Stolpersteine

Otto Winkels

geboren: 29. April 1922 in Solingen-Ohligs
gestorben: 17. Mai 1944 in der Tötungsanstalt Meseritz/Obrawalda

Lebensweg

Behinderte haben im „Dritten Reich" keine Lobby, erfahren keine Hilfe. Im Gegenteil: nach den Vorstellungen der Nationalsozialisten sind sie eine krankhafte Fehlentwicklung der Evolution, deren Fortpflanzung man verhindern muss. Da ihre Obhut und Pflege Kosten für die Allgemeinheit verursacht, werden sie schließlich als überflüssig betrachtet, und man lässt sie qualvoll sterben oder bringt sie im Rahmen der „Euthanasie" gezielt um. Auch Otto Winkels hat nie eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben.

Otto wird am 29. April 1922 in Ohligs als viertes Kind von Emil und Marta Winkels geboren. Nach der Sterilisierungsakte des Erbgesundheitsgerichts Wuppertal hat er eine schwere Kindheit. Noch vor seiner Geburt trennen sich 1921 die Eltern. Der Vater, der angeblich seit dem Krieg an „Nervenanfällen" leidet, verlässt die Familie und verzieht mit unbekanntem Ziel. 1927 wird die Ehe geschieden.

1924 wird Otto von einem Lastwagen überfahren und schwer verletzt. Spätestens seit diesem Unfall ist er infolge eines Unterschenkelbruchs stark gehbehindert und leidet unter schweren Krampfanfällen, wegen der er 1929 in der Provinzialkinderanstalt Bonn untersucht wird. Mit elf Jahren muss er wegen der Anfälle aus der Hilfsschule entlassen werden.

Am 7. September 1938 stellt der stellvertretende Solinger Amtsarzt Daniel Schmitt wegen „angeborenem Schwachsinn" und Epilepsie einen Antrag auf Unfruchtbarmachung von Otto. Laut dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom Juli 1933 muss dazu theoretisch der Nachweis der Erblichkeit der Leiden oder der Krankheit erbracht werden, äußere Ursachen sind auszuschließen. Zumindest aber hinsichtlich der Diagnose Epilepsie hat der sonst nicht zimperliche Hilfsarzt des Solinger Gesundheitsamtes, Dr. Aloys Blass, Zweifel und empfiehlt zwecks Nachweises der Erblichkeit der Epilepsie Anstaltsbeobachtung.

Am 20. September 1938 findet vor dem Erbgesundheitsgericht Wuppertal die Verhandlung gegen Otto statt, der aufgrund seiner Anfälle selbst nicht teilnehmen kann. Das Gericht sieht „erbliche Fallsucht" und „Schwachsinn" als erwiesen an und ordnet die Sterilisierung an. Am 27. März 1938 wird diese in den Städtischen Krankenanstalten Solingen von Dr. Oesterreich durchgeführt.

Erst 1944 gibt es dann weitere Hinweise auf Ottos Schicksal. Am 11. April 1944 wird er in die Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen eingewiesen. Zu dieser Zeit werden Patienten der Heil- und Pflegeanstalten bereits wegen der Überbelegung und der Beanspruchung durch zivile und militärische Stellen in den Osten deportiert („Aktion Brandt"). In den Ausweichanstalten sind ihre Überlebenschancen gering, sie verhungern oder werden gezielt - wie in der Anstalt Meseritz-Obrawalde in der Provinz Posen - mit Giftinjektionen ermordet. Auch Otto wird ein Opfer dieser späteren Form der „Euthanasie", er stirbt am 17. Mai 1944 in der erwähnten Anstalt. Eine von seiner Mutter beantragte Entschädigung für die Sterilisation wird in den Nachkriegsjahren aufgrund der Gesetzeslage abgelehnt, ob auch wegen der Ermordung ein Antrag gestellt wurde, ist unbekannt.

Text: Armin Schulte

Stand: 4.7.2017

 

VerlegeortHermann-Löns-Weg 45
StadtteilOhligs/Aufderhöhe/Merscheid
Verlegedatum02.08.2017