Stolpersteine

Dr. Fritz Wieter

geboren: 29. April 1907 in Wiedenbrück
seit Mai 1943 in Italien vermisst

Lebensweg

Dr. Fritz Wieter gehört als Pastor der Bekennenden Kirche an. Den Nationalsozialisten gilt er laut Gestapo als „fanatischer und aktiver Verfechter dieser Richtung", gegen den der Oberstaatsanwalt in Köln seit 1935 verschiedene, aber ergebnislose Strafverfahren anstrengt. Im April 1935 wird der Geistliche nach Odenspiel in der Gemeinde Eckenhagen versetzt, wo es schon bald zum Zusammenstoß mit den örtlichen Parteigenossen, insbesondere mit dem Ortsgruppenleiter kommt, der nach Aussage Frau Wieters keine Möglichkeit auslässt, ihren Mann zu schikanieren und zu verleumden. Wieter selbst bleibt jedoch seiner kritischen Haltung zum NS-Staat treu. Laut einer späteren Auflistung des Schwurgerichts Bonn wirft er in seinen Predigten dem „Führer" Gottlosigkeit vor und bezeichnet Goebbels ironisch als „neuen Messias". Er verbietet dem Kirchenchor den „Deutschen Gruß" oder flaggt zur Abstimmung über die Zukunft des Saargebietes Halbmast.

Da er sich zudem weigert, die Kollekten im Sinne der Nationalsozialisten einzusetzen, wird er am 26. Oktober 1937 in Bonn in Untersuchungshaft genommen. Weil ihm „Verfehlungen" nicht nachgewiesen werden können, wird er am 5. November wieder aus der Haft entlassen. Bei seiner Rückkehr bereiten ihm Gemeindemitglieder einen triumphalen Empfang, der bei den örtlichen Parteigenossen den Unmut über den unbotmäßigen Geistlichen noch weiter steigert. Nur 24 Stunden nach seiner Rückkehr wird das Pfarrhaus in der Nacht zum 6./7. November 1937 unter Führung des Gummersbacher Kreisorganisationsleiters, des Ortsgruppenleiters und des Bürgermeisters aus Eckenhagen von ca. 80 Personen, darunter SA- und SS-Männern in Zivil, umstellt. Die Aktion findet dabei trotz ausdrücklicher Warnung der Kölner Gestapo statt, die telefonisch und persönlich jedes Einschreiten gegen Wieter mit der Bemerkung, „wir leben doch heute in einem Rechtsstaat und dürfen uns dergleichen Sachen nicht mehr erlauben" verboten hat. Die aufgewiegelte Menge fordert nach Zeugenaussagen die sofortige Bestrafung des „Vaterlandsverräters". Fenster und Türen werden eingeschlagen, Schüsse fallen. Der Pastor und seine Frau müssen scheinbar um ihr Leben fürchten. Aus ihrer Sicht schrecken die Nationalsozialisten einzig vor dem Äußersten zurück, weil sich inzwischen dem Pastor wohl gesonnene Gemeindemitglieder vor dem Pfarrhaus eingefunden haben. Doch die Einschüchterung ist Kalkül. Wie von vornherein von den Organisatoren der Ausschreitungen geplant, wird Wieter in Schutzhaft genommen und nach Waldbröl gebracht. Die Vertreibung ist gelungen. Allerdings wird er bereits am 12. November 1937 aus der Haft entlassen. Die Gestapo aber, die im Angesicht des Fait accompli bereits gegen ihren Willen eine Schutzhaftverfügung erlassen hatte, macht ihm zur Auflage, den Bezirk zu verlassen und sich künftig alle 24 Stunden bei der Polizei zu melden. Die Täter des Novembers 1937 werden zwar am 9. Juni 1938 vom Schwurgericht Bonn wegen Meineids und Haus- und Landfriedensbruch zu Haftstrafen verurteilt, jedoch unter anderem durch die Einflussnahme des Gauleiters umgehend begnadigt.

Bis September 1938 lebt Frau Wieter nach eigenem Bericht noch unter ständigen Anfeindungen in Odenspiel, dann kauft das Ehepaar im Igelsforst in Solingen-Wald ein kleines Häuschen. Wieter selbst arbeitet zunächst als Hausgeistlicher eines Erholungsheims in Aue an der Sieg und als Vertreter eines Pfarrers im Kreise Wetzlar. 1938 und 1939 ist er illegal als Visitator für den Reichsbruderrat der Bekennenden Kirche im Kirchengebiet von Berlin-Brandenburg tätig. Er hält Predigten und besorgt Unterkünfte für verfolgte Pfarrer.

Im Juni 1940 wird Wieter zur Wehrmacht eingezogen. Ende 1941 kauft das Ehepaar in der Hölderlinstrasse in Ohligs eine Haushälfte, am 25. Januar 1942 wählt die Gemeinde Solingen-Dorp Wieter zum Pfarrer. Das Evangelische Konsistorium der Rheinprovinz wendet sich im Mai 1942 an die Düsseldorfer Gestapo, ob gegen Wieters Berufung zum Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Solingen Bedenken bestünden. Die Gestapo beantwortet das Schreiben jedoch nicht, da sie die Berufung im Gegensatz zum Konsistorium für eine rein kirchliche Angelegenheit hält. Nach nochmaliger ergebnisloser Anfrage bestätigt das Konsistorium die Wahl im Oktober. Wieter selbst wird im Mai 1943 als Soldat nach Italien verlegt, wo er seitdem als vermisst gilt.

Text: Armin Schulte

Stand: 28.9.2008

Quellen
  • Landesarchiv NRW - Abteilung Rheinland - RW 58 Nr. 2597.

 

VerlegeortRitterstraße 1
StadtteilBurg/Höhscheid
Verlegedatum04.12.2008

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