Das Wir soll immer unser Wegweiser sein!

Stand 05.2018

Oberbürgermeister Tim Kurzbach

Liebe Solingerinnen und Solinger,

Am 29. Mai 1993, vor 25 Jahren, zündeten vier rechtsradikal infizierte Jugendliche das Haus der türkischen Familie Genç an, weil sie offenbar nicht wussten, wohin mit ihrem diffusen Hass auf Menschen, die vermeintlich anders waren. Fünf Kinder und junge Frauen bezahlten das mit ihrem Leben, andere erlitten Verletzungen, die bis heute nachwirken. Die seelischen Wunden der Überlebenden schmerzen auch nach 25 Jahren noch. Ganz zu heilen sind sie nie. Auch nach einem Vierteljahrhundert stehen die meisten von uns voller Fragen da: Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Woher kommt solcher Hass, solcher Mangel an Einfühlung?

Damals hat Mevlüde Genç, die Mutter und Großmutter der Opfer, ihre Hand ausgestreckt und zur Versöhnung aufgerufen: „Der Tod meiner Kinder soll uns dafür öffnen, Freunde zu werden.“

Diese Losung ist ein Auftrag geworden, dem wir uns bis heute verpflichtet fühlen. Solingen ist seitdem ein Stück zusammengerückt. Viele Menschen stehen klar für ein respektvolles, friedliches Miteinander in unserer Stadt ein und sind auf vielerlei Weise miteinander vernetzt. Sie unterstreichen immer wieder, dass Rassismus und Hass hier nichts zu suchen haben. Dazu verpflichtet uns die Ratio und die Empathie, die Vernunft und das Mitgefühl. Dazu verpflichtet uns auch unsere besondere Geschichte.

Fachleute waren sich damals einig, dass der Solinger Brandanschlag vom 29. Mai 1993, aber auch die Hasstaten von Rostock, Hoyerswerda und Mölln, einen geistigen Nährboden hatten, der in der Aussage kulminierte: „Das Boot ist voll“. Aus dem Wahlkampf heraus wurden damals Ängste geweckt, die vielen „Fremden“ seien eine Bedrohung für unsere Gesellschaft. Aktuell erleben wir wieder eine solche Verrohung der politischen Sprache, mit hohem Aggressionsfaktor. Im Deutschen Bundestag sitzt seit wenigen Monaten eine Partei, für die Hass, Ausgrenzung und Respektlosigkeit geradezu der Markenkern sind.

Es ist immer große Vorsicht geboten, wenn simple Lösungen für vielschichtige Probleme und komplexe Zusammenhänge geboten und die eine oder andere Minderheit – nach Hautfarbe oder religiösem Bekenntnis – als „Sündenbock“ identifiziert wird. Das lenkt und legitimiert den dumpfen Hass derer, die es dann nicht beim Schlagen mit Worten belassen.

Auch deshalb hat Solingen 25 Jahre nach dem Brandanschlag den Auftrag, zu mahnen, aber vor allem Verständigung und Freundschaft zu leben. So wie Mevlüde Genç es am Grab ihrer Kinder gefordert hat. Und so wie es die Menschen aus 140 verschiedenen Nationen, die in unserer Stadt zusammenleben, einfach verdienen. Wie überall anderswo auch.

Es grüßt herzlich
Euer und Ihr

Tim-O. Kurzbach
Oberbürgermeister