Dezember 2016: Gerd Kaimer ist tot

Sensibler Botschafter der Klingenstadt

Im Rahmen einer bewegenden Gedenkveranstaltung in der evangelischen Kirche Dorp hat Solingen am 20. Dezember Abschied von ihrem Alt-Oberbürgermeister genommen. Die Gedenkrede hielt Tim Kurzbach. Ein Link zum Manuskript der Rede finden Sie als Link am Ende dieser Seite.

Gerd Kaimer, unser langjähriger Solinger Oberbürgermeister, ist tot. Er war schon seit Wochen sehr krank. Für mich war er ein großes Vorbild. Noch im Juli haben wir seinen 90. Geburtstag im Kunstmuseum mit einer sehr schönen Feier begangen, die ihm große Freude gemacht hat.

Die Generation, die den Krieg miterlebt und den Wiederaufbau gestaltet hat, verlässt uns nach und nach. Sie hatte viel zu erzählen, wenn wir Nachgeborenen nur genug Fragen stellten. Ich konnte die Chance noch wahrnehmen, ich habe ihn oft am Krankenbett besucht und sehr intensive Gespräche mit ihm führen können.

Der Solinger Verwaltungsvorstand trägt sich in das Kondolenzbuch für den verstorbenen Alt-Oberbürgermeister Gerd Kaimer ein.
Der Verwaltungsvorstand trägt sich ins Kondolenzbuch
für Gerd Kaimer ein.

Wir kennen die Bilder des Krieges nur aus dem Fernsehen. Gerd Kaimer gehörte zu denen, die persönlich erfahren hatten, was Krieg ist und was Todesangst heißt. Als 18jähriger hatte er die letzten Kriegswochen nacheinander in den Niederlanden, an der Sieg und schließlich an der „Heimatfront" überstanden - immer in der Furcht, doch noch zur falschen Zeit am falschen Ort zu landen und auf die letzte Minute getötet zu werden. „Verheizt" hieß das damals. Ein Schicksal, das im April 1945 an allen Fronten noch hunderttausende Menschen erlitten. Überleben war Glückssache.

Und selbst als die Waffen schwiegen, war der Krieg für ihn nicht zu Ende. Was ihm den „Rest gab", wie er selbst formulierte, das war die zweimonatige Internierung in amerikanischer Gefangenschaft auf den Rheinwiesen an der Brücke von Remagen mit etwa 250000 Mitgefangenen, zusammen mit dem Vater. Als er am 6. Juni 1945 nach Solingen zurückkehrte, wog er noch 41 Kilogramm und trug sich mit Auswanderungsgedanken. Was sollte man im zerstörten Deutschland noch anfangen?

Lebensthema: Bildung der Jugend zu Demokratie und Verantwortung

Doch es kam anders Er wurde Volksschullehrer und blieb. Er wendete sich nicht enttäuscht und ernüchtert von der Politik ab, wie viele seiner Generation, sondern trat der SPD bei. Es waren aber weniger die politischen Gremien, in denen er Verantwortung für die Gesellschaft der jungen Bundesrepublik übernahm. Sein Lebensthema war die Bildung der Jugend. Bildung war das Versprechen auf die Zukunft: auf die Überwindung des Nationalsozialismus durch die Heranbildung selbst denkender, verantwortlicher Menschen.

Bei dieser Wandlung der Deutschen zu Demokraten kam den Lehrerinnen und Lehrern eine Schlüsselrolle zu. Dies hat Gerd Kaimer schon als junger Mensch erkannt: Er wurde Volksschullehrer, ein Reformlehrer mit humanistischem Ansatz, der Schulchor und Schultheater liebte und der schon 1953 Schulfahrten von Solingen nach England, nach Huddersfield, organisierte. Denn auch die Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsfeinden in einem vereinten Europa stand auf seinem Lehrplan.

Aussöhnung und Annäherung blieben ihm Herzensanliegen ein Leben lang. Ob er hinter dem „Eisernen Vorhang" nach einer Partnerstadt im Ostblock für Solingen suchte oder nach Mercimek zu den Gräbern der in Solingen ermordeten Familienangehörigen der Familie Genc reiste - er war ein mitfühlender Botschafter Solingens und immer auf Augenhöhe mit seinen Gesprächspartnerinnen und -partner. Dafür hat er sich viele Sympathien erworben. Er trug den Ehrenring der Stadt mit Stolz und mit Recht.

Vorbild für unsere Zeit

Welch ein positives Gegenbild bildet Gerd Kaimer mit seiner Lebensleistung zu den verantwortungslosen Populisten, die heute - quer durch Europa - das politische Erbe seiner Generation, die Einheit Europas und den gesellschaftlichen Frieden, zu verspielen drohen?

Seine Tagebuchaufzeichnungen und sein politisches Vermächtnis hat er dem Stadtarchiv vermacht. Ich werde mich dafür einsetzen, dass sein politisches und menschliches Wirken in Solingen nicht in Vergessenheit gerät und weitere Generationen inspiriert.

 

Ihr und Euer
Tim Kurzbach

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