Fritz Gräbe - ein Gerechter unter den Völkern

Stand 06.2017

Portrait: Fritz Gräbe in den USA

Am 24. Juni 2016 erhielt das Gräfrather Haus der Jugend am neuen Standort Nibelungenstraße 12 offiziell den Namen „Fritz-Gräbe-Haus". Doch wer war dieser Mann? Erste Hinweise sind auf der Gedenktafel an Gräbes altem Wohnhaus zu finden, die am 19. Juni 1996 an der Schulstraße 53 installiert wurde.

Hermann Friedrich („Fritz") Gräbe wurde am 19. Juni 1900 in Gräfrath geboren. Bereits 1931 trat er der NSDAP ein, die er aber drei Jahre später schon wieder verließ. 1941 wurde der Bau-Ingenieur als Niederlassungsleiter der Solinger Firma Josef Jung in die Provinzstadt Sdolbunov geschickt, deren Eisenbahnknotenpunkt in der besetzten Ukraine von strategischer Bedeutung war.

Noch im selben Jahr wird Gräbe Zeuge eines Erschießungskommandos, bei dem 17.500 Juden niedergemetzelt werden. „Ich muss etwas tun": Mit diesen Worten bittet der evangelische Christ seine Sekretärin um Hilfe. Maria Bobrow ist wie viele seiner 2000 Mitarbeiter - überwiegend Zwangsarbeiter - jüdischen Glaubens. Gemeinsam besorgen sie rund 300 Juden „arische" Papiere, mit denen diese auf entlegenen Baustellen und in Schein-Filialen untertauchen können. So entgehen sie dem für Juli 1942 geplanten Pogrom, das das Gebiet von Rowno „judenrein" machen soll. 1944 stellt sich Gräbe den Alliierten in Aachen als Zeuge zur Ermittlung der deutschen Kriegsverbrechen zur Verfügung. Als einziger Deutscher sagt er gegen die SS-Leute aus, die eine Viertelmillion ukrainischer Juden ermordet haben. Seine Aussagen finden Eingang in das Schlussplädoyer des britischen Staatsanwalts im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher (20. November 1945 bis 1. Oktober 1946).

Fritz Gräbe bei der Pflanzung eines Baumes in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem

Weil er daraufhin als „Verräter" nicht nur in Solingen geächtet wurde, sondern auch Morddrohungen aus ganz Deutschland erhielt, emigrierte Fritz Gräbe mit Frau und Sohn 1948 in die USA, wo er sich sechs Jahre später einbürgern ließ. In den 60er Jahren wurde Gräbe erneut als Belastungszeuge bei einem SS-Verbrecher-Prozess vorgeladen - und anschließend Opfer einer medialen Hetzkampagne. „Einmal mehr offenbarte sich am Schicksal Gräbes, wie lange sich die deutsche Nachkriegsgesellschaft weigerte, sich ihrer Verantwortung zu stellen", kommentierte rückblickend der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). 1965 wurde Fritz Gräbe als einer der ersten Deutschen in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern" geehrt mit der Begründung: „Er hat in einem Maß Rechtschaffenheit, Großmütigkeit und Tapferkeit gezeigt, wie es nur selten gesehen und dokumentiert worden ist." Fritz Gräbe starb am 17. April 1986 in seiner Wahlheimat San Francisco / Kalifornien. Seine (mediale) Rehabilitierung setzte erst in den 1990er Jahren ein.

Familie Gräbe in den 1950er Jahren: Hermann (Fritz), Fred (Friedel) und Elisabeth Gräbe

Gräbes Sohn Frederick Graebe würdigte die Umbenennung des Gräfrather Jugendzentrums mit folgenden Worten: „Auf die heutige Jugend kommt es bei der Gestaltung der Zukunft an. Mein Vater hat seine Hoffnungen stets auf die deutsche Jugend gesetzt." Erfreulich ist denn auch, dass immer wieder Besucher des Jugendzentrums nach Fritz Gräbe fragen und sich mit ihm auseinandersetzen - unter anderem initiiert durch die Gedenktafel, die der Bergische Geschichtsverein für das Fritz-Gräbe-Haus gestiftet hat. Auch darüber hinaus wird einer der berühmtesten Söhne der Klingenstadt in Gräfrath gewürdigt: durch die Namensgebung „Fritz-Gräbe-Straße" für eine Erschließungsstraße im Heider Hof.

Denn viel zu lange ist der „Solinger Schindler" in der Klingenstadt diskreditiert und als Verräter geächtet worden. Gräbes Wahrnehmung entsprach dem allgemeinen Umgang der Deutschen mit ihrer Nazi-Vergangenheit: von Ablehnung über Verdrängung bis hin zu Distanz.

Urkunde: Familie Gräbe 1969

Erst seit der US-amerikanischen TV-Serie „Holocaust" (1978) und dem Steven-Spielberg-Film „Schindlers Liste" (1994) wuchs das Bewusstsein und damit auch der Stolz für die verleugneten Helden unserer eigenen Geschichte - seit 1993 verdienstvoll recherchiert vom Solinger Historiker Dr. Horst Sassin und maßgeblich unterstützt von Alt-Oberbürgermeister Gerd Kaimer. Tatsächlich wurde „erst mit der Anerkennung des Unrechtscharakters des Dritten Reiches durch die breite Bevölkerung (...), mit dem Generationenwechsel auch in der Solinger Presse (...) die Gesellschaft wieder offen, die Taten eines Menschen anzuerkennen, der den Tätern und den Zu- und Wegschauern ein beschämendes Zeugnis ausstellt". (Dr. Horst Sassin in: Douglas K. Huneke: In Deutschland unerwünscht, a.a.O.) Fast visionär waren demnach die Worte, mit denen Elisabeth Gräbe den Einsatz ihres Mannes Fritz für seine jüdischen Mitarbeiter 1942 bekräftigte: „Unser Sohn wird dich einmal fragen, was du getan hast, als alle wegsahen."

Literatur-Tipp

Douglas Huneke: In Deutschland unerwünscht.
Hermann Gräbe - Biografie eines Judenretters.
Lüneburg 2002.

Hörbuch-Tipp

Wolfgang Heuer: Hermann Gräbe,
der Oskar Schindler von Rowno.
Der Hörverlag, München 1998.

Film-Tipp

„In Deutschland unerwünscht"
90-minütiger Dokumentarfilm, D 1999/200,
Drehbuch und Regie: Wolfgang Heuer / Dietrich Schubert