Wer Neues wagt, gewinnt.

Was Solingen von Gouda lernen kann.

Liebe Solingerinnen und Solinger,

seit 1957 verbindet das südholländische Gouda und unsere Klingenstadt eine herzliche Städtepartnerschaft. Die Zahl der Solingerinnen und Solinger mag inzwischen in die Tausende gehen, die in der Vorweihnachtszeit nach Gouda gereist sind, um den „Kaarsjes avond“ zu erleben, das berühmte Lichterfest, wenn die sehenswerte Altstadt rund um das sechshundert Jahre alte Rathaus nur von Kerzen erhellt wird.

Aus Anlass der 60-jährigen Städtepartnerschaft fuhr ich Ende Januar mit den Kolleginnen und Kollegen des Verwaltungsvorstands  für zwei Tage nach Gouda, zu einer gemeinsamen Sitzung mit der Stadtspitze. Anstelle eines „steifen Festakts“ war ein Arbeitsbesuch zu Themen verabredet, die uns in den Niederlanden und in Deutschland gleichermaßen bewegen: Integration, Flucht, Sicherheit und „eGovernment, die digital arbeitende, weitgehend papierlose Verwaltung.

Die Erkenntnis: Wer heute beim Thema „eGovernment“ mitreden will, kann auch aus den Niederlanden viel erfahren.

Was hierzulande noch zu oft als Utopie belächelt wird, ist dort längst Realität und kann im Stadthaus besichtigt werden: Ein großzügiges, zentrales Bürgerbüro, in dem auch tatsächlich jedes Bürgeranliegen entgegengenommen wird, vom Personalausweis bis zum Sozialhilfeantrag. Und (nach Maßstäben der deutschen Verwaltung) revolutionär neue Formen der Büroarbeit – Stichwort: coworking: Offene, transparente Etagen mit schallgedämmten Großflächen und den unterschiedlichsten Formen von Arbeitsmöglichkeiten und Sitzgelegenheiten, ein leistungsfähiges WLan, das unabhängig macht von Netzwerkanschlüssen.

Einzelbüros und feste Arbeitsplätze im Haus sind passé. Das vor vier Jahren bezogene „Huis van de Stad“ bietet ohnehin nur noch für 70 Prozent der rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Platz. Die können sitzen und arbeiten, wo sie Platz finden und wo sie wollen. Auch zu Hause, denn durchschnittlich ein Drittel der Belegschaft ist nur noch virtuell „zugegen“, zugeschaltet über das Internet. Tendenz steigend. Leicht verständliche Informationssysteme zeigen, wer mit seinem Rechner eingeloggt ist und wo: im Rathaus oder anderswo.

Vor vier Jahren hat Gouda das neue Rathaus bezogen, ein zehnstöckiges Gebäude direkt am Bahnhof, dessen Glas- und Betonfassade an die berühmten Sirupwaffeln aus der Partnerstadt erinnern soll. 50 Millionen Euro hat die Stadt investiert und dafür fünf alte Standorte geschlossen. Das Konzept der „neuen Büroarbeit“ hat den Platzbedarf des Rathauses auf die Hälfte reduziert, nicht nur wegen der „Telearbeit“, sondern auch durch die radikale Umstellung auf „papierlose Verwaltung“. Jede Menge teurer Büroraum wurde so gar nicht mehr benötigt. Mehr als einen laufenden Meter Akten durfte kein Mitarbeiter behalten, innerhalb von zwei Jahren wurde der Papierbestand digitalisiert. Bürgermeister und Vorstand schleppen heute keine Leitzordner mehr in ihre Sitzungen, nur noch Tablet Computer. Tagesordnungen, Vorlagen, Protokolle und Termine, der Schriftverkehr – alles steht elektronisch zur Verfügung.

Das Rathaus von Gouda: Gesamtkunstwerk aus Büroorganisation, Design und Architektur

Beim Gang durch Rathaus vergisst der Besucher daher schnell, dass er in einem Amtsgebäude ist. Eher hat er den Eindruck, sich in einer Ausstellung für zeitgenössische Innenarchitektur und modernes Möbeldesign zu bewegen. Alles ist offen, die wenigen noch vorhandenen Zweierbüros sind rundumverglast, es ist einladend hell, die Töne sind gedämpft, die Farbgebung fröhlich. Aktenschränke sieht der Besucher nicht, dafür laden Kaffeemaschinen zur Selbstbedienung ein. Innovative Möbelkonzepte überraschen - wie die an Riesenohrensessel erinnernden Sitzmöbel, die dem, der in ihnen Platz genommen hat, unmittelbar einen Raum der Stille und Zurückgezogenheit schaffen. Stehen sich zwei dieser Sessel gegenüber entsteht sogar ein diskreter Gesprächsräum für zwei.

Reisen bildet! Und inspiriert! Von Gouda können wir in Solingen unmittelbar etwas lernen. Zum Beispiel, dass die Zukunft der Büroarbeit längst begonnen hat – aber leider außerhalb der deutschen Rathäuser. Mir scheint, wir haben uns in Deutschland eingemauert in Wände aus Aktenschränken und Ordnern. Hinter diesen Wänden drohen wir den Anschluss zu verlieren. Wir – Führungskräfte, Mitarbeitende und nicht zuletzt die Bürgerinnen und Bürger – können alle gewinnen, wenn wir die trennenden und nur scheinbar schützenden Bürowände um uns herum niederreißen und uns neuen Formen der Zusammenarbeit öffnen. Einfach wird der Weg nicht: Nicht nur die Mentalität ist hierzulande eine andere als in den Niederlanden, ein ganzes Gestrüpp aus Vorschriften muss gesichtet und in die Schranken gewiesen werden. Aber ich bin sicher: es geht viel mehr, als wir meinen, wenn wir es nur wollen. Gehen wir es an!

Euer und Ihr

Tim Kurzbach

 

Impressionen aus dem neuen Rathaus der Stadt Gouda