Die Schärfste Klinge

Stand 10.2019

Cem Özdemir
Cem Özdemir

Preisträger 2019

Die Stadt Solingen verleiht ihren Ehrenpreis „Schärfste Klinge“ des Jahres 2019 an den renommierten Grünen-Politiker Cem Özdemir, Mitglied des Bundestages.

Seine Überzeugungen vermittelt der „anatolische Schwabe“ - so nennt Cem Özdemir sich selbst mit einem Augenzwinkern - mit Leidenschaft und als virtuoser Redner, ohne jedoch die Regeln des respektvollen Umgangs zu verletzen. Damit erfüllt er passgenau das wichtigste Anliegen der „Schärfsten Klinge“, nämlich den Einsatz des geschliffenen Wortes zum Wohl der Gemeinschaft zu würdigen.

„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“

Cem Özdemir im Gespräch mit Thomas Kraft, stellvertretender Pressesprecher der Stadt Solingen.

Frage: Herr Özdemir, was kennen Sie von Solingen, wofür steht diese Stadt in Ihren Augen?

Cem Özdemir: Erst einmal habe ich gute Freunde in Solingen, wie Sylvia Löhrmann und Reiner Daams, mit denen mich auch außerhalb der Politik viel verbindet. Und dann natürlich Solingen als die Klingenstadt. Das hat sich bis ins schwäbische Baden-Württemberg rumgesprochen. Wenn man an Besteck denkt, dann denkt man bis heute an Solingen. Mittlerweile steht Solingen aber auch für Digitalisierung, für das Thema Müllvermeidung, für Nachhaltigkeit. Aber biographisch spielt Solingen für mich auch eine wichtige Rolle. Denn einer der Gründe, warum ich mich entschlossen habe, für den Bundestag zu kandidieren, war der schreckliche Brandanschlag von 1993 und die beeindruckende Reaktion von Mevlüde Genç damals. Statt mit Verbitterung und Hass hat sie mit einer ausgestreckten Hand auf diesen furchtbaren Anschlag reagiert und engagiert sich gegen Rassismus. Ich hatte das Gefühl, dass jemand im nächsten deutschen Bundestag sitzen sollte, der die Sprache von Mevlüde Genç spricht.

Frage: Waren Sie zu dieser Zeit vorher schon einmal in der Stadt gewesen?

Cem Özdemir: Nein, erst nach meiner Wahl. Ich kannte Familie Genç vorher nicht, sondern habe ebenso wie viele andere am Fernsehen die Ereignisse verfolgt. Ich werde auch nie vergessen, wie Ignaz Bubis abends in den Tagesthemen auftrat, weil sich die türkische Community nicht richtig verständigen konnte auf einen, der ihre Gefühle übersetzt und für alle sprechen kann - aufgrund von Religion, Nationalismus und all diesen Fragen, die daran hängen. Das spaltet die Community ja bis heute. Aber hinter einem konnte man sich versammeln, das war Ignaz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der übersetzte auch die Gefühle von vielen Menschen mit türkischen Wurzeln. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen angesichts von Antisemitismus mit leider auch immer wieder muslimischem Hintergrund.

Frage: Sie erhalten in Kürze als 13. Preisträger die „Die Schärfste Klinge“, den Ehrenpreis der Stadt Solingen. Wie ordnen Sie diese Ehrung ein?

Cem Özdemir: Es ist ein renommierter Preis, der nicht jedes Jahr vergeben wird. Und wenn ich mir die Liste derer anschaue, die den Preis bereits gewonnen haben - Herta Müller oder Joachim Gauck, unser ehemaliger Bundespräsident, der auch die Laudatio halten wird - dann empfinde ich das als große Wertschätzung. Dazu kommen Lothar Späth, Richard von Weizsäcker, Alfred Grosser - die Liste der Preisträger liest sich wie das „Who is Who“  der Geschichte des Nachkriegsdeutschlands. Die „Schärfste Klinge“ verliehen zu bekommen ist eine große Ehre, und ich habe höchsten Respekt vor den Fußstapfen, in die ich trete. Ich verstehe diesen Preis aber nicht als Rückblick auf mein Lebenswerk, sondern als Ermutigung weiterzumachen. Mit 53 Jahren habe ich große Lust, mich weiter für unser Land, für unsere offene Gesellschaft zu engagieren.

