Der Silberne Schuh

Stand 27.08.2020

Solinger Ehrenpreis für mutiges Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung

Daniela Tobias

Preisträgerin 2019

 

Rede zur Peisverleihung

Oberbürgermeister Tim Kurzbach

Oberbürgermeister Tim-O. Kurzbach
Meine verehrten Damen und Herren,

am vergangenen Sonntag sind wir wählen gegangen. Es ging um Europa – und in den Tagen und Wochen zuvor ist überall geworben und appelliert worden: dieses Wahlrecht bewusst zu nutzen und zu würdigen. Es ist jeder dazu aufgerufen worden, sein Kreuz zu setzen und damit sein Ja zu Europa abzugeben. Für ein Europa ohne Grenzen, das sich für Frieden und Miteinander stark macht. Denn Europa erscheint mit seinen Werten, mit seiner Staatengemeinschaft und mit seiner demokratischen Ordnung zuweilen schon so selbstverständlich, dass oftmals gar nicht mehr wahrgenommen wird, welch großartige Errungenschaft dies ist. 

Warum erwähne ich das heute und hier? Ich tue dies, weil unsere Gesellschaft vom Demokratieverständnis und vom Glauben an die Demokratie lebt. Und diese Demokratie benötigt mehr denn je Menschen mit Zivilcourage. Menschen, die sich für Toleranz und gegen Rassismus einsetzen, die unsere Werte mit aufrechter Haltung verteidigen. Unsere Demokratie benötigt Vorbilder.

Weil die so wichtig sind, zeichnen wir in Solingen jedes Jahr einen besonderen Menschen aus, der für diese Haltung steht. Es sind Menschen, die sich einsetzen für unsere Werte und die Unschätzbares leisten für unsere Stadtgesellschaft. Sie erhalten den Preis „Der Silberne Schuh“ – und sie erhalten ihn ganz bewusst am 29. Mai, an einem Tag, der auf immer zu den schwersten im Solinger Leben gehören wird.

Der 29. Mai ist der Gedenktag für den Brandanschlag von 1993. Für den Tag, als in Solingen ein beispielloses Verbrechen geschah. Damals verlor unsere Stadt ihre Unschuld. Mit dem Mord an der Unteren Wernerstraße geschah etwas, das unvorstellbar schien. Drei Mädchen und zwei junge Frauen starben durch rechtsextremistische, rassistisch motivierte Gewalt. Verübt von jugendlichen Tätern aus der Mitte unserer Stadtgesellschaft. Sie suchten sich unschuldige Opfer und zerstörten das Leben einer unbescholtenen Familie, indem sie mitten in der Nacht ihr Haus anzündeten – weil sie Einwanderer waren, weil sie einfach ein wenig anders waren.

Fünf Mädchen und Frauen mussten sterben. Viele Menschen wurden schwer verletzt und leiden bis heute körperlich und seelisch schwer unter diesem Verbrechen. Über Nacht kamen Tod, Schmerz und Verzweiflung. Über Nacht kam diese unfassbar schwere Prüfung über die Familie – und über Nacht stellte sich die Frage, wie die Familie Genc diese Prüfung bestehen kann und was unsere Stadt aus dieser Prüfung lernen wird.

Die Familie Genc brachte die unvorstellbare Kraft auf, dem Hass und der Gewalt mit Friedfertigkeit zu begegnen. „Lasst uns Freunde sein“, wünschte sich und forderte Mevlüde Genc noch unter dem Eindruck der Katastrophe. Es war ihre Botschaft an die Solinger, entwaffnend und verbindend. Damit fand Mevlüde Genc Worte, die die Sprachlosigkeit überwanden. Sie hielt damit im schwierigsten Moment die Werte hoch, die unsere Gesellschaft benötigt: Friedfertigkeit, Freundschaft, Offenheit und Toleranz. Sie, die Mutter, Großmutter und Tante der Toten. Sie stand im Moment der härtesten Prüfung für all das ein. Sie war damit im Grunde die Mutter dieses Preises, den wir hier heute wieder verleihen. Sie war die Mutter – und sie steht symbolisch für den Grund. Zusammen mit ihrer Familie, mit den Betroffenen und mit den Opfern. Solingen darf all dies niemals vergessen und wird der Familie Genc auf immer die Hand reichen. So wie Gencs damals ihre Hand reichten.

Heute sind Mevlüde und Durmus Genc am Gedenktag nicht in Solingen. Sie sind in der Türkei, um dort heute die Gräber ihrer Familienmitglieder zu besuchen. Zum 25. Gedenktag im vergangen Jahr waren das Medieninteresse die Belastung für die Familie gewaltig. Auch, weil die große Politik in Solingen eine Bühne gesucht hat. Dennoch ist uns 2018 ein sehr würdevoller Umgang mit dem Gedenken gelungen. In der Nachbetrachtung sind wir aber zu der Überzeugung gelangt, dass es an der Zeit ist, das jährliche Gedenken weiterzuentwickeln.

