Die Schärfste Klinge

Stand 27.08.2020

Cem Özdemir
Cem Özdemir

Preisträger 2019

Die Stadt Solingen verleiht ihren Ehrenpreis „Schärfste Klinge“ des Jahres 2019 an den renommierten Grünen-Politiker Cem Özdemir, Mitglied des Bundestages.

Seine Überzeugungen vermittelt der „anatolische Schwabe“ - so nennt Cem Özdemir sich selbst mit einem Augenzwinkern - mit Leidenschaft und als virtuoser Redner, ohne jedoch die Regeln des respektvollen Umgangs zu verletzen. Damit erfüllt er passgenau das wichtigste Anliegen der „Schärfsten Klinge“, nämlich den Einsatz des geschliffenen Wortes zum Wohl der Gemeinschaft zu würdigen.

„Unser Grundgesetz braucht uns alle, um es zu verteidigen.“

Der Preisträger über seine AfD-Attacke in der Rede des Jahres 2018, deren Folgen und persönliche Risiken.

Frage: Bei einer Aussprache zum Umgang mit dem Journalisten Deniz Yücel im Bundestag haben Sie der AfD 2018 schonungslos den Spiegel vorgehalten. Dafür haben sie viel Beachtung erfahren und diese Rede ist ausgezeichnet worden, was auch ein Kriterium zur Vergabe der Schärfsten Klinge an Sie war. Wie ist diese emotionale Rede entstanden? Wie viel war Vorbereitung, wie viel war intuitiv und spontan?

Cem Özdemir: Von allem etwas! Ich habe erst relativ kurzfristig erfahren, dass ich reden würde. Ich habe mir dann grundsätzliche Gedanken gemacht, habe mit Freunden geredet, vor allem aber mit meinen Mitarbeitern. Und dann war es wie immer: Die Debatte fängt an, ich streiche rum, schreibe rein - und kann irgendwann meine Schrift nicht mehr lesen. Dann bin ich an der Reihe und muss auch spontan auf Zwischenrufe reagieren. Die AfD hat ja versucht, meine Rede massiv zu unterbrechen, mich aus dem Konzept zu bringen. Das hat mich dann noch mehr angestachelt, mein Bestes zu geben. Zum Hintergrund muss man wissen, diese Rede entstand in einer Zeit, als noch Unsicherheit herrschte, wie man mit der AfD umgehen soll. Für mich war klar: Wir haben in Deutschland Meinungsfreiheit und diese gilt es mit aller Macht zu verteidigen. Diese Meinungsfreiheit umfasst auch Dinge, die mir und anderen wehtun, wenn sie ausgesprochen werden. Aber es gibt eine ganz klare rote Linie, und die ist dort überschritten, wo die Würde des Menschen in Frage gestellt wird. Wer die Menschenwürde in Frage stellt, der legt die Axt an diese Republik. Der stellt all das in Frage, was diese Republik ausmacht, wofür wir in der ganzen Welt geachtet werden. Es ist meine Aufgabe als Abgeordneter des Deutschen Bundestags, unsere Republik und ihre Werte zu verteidigen. Übrigens: Unser Grundgesetz braucht uns alle, um es zu verteidigen. Ob wir nun Abgeordneter des Deutschen Bundestages sind, Kommunalpolitikerinnen, Lehrer oder bei der Polizei. Wir müssen widersprechen, wenn faschistoides Zeug geredet wird. Ich sehe meine Rede als einen Beitrag zur Verteidigung unseres Landes und seiner Werte.

Frage: Sie ist vermutlich auch deshalb so gut angekommen, weil sie sehr offen und sehr klar in der Sprache, aber eben auch hochemotional war. Das fehlt ja oft in politischen Aussagen. Passiert das zu selten in der Politik?

Cem Özdemir: Es gibt viele Dinge, die wir in Deutschland besser machen können. Denken wir nur an das Thema Klimaschutz. Aber wenn wir mal aus der Vogelperspektive schauen und unsere Probleme mit Problemen anderswo vergleichen, dann geht es uns in der Bundesrepublik doch verdammt gut. Das zu sagen und wertzuschätzen, finde ich wichtig. Gerade in der heutigen Zeit, in der es zu viele gibt, die alles schlechtreden. Die so tun so, als lebten wir im furchtbarsten Land der Welt. Nichts anderes macht ja die AfD. Wir verbessern doch nichts, indem wir alles schlecht reden, sondern indem wir die Ärmel hochkrempeln und anpacken - für Solingen und NRW, für Stuttgart und Baden-Württemberg, für Deutschland und auch für Europa. Das muss doch die Haltung sein. Das wollte ich bei dieser Rede zum Ausdruck bringen. Mir ging es auch darum, der AfD ihre Verlogenheit vorzuführen: Die AfD möchte ja angeblich unsere Heimat schützen. Da sage ich: Schöne Patrioten sind das, die mental näher bei Putin stehen als bei den Werten unseres Landes! Ich muss sagen, das auszusprechen hat mir schon insgeheim Freude bereitet. Gerade weil ich jetzt eben nicht Heinz, Detlef, Gustav oder Eberhard heiße, kitzelt es mich besonders, die Werte unseres Landes gegenüber der AfD zu verteidigen.

Frage: Welche Reaktionen gab es danach?

