Der jüdische Friedhof am Estherweg

Stand 06.2017

Auf dem jüdischen Friedhof in Solingen
Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof. Foto: Bgl

Der jüdische Friedhof am Estherweg ist eines der wenigen deutlich sichtbaren Zeugnisse jüdischen Lebens in Solingen. Das Gemeindeleben der jüdischen Kultusgemeinde spielt sich heute überwiegend in Wuppertal ab. Dort wurde 2002 die neue Bergische Synagoge eingeweiht.

Auch in Solingen gab es bereits seit 1708 eine jüdische Gemeinde. Sie weihte 1872 unter großer Anteilnahme der gesamten Bevölkerung eine Synagoge an der Malteserstraße ein. 1938 wurde das Gotteshaus im Zuge des Novemberpogroms von den Nationalsozialisten zerstört.

Bekannte Solinger Namen

Der Friedhof am Estherweg wurde erstmals im Jahre 1718 erwähnt. Der älteste erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahr 1820. Die letzte Beisetzung fand 1941 statt, während der NS-Diktatur und mitten im Zweiten Weltkrieg. Obwohl auch der Friedhof während der Pogromnacht vom 8. auf den 9. November 1938 dem Vandalismus ausgesetzt war, überstand das Gelände die nationalsozialistische Terrorherrschaft weitestgehend unbeschadet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt Solingen für die Instandsetzung und die weitere Pflege des Friedhofs zuständig. 1987 übernahm die Gesamtschule Solingen (heute Alexander-Coppel-Gesamtschule) die Patenschaft und Pflege. Seit dem 15. Juni 2001 steht der jüdische Friedhof unter Denkmalschutz.

Auf dem jüdischen Friedhof in Solingen
Führung über den jüdischen Friedhof. Foto: Bgl

Der Friedhof am Estherweg ist verschlossen und kann nur nach Voranmeldung besichtigt werden - beispielsweise von Schulklassen. "Es gab in all den Jahren unserer Tätigkeit hier nie antisemitische Ausschreitungen", berichtet Michael Sandmöller. Der Lehrer an der Alexander-Coppel-Gesamtschule leitet die dort ansässige "Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Friedhof" seit 1990. Zwei Mal jährlich bietet er öffentliche Führungen an - jeweils sonntags von 11 bis 12.30 Uhr.

Beim Rundgang über den Friedhof begegnen den Besuchern bekannte Solinger Namen wie die Mitglieder der Familie Coppel, die am Estherweg in einem Familiengrab bestattet ist. Auch die tragischen Schicksale der Familie Leven lassen sich anhand der Grabsteine ablesen. Der Journalist Max Leven wurde während der Pogromnacht 1938 ermordet. Helene Leven und Grete Tichauer wurden im Vernichtungslager Auschwitz umgebracht. Dass sich die Solinger jüdischen Glaubens lange als patriotische Deutsche gefühlt haben, zeigt ein Gedenkstein im Zentrum des Friedhofs. Dort wird an die sieben jüdischen Gefallenen aus Solingen erinnert, die im Ersten Weltkrieg für das deutsche Kaiserreich in die Schlacht zogen und nicht mehr in die Klingenstadt zurückkehrten.

Für die Ewigkeit

Jüdische Friedhöfe sind auf Ewigkeit angelegt, was eine genaue Planung zur Ausnutzung der begrenzten Fläche erforderlich macht. Deswegen und auch, um das Ideal der Gleichheit im Tode zu wahren, tat sich die Gemeinde schwer mit dem Freihalten von mehreren Grabstellen für Familienangehörige. So konnte sich Gustav Coppel 1881 noch nicht mit seinem Antrag durchsetzen, neben Grabstellen für seine Kinder auch solche für die Schwiegerkinder zu reservieren. Erst 1890 gab man seiner Bitte statt, nicht zuletzt wegen der großen Verdienste des Solinger Ehrenbürgers um seine Stadt und die jüdische Gemeinde.

Das Grabmal der Familie Coppel entspricht dem damals zeitgemäßen Ehrenmal einer Industriellenfamilie. Normalerweise finden sich auf den für die Ewigkeit angelegten jüdischen Grabsteinen Symbole, die auf die Abstamung hinweisen, für ein Ehrenamt in der Gemeinde stehen oder Eigenschaften wie große Gelehrsamkeit oder ein hohes Ansehen hervorheben. Zum Beispiel steht eine Kanne für die Familie Levi (Tempeldiener); die segnenden Hände für den Stamm der Aaroniter - also eine Priesterfamilie. Es ist außerdem Tradition, kleine Steine auf das Grab zu legen als Erinnerung an den Toten. Diese Sitte stammt noch aus der Zeit der Wüstenväter, denn während der 40-jährigen Wanderung unter Mose und Josua ins Gelobte Land schichtete man Steinhaufen auf dem Grab auf, damit die Verstorbenen nicht von wilden Tieren ausgescharrt wurden, sondern die "ewige Ruhe" gewahrt blieb.

INFO
  • Nächste öffentliche Führungen:
    8. Mai  2017
    17. September 2017
    jeweils 11 Uhr
    Treffpunkt: Friedhofstor Estherweg
  • Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.  Die Führung ist kostenfrei, um Spenden für die Arbeit der Schüler-AG Jüdischer Friedhof wird gebeten.
  • Männliche Besucher werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen.
  • Ansprechpartner:
    Michael Sandmöller
    Fon: 02 12 / 5 99 84-0
    E-mail: info@acg.schule