Frage: Na gut, schauen Sie auf Joachim Gauck. Der ist danach Bundespräsident geworden - die Aussichten sind also nicht so schlecht.

Cem Özdemir: Schuster, bleib bei deinen Leisten...

Frage: Warum sind Ihnen Preise dieser Art wichtig?

Cem Özdemir: Ich sehe es so: Diesen Preis bekommt man ja nicht einfach als Person, sondern für das, wofür man sich für einsetzt und wie man das tut. Und das bin ich ja nicht alleine. Das sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das ist meine Familie, die mich großartig unterstützt. Sie haben oft unfreiwillig auch die Konsequenzen zu tragen für das, was ich als Politiker sage. Und es sind auch all die, die ebenfalls für unsere offene Gesellschaft einstehen, all die, die sich auch für die liberale Demokratie einsetzen. Insofern sehe ich diesen Preis auch als Wertschätzung und Ermutigung für all die Ungenannten.

Frage: Der Preis ehrt die Verteidigung gesellschaftlicher Werte wie Toleranz, Offenheit, Menschenrechte, wobei dies vor allem mit Hilfe glänzender Rhetorik geschieht, die durchaus scharf sein darf, wenn sie präzise trifft. Wo würden Sie sagen: Da bin ich hundertprozentig „Schärfste Klinge“?

Cem Özdemir: Bis zur vierten Klasse hatte ich in Deutsch eine Fünf, und die Empfehlung für mich lautete damals: Hauptschule. Da landete ich dann auch in der fünften. Klasse. Das mit der Fünf werde sich niemals ändern, wurde mir damals gesagt - heute verdiene ich meine Brötchen mit der deutschen Sprache. Das ist mir jetzt nicht unbedingt an der Wiege gesungen worden, dass ich mal mit dieser Sprache, die ich übrigens sehr liebe und verehre, nicht nur meine Brötchen verdiene, sondern mich auch zur Wehr setze. Ich war körperlich nicht unbedingt der Allerstärkste in meiner Schulklasse und habe eben umso mehr die Sprache wertschätzen gelernt - als Instrument, um meine Gedanken auszudrücken und eigene Überlegungen zu formulieren. Aber auch als Instrument, mit dem man sich wehren kann.

Ich sehe es als meine Verpflichtung als Politiker und Bürger, Sprache für das einzusetzen, wofür unser Grundgesetz steht: Für die Freiheit, die wir in Deutschland haben, für die Demokratie. Die Demokratie verteidigt sich nicht von selbst. Sie braucht Demokratinnen und Demokraten, die das in die Hand nehmen. Sie braucht uns alle. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Demokratie in Frage gestellt wird. Sei es nun von außen - durch autoritäre Herrscher, von Putin in Russland bis zu Erdogan in der Türkei. Ja, selbst im Weißen Haus sitzt mit Donald Trump jemand, der allem Anstand Hohn spricht. Sei es nun von innen - wo wir es in Landtagen und im Bundestag mit dem Rechtspopulismus der AfD zu tun haben. Hass und Fanatismus sind zum weltweiten Trend geworden. Umso wichtiger ist, dass wir aus der Komfortzone herauskommen. Und wenn wir diese Gesellschaftsordnung, die wir in Deutschland haben, verteidigen, dann müssen wir auch das Wort entsprechend in Schutz nehmen. Denn diejenigen, die all das zerschlagen und kaputtmachen wollen, wofür unsere Demokratie steht, wissen um die Kraft des Wortes und versuchen es für ihre niederen Zwecke zu mißbrauchen.

Frage: Ist so ein Preis also so aktuell und wichtig wie selten zuvor?

Cem Özdemir: Ja, mit Sicherheit, und es wäre falsch, sich darauf auszuruhen. Diesen Preis verstehe ich als eine Ermutigung, noch mal eine Schippe draufzulegen und vor allem ganz viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen. Denn das ist besonders wichtig, dass wir Demokratinnen und Demokraten uns jetzt bei allem Streit, der bei politischen Einzelfragen in der Sache sein muss, der großen Übereinstimmung in unseren Grundüberzeugungen bewusst sind. Hier überwiegt bei CDU/CSU, SPD, FDP, Grünen und Teilen der Linkspartei eindeutig das Gemeinsame, nicht das Trennende.

