14 aus 140

In Solingen leben Menschen aus 140 Nationen.

Izzeldeen H. El Obeid

„Die Sprache hilft, Türen zu öffnen. Ohne die Sprache bleibt man ein Fremder.“

Izzeldeen H. El Obeid
Foto: Uli Preuss
Text: Jutta Schreiber-Lenz

Der Sudanese wurde wegen seiner Hautfarbe auch schon mal diskriminiert

Seinen Beruf als Maschinenbau-Techniker und Berufsschullehrer übt Izzeldeen H. El Obeid schon länger nicht mehr aus, seine Frau Fatihah und seine beiden Töchter bekommen den rührigen Ehrenamtler aber dennoch nur selten zu sehen: Seniorensicherheitsbeaufragter und Dolmetscher sind nur zwei der vielen Aufgaben, die der 71-Jährige im Dienst der Solinger Stadtgesellschaft ausfüllt.

So war er beispielsweise vor Ort, als 2015 „ein Bus nach dem anderen mit Flüchtlingen am Theater ankam“, wie er sich erinnert. Und er zeigt selbst aufgenommene beeindruckende Fotos von der „großartigen Hilfe“, die die städtischen Mitarbeiter und viele Freiwillige in diesen Tagen und Wochen geleistet haben. „Teilweise waren wir bis vier Uhr morgens vor Ort“, schaut er zurück. Dass es nunmehr gelungen ist, die Auffanglager aufzulösen, weil die Geflüchteten hier Wohnungen gefunden haben, findet er großartig.

Er selbst kam 1967 aus dem Sudan nach Solingen, um seine technischen Kenntnisse zu erweitern. Das Technische Berufskolleg war seine Schule. Zuvor hatte er vier Monate am Frankfurter Goethe-Institut Deutsch gepaukt. Eine anstrengende, intensive Lern-Zeit, die sich aber unbedingt ausgezahlt habe, sagt er. „Sprache ist der Schlüssel zu einem neuen Land. Ohne den kommt man nicht weiter.“ An die deutschen Nachbarn seiner kleinen Solinger Wohnung erinnert er sich heute noch in liebevoller Dankbarkeit. Regelmäßig besucht er das Grab von „Frau Schmidt“, die längst verstorben ist. „Das ist ja schon so lange her.“

Zunächst ging El Odeid wieder zurück in den Sudan, um als Leiter einer Lehrwerkstatt junge Menschen mit technischem Wissen zu versorgen – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Aber dann führten ihn seine Wege doch wieder zurück ins Bergische. Bei der Firma Hörster arbeitete er als Bohrtechniker und spezialisierte sich weiter zum Maschinenbau-Techniker. Bei Kieserling und Albrecht sei er lange als Konstrukteur gewesen, erzählt er.

Für Izzeldeen El Obeid und seine Familie ist Solingen Heimat geworden in all den Jahren. Natürlich fahre er gelegentlich in den Sudan, und es sei ihm sehr wichtig, dass alle seine vier Kinder ein Bewusstsein ihrer Wurzeln dort hätten. „Aber wenn wir hierher zurückfahren, ist es das Gefühl: Wir kommen nach Hause.“

Ja, es habe auch Diskriminierungen gegeben. Ein für ihn zutiefst verstörendes Erlebnis war in jungen Jahren, als ihn Passanten zu Unrecht verdächtigt hatten, eine Frau bestohlen zu haben: „An der Haltestelle Mühlenplatz kippte eine Dame um, und als ich mich um sie bemühte, bat sie mich, ihr ein Stück Zucker aus ihrer Handtasche zu geben – sie sei Diabetikerin und brauche das jetzt.“ Aber die Umstehenden deuteten seinen Griff zu dieser Tasche falsch – „,der Schwarze will klauen!‘ wurde ich beschimpft.“ Erst als die Polizei kam und die schwächelnde Dame zu Wort kam, konnte das Missverständnis aufgeklärt werden. Die Demütigung, der Ärger und die Scham sitzen immer noch tief. Aber die vielen positiven Begegnungen, die vielfach auch in Freundschaften mündeten, überdeckten letztlich die Negativ-Gefühle und haben so etwas wie Bitterkeit gar nicht erst aufkommen lassen.

