptiert wird, weil sie „zu sehr kommunistisch durchdrungen" sei, endet damit Jennys akademische Laufbahn.

Sie folgt schließlich dem Vater nach Berlin, wohnt in Charlottenburg, wo sie den sieben Jahre älteren Karl Stucke, den Sohn eines Bremer Schneidermeisters, heiratet. Am 27. November 1927 wird Jenny Mutter ihres einzigen Kindes, des Sohns (Hans) Thomas.

In Berlin arbeitet Karl Stucke wie auch sein fünf Jahre jüngerer Bruder Fritz regelmäßig für linksradikale Blätter, vor allem für die kommunistische Parteizeitung „Die Rote Fahne". 1933 wird Karl Stucke in Schutzhaft genommen und in ein Konzentrationslager gebracht, 1939 erfolgt wiederum eine Verhaftung und die endgültige Einweisung ins KZ Sachsenhausen, wo ihn seine engagierte und mutige Ehefrau, so erzählen Familienangehörige, ihren Mann tatsächlich ein einziges Mal hat besuchen können. Karl Stucke stirbt dort am 14. Januar 1940. Seine Beerdigung nahe der „Gedenkstätte der Sozialisten" auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde, auf dem u.a. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg bestattet sind, wird zu einer Demonstration zahlreicher Nazi-Gegner.

Mit dem Tod ihres Mannes verliert Jenny, die mit einem „Arier evangelischer Konfession" verheiratet war, alle „Privilegien" einer sogenannten Mischehe. Sie muss jetzt untertauchen und wird als Jüdin verfolgt. Während ihre Schwester Rebekka ein Visum erhalten hat, das ihr via Frankreich und Portugal von Lissabon aus 1942 die Ausreise und Flucht in die USA ermöglichen wird, bleibt Jenny, wahrscheinlich aus Sorge um den alten Vater, weiterhin in Berlin, obwohl auch sie seit dem Frühjahr 1940 für sich und ihren Sohn ein solches Ausreisevisum besitzt. Als Leon Gusyk dann im Januar 1943 im Altersheim der jüdischen Gemeinde in Berlin stirbt, ist Jenny per NS-Gesetz jedoch jede Möglichkeit verbaut, Deutschland noch verlassen zu können.

Sie wird im Juni 1943 nach einer Denunziation verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht; ein letztes Mal sieht Thomas Stucke dort seine Mutter. Anschließend wird sie in ein Gefängnis in Mecklenburg verlegt, dann zurück nach Berlin, ins Gefängnis Lehrter Straße in Moabit. Von dort wird Jenny, wie vorher ihr Bruder Max und ihre Schwägerin Lydia Gusyk, nach Auschwitz deportiert, wo sie 46-jährig am Sonntag, dem 2. Januar 1944, stirbt. Jennys Sohn Thomas Stucke überlebt das Kriegsende in Berlin dank der Unterstützung von politischen Genossen seines Vaters und verlässt 19-jährig im Oktober 1946 Deutschland. Er wird in New York von seiner dort lebenden Tante Rebekka aufgenommen und betreut.

2009 schreibt die Universität zu Köln einen Gleichstellungspreis aus, der mit der Zustimmung ihres im US-Bundesstaat New York lebenden Sohnes den Namen „Jenny-Gusyk-Preis" erhält. Diese Auszeichnung wird 2010 erstmalig zu gleichen Teilen an die mathematische und juristische Fakultät in Köln verliehen.

Text: Wilhelm Rosenbaum

Stand: 15.11.2010

Literaturhinweis
  • Rosenbaum, Wilhelm: „Jenny Gusyk. Jüdin, Türkin, Solingerin. Die Biografie der ersten Studentin an der Universität zu Köln". Solingen 2003.

 

VerlegeortWuppertaler Straße 36
StadtteilGräfrath
Verlegedatum06.12.2010

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