Ich habe mir inzwischen bei meinen Auftritten zwei Rituale angewöhnt. Erstens: Ich habe ja mittlerweile leider mal wieder Polizeischutz durch das Bundeskriminalamt. Ich danke einfach immer der Polizei und dem Bundeskriminalamt. Warum? Weil bei uns die Polizei dafür da ist, dass solche Veranstaltungen stattfinden können. Anderswo wird sie missbraucht, um demokratische Veranstaltungen zu verhindern. Das sollten wir wertschätzen, das ist nicht selbstverständlich. Zweitens: Ich begrüße immer auch die Anwesenden, die andere demokratische Parteien wählen. Warum? Weil ich finde, dass das auch eine Art von Respekt ist, dass wir einander zuhören.

Es gibt von dem Philosophen Hans-Georg Gadamer ein schönes Zitat: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“. Mit anderen Worten: Ein Gespräch setzt voraus, dass ich möglicherweise Unrecht habe. Dass ich möglicherweise hinterher mehr weiß als vorher und vielleicht sogar meine Haltung an dem ein oder anderen Punkt korrigiere. Ich glaube, wenn man mit dieser Haltung in die Politik geht, dann ist viel gewonnen.

Frage: Sie müssen eine Sprache finden, die zuspitzt, klar benennt und damit Gehör findet, die aber eben auch würdevoll bleiben muss. Wie schwer ist dieser Spagat?

Cem Özdemir: Wenn man es mit Fanatikern zu tun hat, ist eine reine Kuschelsprache sicherlich nicht angebracht. Manchmal ist es notwendig, wehrhafte Worte zu verwenden, gar keine Frage. Es geht darum, das richtige Maß zu finden. Sich auch in der Wahl der Mittel von denen zu unterscheiden, die unsere Demokratie kaputtmachen wollen. Wenn ich so redete wie Erdogan, dann würde mich irgendwann auch nur noch wenig von ihm unterscheiden. Wenn ich so redete wie die AfD, dann würde ich den Hass teilen, den sie durch ihre Art der Auseinandersetzung verbreitet. Das will ich nicht. Mir ist es wichtig, dass die Mittel, die ich einsetze, mit den Inhalten korrespondieren, für die ich mich einsetze und für die ich stehe. Das kann man manchmal auch mit scharfer Klinge geschehen. Aber es sollte dabei immer deutlich werden, dass man den anderen in seiner Würde nicht herabsetzt, auch wenn derjenige politisch sehr weit weg von einem steht.

Frage: Sehen Sie sich als Vorbild in Ihrer Herangehensweise, die Dinge anzupacken? Und wenn ja, sind Sie gerne Vorbild?

Cem Özdemir: Ich bin 53. Da kann man noch viele Fehler machen im Leben, und ich habe auch in der Vergangenheit ohne Frage reichlich Fehler gemacht. Insofern bin ich sehr zurückhaltend, mich als Vorbild für andere zu sehen. Und Abgeordneter des Deutschen Bundestages ist man ja nicht für sich. Ohne die vielen Menschen, die ihr Vertrauen in mich gesetzt haben, wäre ich nicht da, wo ich bin.

Ich denke oft an die Worte meines Vaters. Mein Vater hat in einer Fabrik gearbeitet und kam oft völlig verschmutzt nach Hause, wo wir kein Bad hatten. Aber er hat immer Wert darauf gelegt, dass er sauber zur Arbeit geht, dass sein Arbeitsanzug, sein blauer Anton, sauber ist. Und er hat zu mir gesagt: Dein blauer Anton, das ist der Anzug, den du trägst, wenn du im Parlament redest. Deshalb ziehe ich bis heute auch aus Respekt vor meinen Vater einen Anzug an, wenn ich im Deutschen Bundestag rede. Mein Vater hat mir gesagt: Du sitzt da nicht für dich, sondern du sitzt da für all die Leute, die du repräsentierst. In dem Moment bist du auch nicht nur Grüner, sondern du bist im kleinen Maßstab auch jemand, der Deutschland repräsentiert.

Teil 2: „Unser Grundgesetz braucht uns alle, um es zu verteidigen.“
Teil 3: „Die universellen Menschenrechte machen nicht an den Grenzen eines Landes Halt“

Das Gespräch nutzen, um klüger zu werden

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