Stolpersteine

Dr. Max Waltuch

geboren: 6. März 1900 in Gelsenkirchen
gestorben: 9. Februar 1989 in New York

Lebensweg

Max Waltuch

Max Waltuch erfährt als junger Arzt rassische Diskriminierung und Vertreibung. Sein Schicksal ist jedoch auch Beispiel für eine in zumindest materieller Hinsicht umfassende „Wiedergutmachung" nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Geschichte erschließt sich aus der im Stadtarchiv Solingen erhaltenen Personalakte und seiner Wiedergutmachungsakte. Wichtige persönliche Informationen steuerte zudem der mit der Familie befreundete Stephan Schäfer-Mehdi bei:

Max kommt am 6. März 1900 in Gelsenkirchen als Sohn des jüdischen Kaufmanns Isidor Waltuch und seiner Frau Hedwig zur Welt, wo er mit seinen Brüdern Karl und Ernst aufwächst. Nach dem von ihm selbst 1952 im Zuge der Antragstellung auf Wiedergutmachung skizzierten beruflichen Werdegang besucht er in Gelsenkirchen die Volkschule und später das Gymnasium. Anschließend studiert er von 1918 bis 1920 in Bonn Medizin und legt im Sommersemester 1920 dort seine medizinische Vorprüfung ab. Im Wintersemester 1920/1921 besucht er die Akademie für praktische Medizin in Düsseldorf (ein Vorläufer der Düsseldorfer Universität) und von April 1921 bis Februar 1923 die Universität Würzburg. Die Ärztliche Prüfung schließt er im Mai 1923 mit der Note „gut" ab. Nach dem praktischen Jahr erhält er im Mai 1924 die ärztliche Approbation und eröffnet 1926 in Düsseldorf eine Privatpraxis.

1930 gibt er die Privatpraxis auf, um in den öffentlichen Gesundheitsdienst einzutreten, und nimmt von April bis Juli an der Westdeutschen Sozialhygienischen Akademie in Düsseldorf an einem Vorbereitungskurs für Kommunal-, Schul-, Fürsorge- und Kreisärzte teil. Er bewirbt sich in Solingen und erhält im August 1930 die Nachricht, dass ihm die freigewordene Stadtassistenzarztstelle auf Vorschlag des leitenden Stadtarztes Prof. Dr. Paul Selter übertragen werden soll. Am 1. Oktober tritt er seinen Dienst in Solingen an. Sein Zeugnis vom Mai 1933 umreißt seine Aufgaben im städtischen Gesundheitsdienst: „Herr Stadtassistenzarzt Dr. Waltuch hat vom 1.10.1930 bis 15.6.1933 in den Solinger städtischen ärztlichen Beratungsstellen stadt- und fürsorgeärztlichen Dienst getan; vom 1.10.1930 bis 1.4.1932 als Assistenzarzt des leitenden Stadtarztes, von da ab als selbständiger Bezirksfürsorgearzt eines Stadtbezirks. Seine Tätigkeit umfasste fürsorgeärztliche Arbeit in den Mütterberatungsstunden, der Säuglings- und Kleinkinder-Fürsorge, Impfungen, schulärztliche Betreuung der Schulen seines Bezirks und Mitarbeit in der Tuberkulosenfürsorge. Ausserdem war er als Gutachter für männliche Erwachsene tätig für das Wohlfahrtsamt und die Landesversicherungsanstalt und hatte die ärztliche Versorgung der Insassen eines Männerheimes. Er hat bei seiner Tätigkeit reges sozial-hygienisches Interesse bewiesen." Zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Bezirksfürsorgearzt engagiert er sich nach Schäfer-Mehdi für den Arbeiter Samariterbund. Er wohnt in der 1. Felderstraße 16.