Neben dem Mahnen und dem Gedenken möchten wir den Blick am 29. Mai noch stärker nach vorne richten: Die Stadt Solingen setzt sich in vielfältiger Form gegen Rassismus und für ein tolerantes Miteinander in unserer Stadtgesellschaft ein. Das verstärken wir in Zukunft noch, indem wir ein Handlungskonzept gegen Rassismus entwickelt haben, an dessen Umsetzung intensiv gearbeitet wird. Die Verleihung des Ehrenpreises „Der Silberne Schuh“ ist dabei ein wesentlicher Bestandteil. Denn die Botschaft dieser Auszeichnung wirkt zugleich gegen das Vergessen wie sie für ein aktives Engagement wirbt: Sie enthält den Appell, sich für die demokratischen Werte der Gesellschaft einzusetzen und so gegen Rassismus und Ausgrenzung einzutreten. Deshalb ist der Preis so wichtig – um zu verhindern, dass jemals wieder etwas so Schreckliches passieren kann wie am 29. Mai 1993. Wir in Solingen dürfen nicht zulassen, dass noch einmal ein Klima entstehen kann, das zu vergleichbaren Gefahren für die Mitmenschen in unserer Stadt führt. Dieses Signal will die Klingenstadt ins Land und in die Welt senden. Immer wieder.

Deshalb sollen die Preisverleihung für Menschen, die den mutigen Schritt nach vorne gehen, und das Gedenken künftig noch stärker miteinander verwachsen. So, wie auch die Botschaften miteinander verwachsen sind: nie vergessen, mahnen und nie mehr zulassen sowie aktiv für Toleranz und Zivilcourage eintreten. Deshalb haben wir einen etwas anderen Ablauf gewählt. Dieser sieht nach der verbindenden Zeremonie hier in der Schule im Anschluss am Mahnmal ein stilles Gedenken mit Schweigeminute, mit Gebeten und mit einer Friedensbotschaft von Schülerinnen und Schülern vor. Diese bringen mit ihrem Appell die Leitidee des zukünftigen Zusammenlebens der Menschen aller Herkünfte und Religionen zum Ausdruck.

Ich freue mich ungeheuer, dass wir diesen Ablauf zusammen mit der Familie Genc entwickelt haben. Liebe Familie Genc, ein ganz herzliches Dankeschön dafür. Mein großer Dank richtet sich aber auch an Sule Gürel, die uns als Generalkonsulin der Türkei in diesem Vorgehen ebenfalls unterstützt hat.

Schauen wir also auf unsere erste Preisträgerin, die den „Silbernen Schuh“ in diesem Jahr im veränderten Format des Gedenktages erhält. Kommen wir zu Daniela Tobias.

Liebe Daniela, du bist in meinen Augen wie gemacht für die neuen Vorzeichen, unter denen wir heute hier zusammenkommen. Denn du zeichnest dich zum einen durch dein unglaublich intensives und vielseitiges Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung aus. Und zum anderen hat dich das Erlebnis des Brandanschlags 1993 enorm geprägt. Du selbst hast in den vergangenen Tagen erklärt, wie sehr dieses Ereignis für dich zur Triebfeder geworden ist, etwas zu tun. Ich zitiere: „Ich war damals 16 Jahre alt, und diese Erfahrung hat für mich die Richtung meines Engagements vorgegeben.“

Dieser Einsatz ist ein enorm wertvolles Geschenk für unsere Stadt. Ich will nicht alles aufzählen. Denn die Einzelheiten lassen sich für alle nachlesen. Ich werfe nur einige wesentliche Schlaglichter: deine Arbeit für Amnesty International, die Unterstützung der Stolpersteine, der Felix Kids Club und ganz aktuell deine „oft leise, aber immer beharrliche Art,“ das Gedenken an Verfolgung und Widerstand in der Zeit zwischen 1933 und 1945 mit einer Bildungs- und Gedenkstätte wachzuhalten. Dies sind, wie gesagt, nur Auszüge deines beeindruckenden Schaffens. Eines Schaffens, das gerade in heutiger Zeit so extrem wichtig ist. Und ebenso wichtig ist es, Menschen wie Daniela Tobias als Mutmacher herauszustellen und zu würden. Du beweist, dass es möglich ist und dass es sich lohnt, sich für wichtige Themen einzusetzen – mal energisch, mal sensibel, ganz so, wie es die jeweilige Sache erfordert. Als Kommunikationsdesignerin, Fotografin und Journalistin bringst du für all das, das ideale Rüstzeug mit. Du weißt, wie du dein Ziel erfolgreich verfolgen kannst.

Wer den  „Silbernen Schuh“ erhält, muss Haltung haben. Die hat aber nur, wer mit Anstand und Respekt handelt – gerade auch dort, wo diese Werte heute oftmals so schmerzlich vermisst werden, im Internet, in den Sozialen Medien. Daniela Tobias zeichnet sich durch Haltung aus, die sich idealerweise mit einem langen Atem verbindet. Sie muss dafür weder laut werden noch ihre Ellenbogen ausfahren. Sie weiß, wie es anders geht. Und sie weiß, was nötig ist, welche Themen unterstützt werden müssen.  Damit ist sie eine besondere Solingerin, die diesen besonderen Preis verdient.

Ich gratuliere dir ganz herzlich zu dieser Auszeichnung, liebe Daniela. Du gehörst jetzt zum Kreis der Menschen, die dafür stehen, wie Solingen aus der Verbindung von Gedenken an den Brandanschlag auf der einen und dem beherzten Eintreten für die Werte unserer Gesellschaft auf der anderen Seite Kraft für ein gutes und friedliches Miteinander schöpft. Wir brauchen noch viel mehr Menschen wie Daniela Tobias und ihre Vorgänger.