Einheit ist, was wir daraus machen.

Stand 03.10.2020

Portrait Tim Kurzbach

Liebe Solingerinnen und Solinger,

wir feiern in diesen Tagen. Wir feiern, dass sich die Wiedervereinigung Deutschlands zum 30. Mal jährt. Es ist eine dankbare Freude, die mich erfasst, wenn ich an das denke, was sich 1989 / 1990 in den beiden deutschen Staaten ereignete. Und egal, was sich gewiss auch an Kritischem zu diesem Prozess anmerken lässt: Unter dem Strich bleibt die Einheit am Ende eine Erfolgsgeschichte von Freiheit und Demokratie.

Untrennbar verbunden mit dieser Vereinigung ist die lange Friedensphase, die Europa seit nun bereits 75 Jahren erleben darf. Einheit und Frieden – Einheit durch Frieden – Frieden durch Einheit. Egal, wie wir dieses Wort-Paar drehen und verknüpfen: Es gehört zusammen, es bedingt sich, es ergibt immer Sinn. Und es gibt ganz gewiss die richtige Richtung vor.

An diesem einzigartigen Friedensprojekt, für das Europa und die Deutsche Einheit stehen, beteiligt sich auch unsere Klingenstadt Solingen ganz spürbar. Das gilt im Inneren, im täglichen Leben unserer Stadtgesellschaft, ebenso wie im Äußeren. Ich denke dabei ganz konkret an die tollen Verbindungen, die mit unseren Partnerstädten in Europa, Israel, Afrika und Südamerika gewachsen sind. Alle Partnerschaften sind besonders. Aber wenn es um die Wiedervereinigung vor 30 Jahren geht, sticht natürlich die Partnerschaft mit Aue heraus. Die Verbindung mit unseren Freundinnen und Freunden in Sachsen feiert 2020 ebenfalls ihr 30-Jähriges. Um das zu würdigen, hat uns Heinrich Kohl, mein Oberbürgermeister-Kollege aus Aue, am Tag der Deutschen Einheit besucht. Ein tolles Zeichen für die Lebendigkeit unserer Städtefreundschaft.

„Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass ich heute vor Tausenden von Menschen in Aue sprechen würde, dann hätte ich wahrscheinlich geantwortet: ,Ich bin zu sehr Realist, um an Wunder zu glauben.‘“ Das sagte der Solinger Oberbürgermeister Gerd Kaimer, als er im Februar 1990 bei der Montags-Demo in Aue zu Gast war. Bereits zwei Monate später, am 26. April 1990, wurde die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet. Sie dokumentierte die deutsche Vereinigung im kleinen kommunalen Maßstab bereits ein halbes Jahr,  bevor am 12. September 1990 der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet und schließlich am 3. Oktober 1990 die Einheit vollzogen wurde.

Das Wunder war perfekt. Was freie Gedanken ausgelöst und zum Teil im Geheimen erträumt hatten, war nun Wirklichkeit. Wie offen der Solinger Stadtrat für eine lebendige Verbindung ins andere Deutschland war, hatten die Fraktionen bereits 1984 gezeigt, als sie sich einstimmig dafür aussprachen, partnerschaftliche Kontakte zu einer Stadt in der DDR aufzunehmen. Die Mauer war erst zwei Wochen gefallen, als Gerd Kaimer an die Stadt Aue schrieb, um seinen Wunsch vorzutragen. Wie so vieles in jenen Wochen, ging es dann auf einmal ganz schnell.

Die Unterzeichnenden der Partnerschaftsurkunde bewiesen Weitblick. Sollte doch „die Zusammenarbeit und das vertiefte Verständnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern beider Städte einen Beitrag zum friedlichen Miteinander der Menschen als Deutsche einer Nation unter dem Dache eines europäischen Hauses leisten“.

Gleichwohl haben die heutigen Deutschen viele Nationen. Wie bunt die Landkarte ihrer Herkunft allein in Solingen ist, mag sich vorstellen, wer die Zahl 140 liest! Aus so vielen Nationen stammen die Menschen, die heute in Solingen leben – als Nachbarn, Mitschüler, Familienmitglieder, Freunde, Kollegen, Mannschaftskameraden ... Zusammen bilden wir eine offene und muntere Gesellschaft. Ob aus Ost oder West, aus Nord oder Süd – im Alltag geht es nur darum, sich kennenzulernen, ins Gespräch zu kommen, neugierig zu sein, sich von Klischees zu trennen und offen zu bleiben. Mensch, miteinander!  

Es ist zur guten Tradition geworden, am Tag der Deutschen Einheit den Einbürgerungsempfang der Stadt Solingen zu veranstalten. Es ist ein feierlicher Moment für alle, die seit dem  Oktober des vergangenen Jahres in der Klingenstadt eingebürgert wurden. Dieses Mal handelt es sich um 191 Erwachsene und 16 Kinder. Sie leben seit mindestens acht Jahren in Deutschland und haben den Wunsch, „vollständig“ dazu zu gehören. Das bedeutet nicht nur das Recht zu haben, wählen zu gehen, sondern das beinhaltet auch die Einladung, sich in politischen und sonstigen Gremien zu beteiligen - um auf diese Weise unsere Gesellschaft und damit unsere Demokratie zu stärken.

Lernen wir voneinander, so wie wir aus der Geschichte lernen sollten. Denn zusammen tragen wir Verantwortung für die Zukunft. Wenn wir dies hier in Solingen im kleineren Maßstab ernst nehmen, dann strahlt das auch aus auf die größeren Zusammenhänge. Dessen bin ich sicher. Und ich meine, dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist unser aller Pflicht. Das sind wir der Freiheit und dem Frieden schuldig, mit denen wir seit Jahrzehnten beschenkt sind. Ein Solingen ohne Grenzen in einem Deutschland ohne Grenze - eingebettet in ein offenes Europa.

Wir Deutschen haben am 3. Oktober allen Grund, dankbar zu sein. Lassen Sie uns etwas von diesem Dank zurückgeben – als tätige Nächstenliebe im Alltag. Mit offenen Herzen, offenen Händen und offenen Türen.

Ihr

Tim-O. Kurzbach
Oberbürgermeister