Er ist mittendrin in der Stadt, mitsamt seiner Familie, und hat gute und herzliche Kontakte quer durch viele Nationalitäten hindurch. „Und immer noch lerne ich neue nette Menschen kennen – so zum Beispiel eine syrische Familie, die in einem dieser ersten Busse saß, die vor zwei Jahren hierhin kamen.“ Die deutsche Staatsbürgerschaft hat er schon lange – sein ältester Sohn sei ja auch bei der Bundeswehr gewesen, erzählt er. Nimmermüde betont er die Wichtigkeit, die deutsche Sprache zu beherrschen. „Ohne Sprache öffnen sich keine Türen, man bleibt immer Fremder“, ist sein dringlicher Rat an alle Migranten, die hier ankommen.

Der Brandanschlag vor 25 Jahren auf das Haus der Familie Genc war ein Schockerlebnis für ihn. Wie alle Solinger war er entsetzt – über die Tat, die Opfer und die Welle der Gewalt, die im Anschluss über Solingen rollte. Unterm Strich sei danach aber viel Gutes entstanden. „Man ist noch sensibler geworden im Bemühen, ausländische Menschen zu integrieren“, findet Izeldeen El Obeid. Und: „Wir sind dabei sehr erfolgreich!“

In Solingen leben Menschen aus 140 Nationen.

Die Aktion „14 aus 140"

Sie kommen aus Europa, Afrika, Asien, Amerika und Australien - Frauen und Männer, die teils schon seit vielen Jahren in Solingen leben und interessante Geschichten zu erzählen haben.

Basierend auf der am 22. Mai 2018 gestarteten Plakat-Kampagne "Mensch, Solingen: 140 Nationen - eine Stadt" haben der Fotograf Uli Preuss und die Journalistin Jutta Schreiber-Lenz im Auftrag der Klingenstadt 14 Solingerinnen und Solinger (plus die aktuelle Solingen-Botschafterin Gönül Zarnekow) porträtiert, die wir hier vorstellen.

Im Portrait
  • Dr. Gia Phuong Nguyen
    Der Chefarzt kam als Achtjähriger von Vietnam nach Deutschland
  • Shabnam Arzt
    Die gebürtige Perserin wanderte über den Umweg „Türkei" nach Deutschland aus
  • Calogero Vinciguerra
    Der in Solingen geborene Italiener ist der erste EU-Feuerwehrmann der Klingenstadt.
  • Manuel Lisboa
    Der Angolaner und „Ehren-Portugiese“ hat zahlreiche Ehrenämter
  • Rose Mersky
    Die US-Amerikanerin Rose Mersky begann mit Ende 50 ihr neues Leben in Deutschland
  • Hashem Mohammed Hikmat
    Er floh aus Afghanistan, kehrte wieder zurück – und musste erneut fliehen
  • Clinton Thomson
    Der Tennis-Profi besitzt die australische und deutsche Staatsbürgerschaft
  • Brigitte Annessy
    Die vielseitige Künstlerin kam von Paris über die Kölner „Lindenstraße“ nach Solingen
  • Kanak Chandresa
    Der indische Naturwissenschaftler hat das Malen für sich entdeckt
  • Dragan Denic
    Der gebürtige Serbe kann sich noch gut an die Karstadt-Eröffnung erinnern
  • Rita Kuckelberg
    Sie kam als Kind griechischer Gastarbeiter in die Klingenstadt
  • Aissa Aurag
    Der Marokkoner kam durch seinen Hauptschul-Rektor aufs Gymnasium
  • Ingrid Lauterjung
    Sie kam der Liebe wegen aus dem belgischen Knokke nach Solingen

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