Cem Özdemir: Das schönste Kompliment für meine Rede haben mir die Fans des VfB Stuttgart gemacht. Ich war zufälligerweise wenige Tage später im Stuttgarter Stadion. Als ich nach einem Interview am Spielfeldrand zurück zu meinem Sitzplatz ging, sind die Fans aufgestanden. Sie haben geklatscht und auf Schwäbisch gerufen: „Özdemir, das hascht gut g'macht! Özdemir, das war mal notwendig, dass denen von der AfD mal jemand sagt, uns gibt es auch! Wir sind auch Deutsche! Und wir sind die Mehrheit!" Im Fußballstadion, da sitzen eben nicht nur Grüne, sondern auch Leute, mit denen wir wahrscheinlich in vielen Fragen sehr unterschiedlicher Meinung sind. Aber in dem Moment hat sich ein Teil dieser großen Mehrheit, die mit der AfD nichts zu tun hat - nämlich laut Umfragen ganze 85 Prozent in unserm Land - hinter jemandem versammelt, der Özdemir und nicht Müller oder Schulze heißt. Der aus einer muslimischen Familie stammt. Dessen Eltern als sogenannte Gastarbeiter aus Anatolien nach Deutschland gekommen sind. Und sie haben gesagt: Der spricht für uns. Ich werde mich immer daran erinnern, wie diese Fans des VfB Stuttgart mir gezeigt haben: Der hat unsere Gefühle übersetzt. Das ist das schönste Kompliment, das man einer Politikerin oder einem Politiker machen kann.

Frage: Welche Folge hat Ihre Rede gehabt? Haben Sie vermehrt Drohungen und Anfeindungen erhalten? Es ist ja durchaus mutig, so etwas zu tun, gerade im Umgang mit Vertretern extremer politischer Strömungen.

Cem Özdemir: Die Reaktionen waren schon heftig. Aber ich habe mir da vorher keine Gedanken gemacht, denn das ist einfach mein Job, dass ich meine Meinung klar und frei äußere und unser Grundgesetz verteidige. Da gehört es auch dazu, dass man sich nicht nur Freunde macht. Dass man auch bereit ist, sich mit der Kraft des Wortes mit Leuten anzulegen, deren Auseinandersetzung unterhalb der Gürtellinie stattfindet (ob sie nun Erdogan, Gauland, Trump oder Putin heißen) - und dann nicht gleich wegläuft. Das Spannende ist ja, dass die Fanatiker viel mehr gemeinsam haben als sie zugeben wollen. Die sind sich am Ende ja relativ ähnlich in ihrem Hass auf alles Schöne; in ihrem Hass auf alles, was Menschen verbindet; in ihrem Hass auf alles, was die Errungenschaften der menschlichen Zivilisation sind. Sie stellen genau das in Frage, wofür Europa und die westliche Wertegemeinschaft stehen. Und ich tue alles, was ich kann, um diese Errungenschaften zu verteidigen.

Frage: Macht das Ihrer Familie schon mal Angst, wenn Sie da klare Kante zeigen?

Cem Özdemir: Vor meinem Engagement für Armenien-Resolution, mit der der Deutsche Bundestag den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich anerkannt hat, habe ich lange mit meiner Familie gesprochen und auch den Rat von Mitarbeitern, Freunden und Nachbarn gesucht. Ich wusste, dass sich mein Leben ziemlich drastisch verändern würde und habe mich gefragt: Kann ich weiter in die Türkei reisen? Kann ich in Kreuzberg, wo ich lebe, noch einkaufen gehen? Kann ich einfach so auf die Straße gehen? Ich wusste also, worauf ich mich einlasse. Ich wusste, dass mein Eintreten für die Anerkennung des Völkermords Konsequenzen haben würde. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden. Denn ich hätte es anders nicht verantworten können. Nicht vor mir und auch nicht vor meinem ermordeten Freund, dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink. Er war ein großer Kämpfer fr Demokratie, für Menschenrechte und für die Aufklärung dieser Verbrechen. Er hat mit seinem Leben bezahlt. Ich lebe in einer Demokratie, mir geht es gut. Ich werde im Zweifelsfall bei meinen öffentlichen Auftritten geschützt. Wenn ich selbst Angst hätte, wie könnte ich denn dann andere dazu motivieren, für unsere Demokratie einzustehen?

Frage: Ist es leichter, den Finger in die Wunde zu legen, wenn man kein hohes Amt in Regierung, Fraktion oder Partei besetzt? Können Sie die Dinge deshalb freier und schärfer ansprechen?

Cem Özdemir: Natürlich macht es einen Unterschied, welche Funktion man hat. Es ist schwieriger, manche Dinge klar zu benennen, wenn man eine bestimmte Rolle ausübt. Doch wenn ich auf meine Zeit als Bundesvorsitzender der Grünen zurückschaue, dann habe ich da dennoch nicht mit Klarheit gegeizt. Denken Sie an den Satz: „Kein Heiliges Buch steht über dem Grundgesetz." Diesen Satz habe ich als Grünen-Chef gesagt. Klarheit in der Sache ist immer mein Ziel, egal in welcher Funktion.

Das Gespräch führte Thomas Kraft, stellvertretender Pressesprecher der Stadt Solingen.

Teil 1: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“
Teil 3: „Die universellen Menschenrechte machen nicht an den Grenzen eines Landes Halt“

Wer die Würde in Frage stellt, legt die Axt an unsere Republik

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