1933 ist nach der „Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Gesundheitsamt der Stadt Solingen kein Platz mehr für den Juden Waltuch. Die sozialhygienische Orientierung ist einer rassehygienischen gewichen. Nachdem sein Vorgesetzter Prof. Dr. Paul Selter bereits 1932 in den Ruhestand getreten war, werden nun sein Sohn, Dr. Ernst Moritz Selter, und Max Waltuch aus städtischen Diensten entlassen. Selter aus politischen Gründen, Waltuch allein aus rassischen, wie es sich in seinem Falle jedoch erst nach dem Krieg anhand einer Entlassungsliste der Stadtverwaltung nachweisen lassen wird. Am 30. März 1933 erhält Waltuch von Stadtkämmerer Seynsche das Kündigungsschreiben zum 30. Juni. Eine Begründung wird nicht gegeben. Wie Waltuch in einer eidesstattliche Erklärung von 1957 schreibt, verlässt er Solingen eilig Richtung Frankreich: „Ich wurde am 30. März 1933 aus meinem Dienstverhältnis als Stadtarzt in Solingen entlassen. Es wurde mir damals geraten, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen, da ich in amtlicher Eigenschaft Entscheidungen hatte treffen müssen, für die sich die Nazis persönlich an mir rächen konnten. Ich ging dann nach Paris, wo ich über ein Jahr von der Flüchtlingsunterstützung lebte, da ich ja dort nicht arbeiten durfte. Im Sommer machte ich meinen Weg nach Holland, von wo ich im Juli 1934 auf einem amerikanischen Frachtdampfer nach New York mitgenommen wurde. Ich kam in USA ohne einen Pfennig an. Mein inzwischen verstorbener Bruder [Karl/"Charles A."], ein kleiner Angestellter, nahm mich bei sich auf und machte es möglich, dass ich meine ärztliche Zulassung erhielt. Mein Lebensunterhalt bis 1939 bestand hauptsächlich aus ärztlicher Gelegenheitsarbeit, d.h. Vertretungen und Assistenz bei hier ansässigen Kollegen. Ich verdiente nie genug, mein Bruder musste immer wieder aus seinem bescheidenen Einkommen aushelfen. Erst 1939 war es mir möglich, eine selbständige Praxis zu eröffnen, wofür ich mir wieder Geld leihen musste. Auch dann erreichte mein Einkommen nie das steuerpflichtige Minimum, es reichte oft nicht für die Miete, nie für Ersparnisse oder Lebensversicherung. Von 1942 bis 1946 war ich im Heeresdienst, wodurch ich die geringe Praxis verlor, die ich bis dahin hatte. Die Besoldung ging fast ausschließlich zur Unterstützung meiner damaligen Frau, die ich 1938 geheiratet hatte. Mir blieb gerade genug für meine Mahlzeiten, die der amerikanische Offizier bekanntlich sogar an der Front bezahlen musste."

Schäfer Mehdi weiß diese Darstellung zu ergänzen: Danach verabschiedet sich Waltuch vor der Emigration noch von seinen Freunden in Solingen, unter anderem von Friedrich Schäfer, einem Sozialdemokraten und Beamten beim Arbeitsamt, der zeitgleich von den Nationalsozialisten entlassen wurde. Am 14. Juli 1933 lernt er in Sèvres Margot Reingenheim kennen, die dort das Montessori-Kinderheim La Maison des Enfants leitet. Mehrfach besucht er von Paris aus seinen Bruder Ernst und seine Familie, die von Düsseldorf in die Niederlande geflohen sind. Er emigriert in die USA und gründet dort 1938 eine Familie. Seine Armeezeit führt ihn als Arzt im Range eines Hauptmanns nach Nordafrika und Italien, zudem dient er auf verschiedenen Sanitätsschiffen zwischen Europa und Nordafrika.

1941 ist inzwischen auch Margot Reingenheim nach New York emigriert. Erneut begegnet sie Max Waltuch, der die Aachener Kaufmannstochter, wie er jüdischen Glaubens, im November 1946 in Newark, New Jersey heiratet. Am 17. September 1949 wird in New York, wo er seine Arztpraxis betreibt, Sohn Michael Richard geboren.

In den 1950er Jahren betreibt Max Waltuch von den USA aus sehr erfolgreich seine Wiedergutmachung, wobei er sich von einem äußerst prominenten Frankfurter Anwalt vertreten lässt. Robert M.W. Kempner war 1945/1946 der Stellvertreter des amerikanischen Chefanklägers bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg, Robert H. Jackson. 1953 beschließt der Rat der Stadt Solingen die nachträgliche Berufung Waltuchs ins Beamtenverhältnis und seine Ernennung zum Medizinalrat. Mit Wirkung vom 1. April 1951 bezieht er in dieser Eigenschaft ein entsprechendes Ruhegehalt. Tiefbewegt bedankt sich Waltuch brieflich bei Oberstadtdirektor Berting und dem Rat. Auch für die Jahre der Vertreibung wird er finanziell entschädigt. 1956 wird ihm zudem seine Bibliothek ersetzt, die sein Bruder, Dr. Ernst Waltuch, von Düsseldorf nach Holland hat verschiffen lassen, die dort aber nie angekommen ist. Als seine Anwälte 1961 jedoch die rückwirkende Ernennung zum Medizinaldirektor ab 1946 verlangen, verweigert ihm die Stadt Solingen dies. Eine solche Stelle sei erst für Städte von über 200.000 Einwohnern vorgeschrieben und gebe es daher in Solingen nicht. Waltuch zieht daraufhin den Antrag zurück.

Max Waltuch stirbt am 9. Februar 1989 in New York, seine Frau Margot kurz vor ihrem 95. Geburtstag am 29. Juni 2003, ebenfalls in New York. Als im April 2014 für Max Waltuch in Solingen ein Stolperstein verlegt wird, nimmt daran die Tochter Ernst Waltuchs, Anneke Barbara Waltuch, zusammen mit ihrem Mann teil. Zur Verlegung des Steins für ihren Onkel sind sie eigens aus den Niederlanden nach Solingen gekommen.

Text: Armin Schulte

Stand: 11.7.2016

VerlegeortFelder Straße 16
StadtteilMitte
Verlegedatum04.04.2014

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